Wunderbar geborgen (Hiob 6,2+3.8.11a.12-13)

Hiob 6,2+3.8.11a.12-13
[2] Wenn man doch meinen Kummer wägen und mein Leiden zugleich auf die Waage legen wollte! [3] Denn nun ist es schwerer als Sand am Meer; darum sind meine Worte noch unbedacht. [8] Könnte meine Bitte doch geschehen und Gott mir geben, was ich hoffe! [11a] Was ist meine Kraft, dass ich ausharren könnte; [12] Ist doch meine Kraft nicht aus Stein und mein Fleisch nicht aus Erz. [13] Hab ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich?

[28jähriger Dachdecker, verh., 2 Kinder, er und Familie keine
Kirchenglieder, durch ein Glasfenster im Dach eingebrochen]

Solche Worte könnten in diesen Tagen wohl von Ihnen stammen. Kummer, den man nicht wiegen kann, wo nehme ich die Kraft her, durchzuhalten, hab ich denn gar keine Hilfe? Solche Worte stehen in der Bibel und stammen von einem Mann, der Schreckliches erlebt hat. Und eine bittere Klage gegen Gott erhebt. Warum das mir? Wie kann ich weiter leben? Und mit solchen Fragen quälen Sie sich nun schon seit vier Wochen. Und es gibt noch keine Antwort und vielleicht gibt es nie eine Antwort. Vielleicht müssen Sie damit leben, dass eine so glückliche Zeit von 11 Jahren ohne Grund zu Ende ist. Und noch ist es so, als wäre sie gar nicht zu Ende. Als wäre es ein böser Traum, aus dem Sie aufwachen und es ist alles wieder wie früher. Aber dann denken Sie daran, wie Sie ihm die Hand gehalten haben im Krankenhaus und ihm das Letzte Gute getan haben, was zu tun war. Viele haben Ihnen in der letzten Zeit zur Seite gestanden und versucht, Sie zu trösten. Und doch merken wir, wie schwer es ist, Worte zu finden und dass es nur ein Stammeln bleiben kann.

Tagtäglich lesen wir Ähnliches in der Zeitung und auf einmal kommt es uns ganz nah. Wir können es nicht weglegen, wegschieben, denn es ist wirklich passiert und wir haben ihn gekannt, waren seine Familie, seine Freunde, Kollegen. Angst haben Sie vor diesem Tag und dieser Stunde und wollen doch stark sein. Stark für sich selber und stark für die Kinder. Stark für den Tag, der morgen kommt. Für die Zukunft, die ganz anders sein wird als das Gestern, aber es wird eine Zukunft sein. Sie werden ans Grab gehen, mit ihm reden, und ein Stück davon leben, was die Zeit geprägt hat. Denn auch die kurze Zeit war eine Zeit mit so vielen Erlebnissen.

Sie haben damals ihren Mann kennen gelernt, den sie schon lange kannten und haben mit ihm auch ein Morgen begonnen und Sie waren glücklich, für sich und die L. einen Menschen gefunden zu haben, der sich ganz zu Ihnen gestellt hat. Dann kam die A. und wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann war das einfach eine normale, eine schöne und beglückende Zeit, die Sie zusammen hatten. Der B. war kein Mann großer Worte, haben Sie über Ihren Bruder gesagt, aber er war da, wenn man ihn brauchte. Er war da als zärtlicher Vater ebenso wie einer, mit dem man einfach mal in die Sterne schauen konnte und der auch mal mit rumulkte. Dankbar sind Sie für die vielen Urlaubsreisen, dankbar für die gemeinsamen Träume bis hin zum Alter. Und auch wenn sich solche Träume nicht erfüllt haben, haben sie doch die Gegenwart schön gemacht. Denn eins wird deutlich: jeder Tag ist wertvoll und weil wir nicht wissen, wieviele Tage uns geschenkt sind, müssen wir aufhören, durch die Zeit zu jagen. Und so ein Tod schreit es uns zu: Leute besinnt euch und fangt an zu leben.

Und nun möchte ich zu Euch, L. und A. etwas sagen. Zuerst zu Dir, L. Es ist ganz bitter, gerade wenn Du beginnst, erwachsen zu werden, den Vater zu verlieren. Aber was Du gehabt hast, nimmt Dir der Tod nicht weg. Und was er Dir gegeben hat und für Dich war, das hat sich tief in Deine Seele gelegt und das wird Dich ein Leben lang begleiten und tragen. Eltern sind dazu da, Kinder lebenstüchtig zu machen und dafür sind die 11 Jahre eine lange Zeit und was die Mutti erzählt hat, waren sie voll gepackt mit guten Erfahrungen für Dich. Und das bleibt. Du wirst bald deine Jugendweihe haben und wenn diese Rede von der Aufnahme in die Reihen der Erwachsenen überhaupt stimmt, dann stimmt sie bei Dir. Denn Du wirst schneller erwachsen werden, schnell reifer werden, vielleicht einmal anderen besser zuhören können, vielleicht, und das wünsche ich Dir, wirst Du ganz bewusst leben und nicht von einem event zum anderen stürzen. Denn Du weißt, wie wertvoll das Leben ist.

