Wunden werden zu Zeichen

Liebe Gemeinde,

mit diesem Kanzelgruß ist eigentlich schon alles gesagt. Ich möchte Sie alle in dieser Predigt ermächtigen, diesen Kanzelgruß inhaltlich weiterzugeben. Die Zuwendung Gottes, die bei uns eine Befreiung auslöst und uns mit Fülle beschenkt. Das sollen Sie erfahren und weitergeben. Denn so funktioniert Pfingsten. Ganz viele Menschen werden ermächtigt. Die Sache mit Gott breitet sich durch diese Menschen aus. Es geschieht Gutes und Heilsames überall, wo diese von Gott ermächtigten Menschen hinkommen. Sie gehen nach dem Gottesdienst in ihre Wohnungen und Häuser und nehmen den Segen vom Gottesdienst mit. Sie begegnen Menschen und es geschieht etwas, was damals mit Jesus angefangen hat, in diesem Gottesdienst weitergeht und nach diesem Gottesdienst erst recht weitergeht.

Der Predigttext für heute steht im Johannesevangelium Kapitel 20 in den Versen 19-22.

9 Es war schon spätabends an diesem ersten Wochentag nach dem Sabbat. Die Jünger waren beieinander und hatten die Türen fest verschlossen. Denn sie hatten Angst vor den jüdischen Behörden. Da kam Jesus zu ihnen. Er trat in ihre Mitte und sagte: »Friede sei mit euch!« 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Die Jünger waren voll Freude, weil sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal: »Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so beauftrage ich jetzt euch!« 22 Dann hauchte er sie an und sagte: »Empfangt den Heiligen Geist! 23 Wem ihr seine Schuld vergebt, dem ist sie wirklich vergeben. Wem ihr sie aber nicht vergebt, dem ist sie nicht vergeben.«

Der auferstandene Jesus haucht seine Jünger an und gibt ihnen damit den Heiligen Geist. So gibt er ihnen, was sie für ihren Auftrag brauchen. Ihr Auftrag lautet: das tun, was Jesus tut. So handeln, wie Jesus handelt. So wirken, wie Jesus wirkt. Jesus sagt zu allen, die ängstlich da im Haus versammelt sind: „Wie mich der Vater gesandt hat, so beauftrage ich jetzt euch!“

Schauen wir uns einmal an, was Jesus in dieser Geschichte tut. Daran können wir für heute sehen, was wir tun sollen.

Jesus geht zu den Ängstlichen und bringt ihnen Frieden.

Die Jünger sind in einem Haus hinter verrammelten Türen und haben Angst. Jesus ist ja erst vor kurzem hingerichtet worden. Sie als seine Freunde sind gefährdet. Jesus tritt mitten unter sie. Es wird nicht gesagt, wie er das macht, wo doch die Türen fest verschlossen sind. In meiner Kinderbibel war klar. Jesus kann wie ein Engel einfach erscheinen. Wie das möglich ist, darüber wird nichts gesagt. In einem Film könnte man darstellen, wie es an die Tür klopft. Wie alle erschrecken. Wie Jesus ruft. Das führt erst mal zu mehr Schrecken. Denn Jesus ist doch tot. Dann allmählich fängt jemand an, mit der Möglichkeit zu rechnen, dass es wirklich Jesus sein könnte. Hat nicht die verrückte Maria so eine Geschichte erzählt, dass sie dem auferstandenen Jesus begegnet sei. Niemand hat ihr geglaubt. Aber jetzt die Stimme Jesu. Und die Worte von draußen: Friede sei mit euch. Und die Erinnerung an seine Worte. Jesus ruft von draußen: Ich habe es euch doch vorher gesagt. Ich muss gekreuzigt werden und werde auferstehen. Irgendwann trauen sie sich, die verschlossenen Türen zu öffnen. Ketten werden weggenommen. Große Schlüssel klirren. Die Tür quietscht. Und dann tritt Jesus in ihre Mitte. Er wünscht ihnen Frieden.

Liebe Mitchristen, das ist unsere Aufgabe als Christen. Wie Jesus sollen wir zu denen gehen, die Angst  haben und ihnen Frieden bringen.

Gut. Ich werde also heute Nachmittag zu einer Frau gehen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Wenn sie nicht gleich aufmacht, werde ich von der Straße her solange rufen, bis sie endlich aufmacht. Und dann stelle ich mich mitten in den Raum – ich muss ja genug Abstand halten – und rufe: Friede sei mit dir.

Ob das was nützt?

Wir alle wissen, dass die Sache schwieriger ist. Wenn Menschen in einer harten Zeit sind, dann hilft es ihnen, wenn sie merken, dass an sie gedacht wird. Wir als Kirchengemeinde haben seelsorglich ausgebildete Menschen, die die Blumen nach dem Gottesdienst wegbringen. Dann kann jemand an der Tür die Blumen entgegennehmen oder die Blumenbringerin oder den Blumenbringer reinbitten.

