Yes, we can

Predigt
Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr
Lukas 17,20-24

20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann;21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.1 22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.

Liebe Gemeinde,

Die Frage, um die es heute gehtlautet: Wenn wir gar nichts sehen könnten, würden wir dennoch im Glauben bleiben? Theologisch gesehen bewegen wir uns im Lichtkegel des 2. Gebotes („Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“). Existentiell stehen wir vor dem Thema, wie lange unsere Kraft anhält, auszuharren. Aktuell begegnet uns Barack Obama.

„Yes, we can“

Ganz Deutschland genießt den Sieg des sympathischen Amerikaners als Zeichen dafür, dass Erneuerung möglich ist. Schade, dass wir die Regierungen anderer Völker nicht mit wählen dürfen ….Andere sagen jetzt schon: „Gott sei Dank traut sich bei uns kein Politiker, mit derart harten Forderungen nach Arbeit und gemeinsamer Anstrengung so vor das Volk zu treten“. Etliche Journalisten sprechen dem ersten farbigen Präsidenten das Attribut „Heilsbringer“ zu, ein Attribut, dass er selbst sehr ironisch aufnimmt. „Kann Obama über´s Wasser laufen, Wasser in Wein verwandeln und Tote auferwecken?“ Unter dieser Überschrift diskutiert das Internet über die Chancen seines angekündigten Programms „Change“, was soviel wie Wandel und Erneuerung heißt. „Yes, we can“, lautet das dazu gehörige Credo, „Ja, wir schaffen es.“

Gottes Reich wird nicht ausbrechen in Amerika und doch liegt Hoffnung in dieser Zeit und auf diesem jungen Präsidenten, dass in Friedenspolitik, Umweltschutz und Kampf für soziale Gerechtigkeit Raum entsteht im Land des Kapitalismus.

Man erinnere sich an den Anfang der Regierung Kohl im Jahr 1983, der unter dem Stichwort „Change“ – Nein: „Wende“ geschah und unter der Überschrift stand: „Von der Wohlfahrtsgesellschaft zur Leistungsgemeinschaft“. Später wurde daraus die „geistig-moralische Wende“. Ob unsere deutsche „Wende“, unser „Change“ tatsächlich gelungen ist, müssen wir heute nicht diskutieren. Erst nach 1989 wurde es üblich, mit „Wende“ die Wiedervereinigung zu bezeichnen.

Unser Bibeltext wurde in einer Zeit geschrieben, als Kaiser und damit die höchste, politische Instanz vergottet und jeder Kritik enthoben worden sind. Diesen politischen Unterton, der sich gegen die Verherrlichung der römischen Kaiser als Heilsbringer richtete, dürfen wir auch heute hören.

Wir erinnern uns schließlich auch dessen, was unsere deutsche „Wende“ damals begleitet hatte. Ich denke an die zahlreichen Steuerhinterziehungs- und Betrugsprozesse gegen Otto Graf Lambsdorff und anderer Wende-Propheten unserer Parteien.

Skepsis gegenüber allen?

Wahrscheinlich liegt uns Deutschen und vor allem auch den Protestanten ohnehin eine kritische, nüchterne Sicht auf Politiker/innen aller Couleur innerlich nahe.

Der heutige Tag, der 9. November, erinnert an den Tag, als die nationalsozialistischen Herrscher ihre bürgerlichen Masken endgültig fallen ließen. Am Abend des 9. November 1938 wurden Wohnungen und Geschäfte jüdischer Mitbürger zerstört, Synagogen in Brand gesteckt. 91 Menschen verloren dabei ihr Leben. Morde und Untaten zu denen die deutschen Gerichte schwiegen. „Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach!“ Das wollte man damals nicht hören.

Seit der Zeit des 3. Reiches wagt es zumindest in Deutschland niemand mehr, politische Machthaber als quasi Gottes Gesandte auszugeben. Davor sind wir – trotz allem Medienspektakel und trotz aller Selbstinszenierungen der Machthaber als zumindest weltliche Heilsbringer – in der Regel gefeit. Dass man Leistung eines Politikers anerkennt, das ist anständig und dürftig ruhig häufiger geschehen.

Im Licht Gottes wachsen

Für gewöhnlich gelingt es uns, die politische Welt von religiösen Überhöhungen frei zu halten, wenn man den in Parteien gelegentlich gepflegten Personenkult (man denke an FJS, Willy Brandt etc.) nicht zu hoch bewertet. Gut beraten sind wir, wenn wir die weltlichen Dinge und deren Protagonisten – und Politik gehört allemal und vollständig dazu – nicht überhöhen.