Und der A. möchte ich sagen: du wünschst dir ganz sehr, der Vati wäre noch da. Vielleicht nimmst Du Dir ein kleines Buch und schreibst alles rein, was du mit dem Vati erlebt hast und schreibst alles rein, was Du ihm erzählen möchtest. Das Buch wird bestimmt schnell voll werden und das wird dir gut tun. Irgendwann wirst Du nicht mehr weinen und wirst denken: es war so schön, dass ich so einen Vati hatte.

Das wünsche ich auch Ihnen, Frau M., dass Sie getröstet am Grab stehen können. Wir können es nicht nachfühlen, wie es Ihnen geht, wenn Sie am Grab Ihres Sohnes stehen müssen, aber wir ahnen, dass es unfassbar ist. Sie waren glücklich, dass alle Kinder in der Nähe wohnen und nun müssen Sie den Sohn gehen lassen.

Für Sie, A. und P., ist der Weg mit dem Bruder so zeitig zu Ende. Das tut weh, denn Vieles hat Sie verbunden. Und so mag es manchem in der Familie gehen. Gemeinsam ist wohl allen die Erschütterung, dass das passieren konnte. So ist es wohl auch bei seinen Kollegen, 1993 hat er zum Schornsteinfeger umgeschult und hat mit Ihnen, M.B., noch das 10 Jährige gefeiert. Er war ja wohl nicht nur Geselle, sondern auch Ihr Freund. Und da seid Ihr, die Fußballer, er war mit im Vorstand und hat den Verein mitgeprägt. Es war sein großes Hobby und da war er nicht zu halten. Und ob Sieg oder Niederlage – man sitzt eben zusammen und man gehört ein Stück zusammen. Da wird er ganz bestimmt auch fehlen. Und als Ihr gemeinsam zum Grab vom F.
R. gegangen seid, hat keiner geahnt, wie schnell alle nun wieder und für ihn in der Kirche sitzen werden.

Wenn man doch meinen Kummer wägen und mein Leiden zugleich auf die Waage legen wollte! So ein Ruf kommt wohl allen aus dem Herzen, die ihn gern hatten, die Freunde in nah und fern. Aber ich will diesen Satz nicht stehen lassen. Denn dieser Mann in der Bibel ist nicht im Kummer stecken geblieben. Und immer wieder sind Menschen gestärkt und getröstet durch Leid gegangen. So wie Dietrich Bonhoeffer, der kurz vor seinem Tod im KZ ein Gedicht geschrieben hat, das seither Menschen immer wieder stärkt: Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz bestimmt an jedem neuen Tag.

Und das möchte ich Ihnen heute wünschen – dass Sie von solchen guten Mächten geborgen sind, gehalten und getragen. Manchmal weiß man gar nicht: wie soll mir Gott helfen. Wie kann das Gott machen, dass es mir besser geht. Und da sagt der Dichter: wir sind wunderbar geborgen. Man kann es nämlich wirklich nicht erklären. Aber auf einmal – wie wunderbar – ist die Ruhe da. Aber auf einmal – wie wunderbar – kehrt Frieden ein. Aber auf einmal – wie wunderbar – spüre ich eine Kraft, die wie von oben kommt. Auf einmal – wie wunderbar – kann ich das Gestern zurücklassen und das Morgen erwarten. Und ich weiß, – wie wunderbar – ganz gewiss an jedem neuen Tag ist Gott mit uns. Ich weiß, ja, es ist Gott. Ich kann es gar nicht richtig glauben und doch glaube ich. Getrost kann ich erwarten, was da kommen wird. Und das sollen Sie erfahren, dass diese guten Mächte Sie umgeben und umhüllen. Sie dürfen darum bitten und es Gott einfach sagen, wie Sie es vermögen, vielleicht gemeinsam mit den Kindern, Gott, wir brauchen Dich, hilf, dass es uns besser geht. Oder: Gott, ich kann es nicht fassen, halte du mich jetzt. Uns allen wünsche ich, dass wir entdecken, wie schön das Leben sein kann und wie wertvoll unsere Zeit ist. Und besonders den jungen Leuten möchte ich sagen: nicht alles haben, ist die Hauptsache, sondern einander als Menschen zu haben, macht das Leben aus.

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