Wenn von Gott etwas Heilsames geschehen soll, dann muss jeder selbst für sein eigenes Tempo und sein eigenes Maß sorgen.

Es ist manchmal schwer zuzusehen, wie Menschen nicht das machen, was gut für sie ist. Und die Hilfe nicht in Anspruch nehmen, die da ist. Jesus hätte seinen Jüngern in ihrer Ausbildungszeit gerne noch viel mehr beigebracht und es war sicher schwer für ihn mitanzusehen, wie doof sie sich anstellen und wie lange sie brauchen. Und von Gott aus betrachtet stellen wir und in unserem Leben ziemlich sicher dumm an und brauchen ziemlich lange, um zu erkennen, was unserem Heil dient.

Aber wenn wir wie Jesus seelsorglich Frieden bringen wollen – dann müssen die Ängstlichen ihr Tempo bestimmen. Dann geht manchmal nur, bei ihnen zu sein. Die besten Ratschläge helfen nicht. Die besten Tipps sind für die Katz. Denn jeder muss im Endeffekt sich selbst helfen. Jeder muss seinen Weg finden, wie der Glaube ihm hilft. Jeder hat mit seinen persönlichen Ängsten zu kämpfen. Und wir können einander nur Friedensboten und Helfer zum Überwinden der Ängste sein, wenn wir vorsichtig und behutsam sind. Jeder muss die Tür öffnen, die für ihn oder sie dran ist. Und wir müssen damit leben, dass viele Türen nie geöffnet werden.

Die Sendung Jesu erfährt viele Rückschläge. Eben noch riefen sie Hosianna, jetzt rufen sie Kreuzige ihn. Jesus weint um Jerusalem, das nicht erkennt, was dem Frieden dient. Jesus muss das Kreuz auf sich nehmen. Und die Auferstehungsbotschaft braucht sehr lange, bis sie bei den Jüngern angekommen ist.

Wenn wir uns von Jesus senden lassen, dann kommen wir um diese Rückschläge nicht herum. Es gibt sehr ungerechte Wahrnehmungen der Kirche in dieser Gesellschaft. Da aber, wo Türen aufgetan werden, geschieht wundervolles: Friede überwindet die Angst. Friede bedeutet: alles ist in Ordnung. Wir sind sicher und doch frei. Wir müssen nicht hinter verrammelten Türen, voller Einschränkungen, leben.

Das zweite, was Jesus tut, ist, seine Wunden zu zeigen.

Er zeigt den Jüngern seine Wunden an den Händen von den Nägeln und an der Seite von dem Speer des Soldaten. Wenn wir wie Jesus zu den Menschen gehen und Frieden zu den Ängstlichen bringen wollen, dann ist es gut, uns nicht als stark, sondern als verletzlich zu zeigen. Menschen, die Leid erfahren, öffnen sich für Menschen, die auch Leid erfahren. Da gibt es nicht ein Gefälle: der eine ist ohne Probleme und stark und der Problemlöser und der andere ist der ohne Probleme und der, der die Lösung empfängt. Zwei Menschen mit Problemen begegnen sich und hören einander zu und zeigen etwas von sich. Dann geschieht etwas von dem Frieden, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft.

Das dritte, was Jesus in unserer Geschichte tut, ist ermächtigen. Er beauftragt die Jünger, seine Aufgabe fortzusetzen. Und er gibt ihnen dazu die göttliche Kraft, den heiligen Geist, die Art Gottes, auf Menschen zuzugehen. Menschen, die eben noch ängstlich waren, hinter verrammelten Türen, gehen in alle Welt, bringen Frieden und  vergeben Sünden. Sie bringen etwas von Gott in die Welt. Sie haben bei Jesus gesehen, dass die Wunden nicht einsperren, sondern mit Gottes Kraft hilfreich sind, andere verletzte mit einem Auftrag, einem Sinn, einer Sendung zu versehen. Das ist das christliche Schneeballsystem. Jemand hat mal gemeint, die Aufgabe eines Pfarrers ist es, sich selbst unnötig zu machen. Weil irgendwann alle in der Gemeinde seinen Job machen können.

Jedenfalls beginnt mit Kreuz und Auferstehung die Verwandlung der Welt. Jesus bläst uns an mit der Gotteskraft und unsere Wunden werden zur Hilfe, um andere Menschen aus der Angst in die Sendung zu bringen. Unsere Wunden werden zum Zeichen, dass die Worte Jesu heilsam verändern können.

Wir alle haben unsere Beschädigungen und Verletzungen davon getragen. In der Familie und in allen anderen Zusammenhängen. Gerade so, mit unseren Wunden, sind wir geeignet, gesandt zu werden. Wie Jesus. Wir gehen los, lassen die verrammelten Türen hinter uns und die Einschränkungen, und auf dem Weg werden wir weiter verwandelt. Was geschieht, ist ein Wunder. Denn etwas Heilsames und Befreiendes geschieht von Gott her in unserem ganz normalen Leben. Mitten unter uns. Und trotz uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen, seligen Leben. Amen.

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