Wie schaut es aus, wenn wir uns in den eigenen Reihen unserer Kirche umschauen?

„Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man´s beobachten kann“, heißt es. Trotzdem sollten wir uns eingestehen: Ab und zu brauchen unsere Augen einen sichtbaren Hinweis, oder – wie es bei Lukas heißt: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns. („Menschensohn“ ist ein damaliger Begriff für Heilsbringer). Die Obama-Begeisterung zeigt das wohl vielen Menschen innewohnende Verlangen nach sichtbaren Heilsbringern. Immer nur Dalai Lama reicht auf Dauer nicht …

Seit nunmehr dreißig Jahren bin ich in der evangelischen Kirche tätig. Wenn ich mir vorstelle, in all diesen Jahren hätte ich nirgends einen Bibelkreis getroffen, nirgends ein engagiertes Team und nirgends Menschen gefunden, die im Glauben, mit der Kirche und in der Gemeinde leben wollten; schon längst hätte ich einen anderen Beruf. Die Sehnsucht, etwas sehen zu wollen von Gott, seiner Zukunft, seinem Reich ist uns wahrscheinlich – wenn ich sie da mit vereinnahmen darf – nicht fremd.

„Das Reich Gottes ist mitten unter euch“. In diesem Satz spricht uns Jesus etwas zu, was wir auch erleben dürfen als Geschenk, als Gabe, gute Fügung oder gar schicksalhafte Wende.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer und damit brach der satanische Staat der DDR in sich zusammen. Gebet, Kerzen und Gottesdienst halfen, die Zeit zu wenden, halfen ein riesiges Unrechtssystem zu vernichten, was andernorts nur mit Panzern und Raketen für möglich gehalten wurde.

Wie im Politischen, so gilt aber erst recht im Religiösen die Warnung vor der Überhöhung des eigenen Tuns und vor allem der eigenen Person und des eigenen Glaubens. Auch Kirche ist und bleibt weltlich.

Und göttlich? Haben wir dieses Attribut nirgends, wirklich nirgends verdient? Doch, wir haben es, aber es ist niemals unser Besitz. Natürlich wächst und bewegt sich etwas in unseren Kirchen und Gemeinden. Aber dadurch werden nicht wir erhöht, geheiligt oder sonst irgendwie der Welt enthoben. Kein Baum, keine Blume – nichts könnte wachsen ohne das Licht der Sonne. So auch das, was in unseren Kirchen und Gemeinden geschieht. Wenn wir wachsen, dann aus Gottes Licht. Wenn wir auf Gottes Reich zeigen, dann nicht auf uns, sondern auf ihn in seiner Zukunft. Diese Geste ließe uns im besten Sinne des Wortes menschlich sein und bleiben.

Als Christen stehen wir in dieser unauflöslichen Spannung zwischen Gott und Welt, Sehnsucht und Realität, Glaube und Skepsis

Natürlich haben wir Bilder in unseren Kirchen. Bilder, die auf das Licht Gottes zeigen. Wir haben Musik, gleichsam im Himmel komponiert, uns über den Alltag zu erheben. Göttlich und doch weltliches Werk. Aber wir verehren keine Bilder, keine Maler, keine Komponisten.

Um willen der Augen gibt es medial wirksame Präsentationen der Kirche, natürlich und oft auch zu Recht begeleitet von heftiger Kritik und Warnung, sich von Äußerlichkeiten des Prunks blenden zu lassen. Überhaupt die Priester und die Pfaffen… Das Wort Gottes ist uns anvertraut. Das ist es, was uns adelt. Nicht wir selbst. Die Vorstellung eines Heiligen ist uns fremd. Gilt übrigens auch für Bonhoeffer.

Zum Zeichen seiner Liebe gibt Gott uns Christus als Bild des neuen Menschen. In ihm, in seinem Wort ist das Reich Gottes mitten unter uns. Aus Zweifel, Skepsis oder Spott geboren gibt es aber auch die nicht enden wollenden Versuche, Jesus in unsere Sex-, Geld- und Machtwelt hinzuziehen als ganz „normalen“ Typen voll Fleischeslust, Verführbarkeit und Machthunger. Man denke vor allem in Deutschland an die rund um Jesus aufgestellte Bibliothek der „Enthüllungsbücher“.

