Zu sehn, was Gott uns hat beschert

<i>[Symbol: Ein mit Goldfolie eingepackter Karton, der ein Kreuz und den zum Schluss zu verlesenden Text enthält und während der Predigt ausgepackt wird.]</i>

Liebe Gemeinde,

wissen Sie schon, was Sie geschenkt bekommen? Die Bescherung kommt ja sicher erst später, wenn Sie wieder zu Hause sind und dann endlich – als Lohn der Mühe der vergangenen Tage und Wochen – überreicht bekommen, was andere Ihnen zugedacht haben, Kinder, Eltern, Verwandte. Vielleicht ist ein Paket mit der Post gekommen, das verheißungsvoll darauf wartet, ausgepackt zu werden. Gespannt werden Sie sein, was die anderen sich für sie ausgedacht haben. Über manches werden Sie sich freuen, anderes werden Sie vielleicht gleich am Montag umtauschen wollen, vielleicht sogar enttäuscht sein, weil Sie mehr oder anderes erwarteten. Als wir noch Kinder waren, war diese Stunde in der Kirche kaum zum Aushalten, weil wir es nicht erwarten konnten, zu sehen, ob das Christkind alle Wünsche erfüllt hatte, die auf dem Wunschzettel standen.

Schenken ist eine große Kunst: zu wissen, was der andere braucht, worüber er oder sie sich freuen würde. Im Voraus Wünsche zu erahnen, heimlich, vielleicht mit Hilfe anderer, herauszufinden, was ein geliebter Mensch haben möchte. Bei allem Stress, den wir in der Weihnachtszeit damit haben, ist es doch schön und von tiefer Bedeutung, dass wir uns so viel Gedanken über andere machen, weil wir ja auch wissen: Jedes Geschenk zeigt etwas von uns selber, offenbart Gedanken und Gefühle oder eben deren Fehlen. Ob klein oder groß, ob es wenig oder viel gekostet hat: Immer steckt in dem Geschenk ein Stück von uns selber.

Am spannendsten ist das mit den Geschenken, die uns vollkommen überraschen. Bei denen wir merken: Da kennt mich jemand besser als ich mich selber. Da weiß jemand um Wünsche und Sehnsüchte, die ganz tief in mir stecken und die ich mir selber kaum einzugestehen wage. Das kommt sehr selten vor, ist aber immer ein ganz besonderes Ereignis.

Um so etwas ganz besonderes geht es auch, wenn wir über den Grund des heutigen Festes nachdenken. Um ein ganz besonderes Geschenk, das uns im Innersten trifft, uns in tiefster Seele berührt. Der Grund von Weihnachten, der Grund unseres Schenkens ist ein Geschenk, das wir bekommen. Wenn wir anderen Geschenke machen, schenken wir nur weiter, was uns zuerst selbst zugedacht ist: Das Geschenk Gottes an uns Menschen, das er uns im Ereignis dieses Tages, dieses heiligen Abends, gemacht hat. Im 3. Kapitel des Johannes-Evangeliums heißt es: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er ihr seinen einziggeborenen Sohn schenkte, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht umkomme, sondern ewiges Leben habe.

Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu richten, sondern um die Welt durch ihn zu retten.

Vielleicht geht es Ihnen zunächst mit diesem Geschenk so wie eben beschrieben – dass man erst mal nicht weiß, was da eigentlich soll. Ein Geschenk, das man sich nicht gewünscht hat und zunächst auch nicht zu brauchen meint. Ewiges Leben? Gericht über die Welt? Die Gedanken daran liegt uns wohl heute ziemlich fern. Erst mal sind wir froh, dass wir die Hektik hinter uns lassen und hoffentlich für den Rest des Tages keinen Stress mehr haben. Denn sonst würden ja die Bilder wieder kommen, die wir grade hinter uns zu lassen wünschen – dass vom Frieden der Weihnachtsgeschichte in der Welt so wenig zu spüren ist, dass der Fernseher nur für diesen Abend keine Bilder von Krieg und Terroropfern zeigt, und dass wir in den Familien versuchen, wenigstens für einen Moment Liebe und Glück zu spüren.

