Zum Herrn (Hos 6,1)

Hos 6,1
[1] Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.

[Plötzlicher Tod eines aus der Kirche Ausgetretenen]

Liebe Frau Xxx, liebe Angehörige, liebe Nachbarn und Freunde von Herrn Xxx,
liebe Trauergemeinde.

Am vergangenen Samstag wurde plötzlich und unerwartet Herr Xxx aus Ihrer
Lebensmitte weggerissen und vor seinen Schöpfer gerufen. So viel wäre noch zu
sagen gewesen, soviel war noch geplant gewesen – ungerecht und bitter scheint der Ratschluss unseres Gottes! Gerade eben – so scheint es in der Rückschau – gerade eben war es doch geschafft, die Probleme, die im Leben bereits gemeistert waren, hinter sich gelassen, ein Neuanfang gewagt und gerade dann: der Tod, blitzschnell, ohne Möglichkeit für das letzte Wort. In diesen Momenten erkennen wir, was es heißt, dass der Tod und täglich bedroht und wir ihm ausgeliefert sind wie ein Spielball, unfähig, die eigene Richtung und das eigene Wohlergehen zu meistern. In dieser Situation wenden wir uns zu Gott und wir klagen ihm unser Leid, denn menschliche Worte vermögen uns nicht zu trösten. So suchen wir ihn, den Herrn über Leben und Tod, in den Worten, die er uns überlassen hat, auf dass wir ihn finden und Halt bekommen in unserem schwachen Leben. Wir schlagen nach
beim Propheten Hosea im sechsten Kapitel, den Vers eins und lesen: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.“

„Kommt wir wollen wieder zum Herrn.“ Wann suchen die Menschen Gott? Wann finden
sie zu ihm und preisen seinen Namen? Selten genug, wenn es ihnen gut ergeht,
selten genug, wenn sie sich in ihren kleinen Sorgen des Alltags verheddern und versuchen, ihr Leben zu planen und abzusichern gegen alle Unbill. Aber es gibt sie, die Momente, die uns alle ereilen, da fragen wir nach ihm und seiner
Gerechtigkeit: wo warst du Gott, als es mir schlecht ging? Wo warst du, als ich
dich am nötigsten gebraucht habe?

Wie Sie wissen, war Herr Xxx nicht mehr Mitglied unserer Kirche, er stand nicht mehr in der Gemeinschaft derer, die sich vor der Welt zu seinem Namen bekennen.

Wir wissen nicht, warum er diesen Schritt getan hat – vielleicht war es auch nur wegen des Geldes – wie so oft heutzutage. Aber wir respektieren seinen Entschluss und wollen ihn nicht durch seinen Tod übergehen. So stehe ich hier als Pfarrer der evangelischen Gemeinde und bin dennoch nur Seelsorger für die Hinterbliebenen. Wir aber, die Hinterbliebenen, die die Lücke, die Herr Xxx gerissen hat, schmerzlich spüren, wir halten uns an das Propheten-Wort: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn.“, denn es gibt nichts anderes an das wir uns im Glauben halten können. Denn wir glauben diese Einheit in unserem Leben: alles hält Gott in seiner Hand: den Tod und das Leben, die Trauer und die Freude. „Er hat uns zerrissen – er wird uns auch wieder heilen.“ Wir rufen zu dem rettenden
Gott gegen den richtenden, strafenden Gott und wissen doch, dass es einer ist,
der alles regiert. Das Zerrissensein hat Herr Xxx nach dem Zeugnis, das ich über
ihn habe, oft genug in seinem eigenen Leben spüren müssen. Gar nichts weiß ich über sein Leben vor seiner zweiten Ehe und seinem Ruhepunkt, den er mit seiner Frau hier in Xxx gefunden hat, aber selbst in diesem zweiten Abschnitt, der praktisch mit seiner Ehe xxx begann gab es dieses Zerrissensein: der Kampf gegen eine schwere Krankheit, einen Kampf, den er oft genug verloren hat und der auch sein Leben und seine Liebe hier zu bedrohen begann und seine Spuren hinterlassen hat. Vielleicht auch deshalb wirkte Herr Xxx sehr verschlossen, er ging nicht gerne unter Leute, er war nicht fähig, seine Gefühle nach außen hin mitzuteilen.

Dennoch bleibt sein Bild, sein Andenken an ihn für seine Frau als einen Menschen, der hilfsbereit war, der für einen da war, wenn es darauf ankam, ein Mensch, mit
dem gut auszukommen war. Seine Freuden bestanden darin, im Haus sein zu können, zu kochen und in seiner Werkstatt zu werkeln. Als Christen glauben wir, dass Gott in eines jeden Menschen Leben wirkt und seine Hand über ihn hält. Vielleicht war es ja dies – nach so langer Zeit – was ihn die letzten zwei Jahre hat zur Ruhe kommen lassen. Lesen wir weiter im Propheten Hosea: „Er hat uns geschlagen, er
wird uns auch verbinden.“ Es ist die Hoffnung über den Tod hinaus, die wir
Christen teilen, an die wir uns halten, angesichts der Ungerechtigkeit in dieser
Welt, angesichts des Leides und des Todes. Wir glauben, dass Gott eine bessere Welt bereit hält und wir glauben auch, dass er sie für alle Menschen gedacht hat, deren Schöpfer er ja doch ist. Nach dem Tode kommt das Gericht, in dem sich jeder von uns schmerzlich dem stellen wird, war er versäumt hat, worin er gefehlt hat, was er Böses getan hat. So werden wir noch einmal Verantwortung übernehmen müssen
für unsere Taten und unser Unterlassen. Wir vertrauen aber der Güte Gottes in
seinem Gericht, dass er uns gerecht spricht nicht aufgrund unserer Werke, sondern aufgrund seiner großen Barmherzigkeit und dass er uns geleitet in seine neue Welt, die ohne Schmerz und ohne Tod und ohne Leid sein wird.

Das mag uns Christen, die wir zurückbleiben auf dieser Seite des Lebens ein Trost sein und eine Zuversicht, nach der wir uns in unserem Leben orientieren können. Herr Xxx
ist bereits einen Schritt weiter: er ist uns den Weg vorausgegangen und er erfährt bereits die Gegenwart unseres Gottes. Wir dürfen auch darüber getröstet sein, denn sein Leid hat aufgehört.

Das Grab, die letzte Ruhestätte, der Stein mit seinem Namen darauf ist nicht mehr als eine Hilfe für uns, die wir noch auf dieser Erde Leben. Dort finden wir Herrn Xxx nicht mehr. Es ist ein Ort des Gedenkens, ein Ort der Konzentration auf
das, was er uns bedeutet hat. Eines bleibt zu tun als Christenpflicht: den Trost zu spenden, den der Glaube
bereit hält, da zu sein für die Hinterbliebenen, sie zu stützen und zu helfen, wo es menschenmöglich ist. Und: hinzuweisen auf Gottes große Macht und seine große Güte: Zeugnis zu geben, von dem, was uns selbst im Leben trägt. „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen, er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.“

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