Diese Spannung müssen wir aushalten können. Wir müssen es als Christen immer wieder und immer wieder neu lernen, auszuharren. Was damit gemeint ist, will das nächste Kapitel darlegen.

Ausharren

Manchmal ist Glauben so, als würde man ein Kochbuch schreiben. Es ist gefüllt mit köstlichen Lebens-Rezepten. Da hätten wir als Vorspeise die christliche Familie: Kinder an frommen Eltern, garniert mit Gebet und Ordnung. Sonntäglicher Gottesdienst inbegriffen als Beilage. Für die Zwischenmahlzeit hätten wir jede Menge gute Empfehlungen: Probieren sie ehrenamtliches Engagement in der Diakonie. Kosten sie die Mitwirkung in einer kirchlichen Gruppe oder einem Chor. Genießen sie die Zugehörigkeit zum Kirchenvorstand. Engagieren sie sich für Umwelt, Gerechtigkeit und Frieden. Das schmeckt gut.
Und dann die Hauptmahlzeit: Der Oberkellner im Talar serviert den Weltfrieden und gießt unendliche Harmonie ins Glas. Man reicht einander das Brot zur Versöhnung. Am Tisch des Herrn sitzen Menschen aller Rassen und Länder und jeder kennt jeden mit Namen. Vom Restaurant des himmlischen Friedens gleitet der Blick über unverfälschte Natur, frei von Abgasen. Knut und Flocke sind heimgekehrt an den Nordpol und wir haben ihnen das Eis schön kalt gemacht.

Im Hinterhof klappert es, denn dort werfen die Soldaten ihre Waffen weg und die Schmiede, die daraus Pflugscharen fertigen, haben schon die Ärmel hochgekrempelt. Genug. Ich glaube kaum einer ertrüge jetzt noch die süßen Nachspeisen unseres Glaubens, als da wären Friede, Freude – Einigkeit und all die anderen Köstlichkeiten friedvoller Welt.

Glauben ist wie Kochbuch schreiben? Nein, das trifft es nicht ganz. Glauben ist wie Kochbuch schreiben, obwohl man weiß, dass man die Zutaten nur so schwer bekommt. Es sei denn, man baute sie im eigenen Garten des Herzens an. Nein, das trifft es auch noch nicht: Da haben wir dieses wunderbare Kochbuch in der Tasche mit all den köstlichen Rezepten. Doch unseren Hunger müssen wir an einer zugigen, kalten Frittenbude stillen. Weil sich nur so wenig Menschen vorstellen können, nach den Rezepten unseres Buches das Leben tatsächlich zu formen. Man könnte ja nicht satt genug werden.. Wir kriegen es nicht gebacken und kaum einer kocht mit uns im Club. Und so bleiben uns eben allzu oft nur fromme Lieder aus tranigem Öl. Und der Blick heftet sich auf alte, überkritzelte Plakate, die das Kommen des Herrn ankündigen. Godot steht neben uns, besoffen wie immer: „Warten wir halt noch ein bisschen“, lallt er.

Ausharren, genau darum geht es in unserem Bibeltext und im Glauben Dass wir ausharren können an der Frittenbude des Lebens.
Unsere eigene Dürftigkeit gilt es zu ertragen. Das muss uns nicht entmutigen. Das wäre doch eine gute Basis, wenn wir uns eingestehen, zwar gute Gedanken aber recht wenig Kraft zu haben. Wenn wir uns darauf einigen könnten, dem Licht Gottes zu folgen wohl wissend, dass uns der Weg durch dürre Wüsten voller Verzicht führt. Wenn wir uns nur Zeit ließen! Vieles unterbleibt heute, weil es nicht in Wahlperioden von gerade einmal sechs Jahren passt. Dome zu bauen wäre unsere Generation nicht mehr in Lage. Aber aufbrechen könnten wir. Könnten Jammerei einstellen, könnten Ja sagen zum Leben in Frieden und sozialer Gerechtigkeit. Dazu braucht kein neuer Heiland zu kommen. Gott sei Dank aber gibt es junge, begabte Menschen, die sich harten Führungsaufgaben mutig stellen. Das wolle Gott segnen.
Dass etwas aufblitzt muss uns genügen. Dass etwas vom Ende des Himmels in unsere Zeit leuchtet und ihrer Finsternis wehrt und Weg weißt. Darauf dürfen wir hoffen. Mehr nicht. Das muss uns genügen. Ob wir das aushalten? Yes, we can.
Amen

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