Aber Gott macht uns dieses Geschenk trotzdem. Er macht es einer Welt, die es gar nicht haben will – die sich in ihren Dunkelheiten, ihrer Kälte und ihren Grausamkeiten so eingerichtet hat, dass sie sie kaum noch bemerkt. Er macht es uns, er drängt es uns förmlich auf trotz unserer Kälte und Lieblosigkeit, trotz unserer Entfremdung von ihm, und obwohl wir von seiner, von Gottes Seite nur noch so wenig, fast gar nichts mehr erwarten. Da liegt es – verheißungsvoll wie dieses Päckchen hier, das aufs Auspacken wartet.

(…) Nun ist es offen. Was ist wohl drin? (…) Enttäuscht?

"Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu richten, sondern um die Welt durch ihn zu retten."

Das Kreuz ist das Zeichen für beides: Für Gericht und Rettung. Gericht – das ist unser irdisches Leben in der Gottferne, mit all seinen Beschädigungen und Hässlichkeiten, von denen auch die Weihnachtsgeschichte erzählt: Vom Kaiser Augustus, dem Gewaltherrscher des römischen Reiches. Von seinen Statthaltern, die ihre Willkürherrschaft exerzieren. Von Menschen, die herumgeschubst werden, von denen, die keine Bleibe und kein Zuhause finden, wie Maria und Josef; von der Armut und Not der Randexistenzen – der Hirten auf dem Feld. Und von dem kleinen Kind, das der Dunkelheit und Kälte ausgeliefert wird, in die es hineingeboren wird wie die meisten Kinder dieser Erde, von denen viele an der Gleichgültigkeit zugrunde gehen.

Rettung daraus – das ist zunächst unsere Sehnsucht, die wir gerade heute Abend besonders stark empfinden können, wenn wir nur wollen: Sehnsucht nach der Fülle des Lebens, nach einer Welt, in der wir miteinander leben, beieinander wohnen und Frieden halten können, in der wir unser besseres Ich sich entfalten lassen. Im Licht dieser Vision können wir erkennen, wie und wo Gottes Liebe, die die Welt ins Leben rief, nach Entfaltung, nach Offenbar-Werden drängt, wenn wir sie nur ließen.

Und heute Nacht feiern wir die Geburt Jesu – des Menschen, der vollkommen aus dieser Gottesliebe lebte, sie ganz zum Zuge kommen ließ und deshalb am Kreuz endete. In ihm entfaltete sich die befreiende Kraft Gottes – er wird der Krippe entwachsen und als Mann Gottes die Menschen in seine Nachfolge rufen, und das beginnt im Stall von Bethlehem. Deshalb singen die Engel:

"Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland, der Retter geboren …"

Gott ist gekommen – er ist da, in dieser Welt, der kalten und hässlichen. Er ist in diesem Geschenk, das wir gar nicht zu brauchen meinten: Er schenkt sich selber. Er hilft uns damit, zu entdecken, wie wir Weihnachten in unserem Leben ankommen lassen: Wenn wir heute die Ahnung des wahren Lebens spüren, dann ist die Finsternis nicht mehr undurchdringlich, die Klage nicht mehr endlos, dann kann sich Angst in Freiheit wandeln, und der Tod durch das Leben besiegt werden. Nur eins ist dafür nötig: Dass wir erkennen, wie nötig wir dieses Geschenk brauchen und es annehmen.. Dass wir darauf vertrauen, dass Gott uns besser kennt als wir selber und uns helfen, retten will – nicht nur heute, sondern an jedem Tag unseres Lebens. Was das heißen könnte?

In unserem Päckchen ist noch etwas drin! Ein Brief … ein paar Sätze darüber, wie Weihnachten auf die Erde kommt – was Weihnachten auch noch dann bedeuten kann, wenn die Feiertage vorbei sind.

Da steht: (…)

Jedes Mal, wenn zwei Menschen einander verzeihen, ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn ihr Verständnis zeigt für eure Kinder, ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn ihr einem Menschen helft, ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn jemand beschließt, ehrlich zu leben, ist Weihnachten

Jedes Mal, wenn ein Kind geboren wird, ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn du versuchst, deinem Leben einen neuen Sinn zu geben, ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn ihr einander anseht,

mit den Augen des Herzens, mit einem Lächeln auf den Lippen, ist Weihnachten.

Denn es ist geboren die Liebe.

Denn es ist geboren der Friede.

Denn es ist geboren die Gerechtigkeit.

Denn es ist geboren die Hoffnung.

Denn es ist geboren die Freude.

Denn es ist geboren Christus, der Herr.

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