Zum göttlichen Leben berufen

Liebe Gemeinde!

Dieser Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief gehört zu den ganz bekannten Stücken aus den Paulusbriefen. Und als ich ihn zur Predigtvorbereitung las, dachte ich: naja, kennst du ja. Ein Wort hat mich beim genaueren Lesen dann aber doch stutzig gemacht, ein Wort, das Paulus sogar wiederholt: Jesu Christus wird als Erstling bezeichnet. Warum vergleicht der Apostel den Auferstandenen mit der ersten Frucht des Feldes? Was verbindet Auferstehung und Ernte? Was hat unser Osterfest damit zu tun?

Gott sei Dank beginnt gerade erst das Frühjahr, und der Herbst ist noch weit weg. Junge und Alte heißen zu Ostern das Frühjahr herzlich willkommen, der böse Winter ist endgültig verjagt. Für den Landwirt ist es Zeit, das Korn zu säen, nicht die Ähren zu ernten.

In Palästina verhält es sich anders. Es ist April, als die Apostel Ähren pflückt, mit denen sie ihren Hunger stillen. In Palästina fängt zu Ostern die Ernte an. Nachdem der Bauer im Winter gesät hat, schleift er im Frühjahr die Sichel, um die Gerste abzuschneiden. In den Wochen um Passah herrschte in Palästina die Hektik der Ernte.

Passah – das ist für den jüdischen Bauern die Erinnerung an die Befreiung seines Volkes aus Ägypten; Passah – das ist für ihn ein erstes Erntedankfest im Jahr. Froh erkennt der Bauer an, dass er alles, was auf seinen Feldern gewachsen ist, dem Herrn zu verdanken hatte. Eine gute Ernte zu Ostern erinnert ihn an seinen Gott, der am Anfang der Zeit die fruchtbare Welt erschaffen hat.

Aber nicht nur danken will der Ackerbauer. Die "Erstlingsfrüchte" gelten dem Wortsinn nach als die ersten, die auf seinem Feld gewachsen sind und die er abgeerntet hat. Wer von seinen ersten Früchten abgibt, der darf darauf vertrauen, dass die Ernte bis zum letzten Halm gesegnet ist.

Es ist schon eine eigenwillige Logik, von einer einzelnen Garbe auf die gesamte Ente zu schließen. Nach den logischen Gesetzen, denen wir seit der Zeit der griechischen Philosophie gehorchen, denken wir genau umgekehrt. Wenn die gesamte Ernte gesegnet ist, dann ist es sicher jede einzelne Ähre. Vom Allgemeinen gehen wir auf das Besondere zurück. Auf diese Weise haben wir gelernt, die Sterblichkeit eines Menschen zu beweisen. Alle Menschen sind sterblich, deshalb ist es auch der einzelne.

Paulus setzt sich über diesen Denkansatz hinweg. Weil Adam gestorben ist, werde alle Menschen Sterben, und weil Christus auferstanden ist, werden auch wir auferstehen. Weil er im jüdischen Erntedankritus zu Hause ist, bezeichnete er Christus als "Erstlingsfrucht". Der Apostel vergleicht die Erstlingsgabe des Bauern mit dem auferstandenen Christus, mit ihm beginnt die Ernte der sich zu ihm bekennenden Menschen. Wenn Christus der Erstling ist und wie die erste Garbe Gott dargebracht wird, dann heiligt und segnet er alle, die an ihn glauben. Sind sie aber von ihm gesegnet, werden sie auch mit ihm auferstehen. Da Christus als erster "geerntet" worden ist, beginnt mit seiner Auferstehung unser Ostern. Wie der Bauer nach und nach seine Felder aberntet, so erstehen die Menschen nach und nach zu neuem Leben.

Was hat also Ostern mit der Ernte zu tun? So abwegig, wie Sie vielleicht zuerst gedacht haben, war die Frage nicht. Um sie richtig zu beantworten, mussten wir uns mit der Ernte, so wie sie Paulus vor Augen hat, beschäftigen. Sie ist ein Bild für die Auferstehung aller Christinnen und Christen. Wie die Ernte der Feldfrüchte zu Ostern eingefahren wird, so verhält es sich mit dem österlichen Leben der Menschen.

Der Predigttext erlaubt es uns, das Bild noch etwas lebendiger werden zu lassen: Schon die Saat steht für den Menschen, der auf dem Acker Gottes ausgesät wird. Mit viel Sonne und genügend Regen wächst das Getreide heran; Höhen und Tiefen durchlebt der Mensch, bis er zur Ernte reif ist. Dann wird er geerntet, nachdem Christus schon geerntet worden ist. Paulus legt auf die zeitliche Reihenfolge wert, weil für ihn das Nacheinander – erst Christus, dann die Menschen, die zu Christus gehören – eingehalten werden muss.

Selbst wir erspüren noch nach 2000 Jahren die Überzeugung des Apostels hinter den Worten seines Textes. Einhämmernd, beschwörend macht Paulus allen Furchtsamen Mut. Dem Tod als Sensemann hat Christus zu Ostern endgültig das Handwerk gelegt und ihn für alle Zeit entmachtet. Da er wie bei der Ernte als Erstlingsfrucht von Gott angenommen wurde, sind wir durch ihn alle gesegnet und zu seinem göttlichen Leben berufen. So wie er zu Ostern werden wir einst alle geerntet, gerettet.

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