Wunder gibt es immer wieder

Jesaja 52, 7-10 (1. Christtag 2020, Hellersdorf)

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!
8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt.
9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Im Jahre 490 v. Chr. besiegten die Griechen die Perser bei Marathon. Der Soldat Diomedon soll daraufhin im schnellstmöglichen Lauf die Siegesnachricht nach Athen gebracht haben. Wie schnell er auf diesen gut 42 km war, wissen wir nicht. Aber wenn er nach der Überlieferung am Ende seines Laufes und dem Ausrufen der Siegesnachricht tot zusammenbrach, dann wird er zumindest auf dem letzten Stück des Weges wohl kaum leichtfüßig und lieblich dahergekommen sein.

So freudvoll seine Nachricht auch war, liebliche Füße eines Freudenboten auf den Bergen waren es sicher nicht.

Da schiebt sich ein anderes Bild schon eher in den Blick, wenn ich an den kleinen Jungen von gut zwei Jahren denke, wie er losrennt, um dem Papa seine neueste Entdeckung kund zu tun. Da fliegen die kleinen Beine, da stoßen die Füße fast an den Po, der ganze kleine Kerl ist Freude, denn für ihn bislang Unerhörtes hat er gefunden. „Liebliche Füße“, hier passt es.

Und ist es nicht auch etwas ganz und gar Unerhörtes und zutiefst froh Machendes, was der Prophet in seiner Schau erlebt, von der wir im Predigttext hörten? Da sollen Trümmer fröhlich sein und tanzen! – Wie das denn? Trümmer liegen auf dem Haufen und bieten im günstigsten Fall nur einen trostlosen Anblick, wenn sie nicht, wie das leider so oft der Fall ist, grauenerregend sind. Wie soll denn das, was da zertrümmert liegt, jemals wieder heil werden? Völlig unmöglich!

Wirklich unmöglich?? – Wir brauchen doch nur in unsere Stadt zu fahren zum Alex, zum Zoo oder wohin auch immer. Alles ist fein herausgeputzt, und das nicht erst seit diesem Jahr und auch nicht nur zur Weihnachtszeit. Doch wie sah es dort vor 70 Jahren und noch viele Jahre lang aus? Ruinen über Ruinen!

Oder – um ein anderes Beispiel zu nehmen – , lassen Sie uns in Gedanken mal nach Halle an der Saale fahren! Um 1970 herum war ich dort Vikar. Wie hat doch die Stadt damals an vielen Tagen gestunken nach den Abgasen der großen Werke in Leuna und Buna. Wie war die Luft so voller Dreck, dass die Augen oft schmerzten. Und wenn der Wind Schmutzkrümel in die Augen trieb, dann sagten wir mit Galgenhumor: „Da ist mir mal wieder ein junges Brikett ins Auge geflogen.“ – Und heute? – Was für eine schöne Stadt und wie sauber die Saale!

Natürlich redet der Prophet hier im Jesajabuch nicht von Berlin oder Halle oder einer anderen deutschen Stadt, sondern von Jerusalem, das nach der Zerstörung durch die Babylonier in Trümmern liegt. Aber er hat Hoffnung für diese total zerstörte Stadt und nicht nur für die Stadt. Er hat Hoffnung für das ganze Volk Gottes, das ja auch total am Boden liegt. Und worin besteht die Hoffnung? Vor allem: Worin gründet sie sich?

In einem einzigen Satz ist der Grund für die Hoffnung des Propheten zu sehen: „Dein Gott ist König.“

Einfach, klar – und zugleich missverständlich ist dieser Satz. Er klingt nämlich auch nach Gewalt. Wenn es nämlich gegen Schluss im Text heißt, Gott habe seinen Arm entblößt, dann kann man das durchaus auch so übersetzen und verstehen, dass Gott seine Ärmel aufgekrempelt hat, um dann mal ordentlich mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Da sollen die anderen doch mal seine Macht kennen und spüren lernen!

Und gibt es nicht auch immer wieder Situationen, wo wir uns genau das wünschen? Mal so ein richtiges Donnerwetter wäre vielleicht gar nicht so schlecht, oder?

Nun erwartet der Prophet bei genauerer Betrachtung aber ausdrücklich nicht, dass Gott irgendwen oder irgendwas kaputtschlägt, sondern dass er seine Leute, sein Volk, tröstet und erlöst. Das ist keine Gewaltausübung, sondern bedeutet Hilfe, Seelsorge, Nahesein.

Gott kommt und will nahe bei seinem Volk sein. Das sehen und verkünden die Wächter auf der Stadtmauer. Und sie haben dabei mit im Kopf, was auch wir in unserer Bibel nachlesen können, dass nämlich einige Jahrzehnte vor diesem Jesaja, dessen Worte wir heute hören, der Prophet Hesekiel beschrieb, wie Gott als Ausdruck seiner Trauer und seines Zornes über sein abtrünniges Volk Jerusalem verlässt. Da wurde die Stadt dann zum Trümmerhaufen und zu einem gottverlassenen Nest. Nun aber kehrt Gott zurück, weil er sich niemals ganz abwendet.

Ja, Gott kommt zurück. Er will seine Nähe wieder zeigen und nicht länger verborgen bleiben. Aber genau das verlangt vollen Einsatz, auch von ihm, und deswegen krempelt er die Ärmel hoch.

Wer sich die Ärmel aufkrempelt, der nimmt sich einer Sache wirklich an, der bringt sich ein. Indem er das tut, gibt er ein Stück von sich hin oder zuweilen sich auch ganz und gar.

Genau das aber – diese Hingabe – passiert zu Weihnachten, wo Gott Mensch wird. Im Kind in der Krippe gibt er sich ganz und gar an uns und für uns hin. Und eben das steckt auch in diesem einen scheinbar so einfachen Satz, der vorhin hervorgehoben wurde: „Dein Gott ist König.“

Denn was soll ein König nach orientalischer und damit auch biblischer Vorstellung sein? Er soll gerade nicht als der oberste Steuereinnehmer und auch nicht der große Krieger daherkommen, sondern in erster Linie der Hirte seines Volkes, als einer, der ganz und gar und zu jeder Zeit für seine Leute da ist, als einer, der keine Mühe und keinen Aufwand scheut, damit es den Seinen gut geht.

Eben deshalb lebt ein guter Hirte bis heute mit seiner Herde. Genau deshalb wird Gott Mensch.

Davon zu reden, ist die Freudenbotschaft, die uns beflügelt, nicht nur zu Weihnachten, aber gerade auch da, damit „aller Welt Enden“ immer wieder neu davon erfahren. Indem wir erfreut werden, werden nun wir selber zu Freudenboten.

Gott krempelt die Ärmel auf und tritt als Helfer an unsere Seite, damit wir unsererseits Gleiches tun können: arbeiten für das Wohl der ganzen Schöpfung, wirken für das Heil eines jeden Menschen, und das nicht verbissen, sondern mit den leichten, lieblich-zarten Füßen der Hoffnung.

Wunder haben wir alle schon gesehen. Wunder gibt es immer wieder, und wir brauchen sie auch. Das lehrt uns die gegenwärtige Krise. Das größte aller Wunder aber verbindet sich mit dem Kind in der Krippe. Und: Dieses Wunder ist krisenfest! Amen.

Dr. Volkmar Hirth

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