Worte zum Leben

Im Psalm 119,116 heißt es: „Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung!“

Liebe Gemeinde,

„Erhalt mich, Herr, bei deinem Wort!“ – 1542 dichtete Martin Luther dieses Lied, das wir zu Beginn des Gottesdienstes gesungen haben. Knapp 200 Jahre später wurde es zur Grundlage für jene Kantate, die soeben verklungen ist. „Erhalte uns, Herr bei deinem Wort! Erhalte uns, Herr, durch dein Wort!“ so im Psalmwort. Besinnung auf das Wort Gottes. Damit haben wir es mit einem Grundanliegen der Reformation zu tun, nicht nur der deutschen, sondern der gesamten europäischen Reformation im 15. und 16. Jahrhundert, ein Grundanliegen jener großen Reformbewegung, die das Wort Gottes unters Volk bringen wollte, und zwar in der jeweiligen Landessprache – schon John Wiclif in England, dann die Reformprediger in Böhmen – 1391 wurde zu diesem Zweck die berühmte Bethlehemskapelle in Prag gegründet – , bald wurde Jan Hus dort Prediger… und 1421 wurden die sogenannten 4 Prager Artikel sogar als böhmisches Landesgesetz angenommen. Darin forderte der erste Artikel: Freie Verkündigung des Wortes Gottes… Die deutsche und Schweizer Reformation griffen dieses Anliegen in großem Umfang auf. „Sola scriptura, allein die Schrift“ – statt der vielen äußeren Rituale und Übungen, die sich im Laufe der Jahrhunderte als Wesensäußerungen und Pflichten innerhalb der Kirche herausgebildet hatten, betonten die Reformatoren die Grundlage unseres Glaubens, Gottes Wort. Und so arbeiteten sie sich mühsam an die Quellen heran, lasen die Heilige Schrift in den Ursprachen, übersetzten und predigten in deutscher Sprache, damit möglichst alle verstehen konnten, welcher Schatz darin für die Menschen bereitlag.

Martin Luther entwickelte eine regelrechte Theologie des Wortes Gottes: „Gott wirkt alles durch sein Wort in einem Prozess zu unserem Heil.“, so könnte man diese Theologie zusammenfassen. Nicht durch menschliche Mühen und Anstrengungen, durch äußere Rituale und Bußübungen erreichen wir Befreiung für unsere Seelen, sondern Gott selbst bewirkt diese Befreiung durch sein Wort – schaffend, erlösend und neu machend. Dabei meint Martin Luther mit dem Wort viel mehr als ein paar geschriebene oder gehörte Sätze. Er versteht unter dem Wort Gottes ein umfassendes Geschehen – s. Schöpfung: Gott spricht und es wird, geschieht („Es werde Licht!“ Das Dunkel wird hell). Gott schafft Leben durch sein Wort, Gott verändert Leben, indem er Menschen anruft, herausruft, auf den Weg schickt, in Gang setzt, seine Weisungen mitgibt, mit Verfehlungen konfrontiert, losspricht von Schuld, neu ins Leben entlässt. Besonders kraftvoll, besonders deutlich und einmalig begegnet uns Gottes Wort in Jesus Christus. In dem, was Jesus sagte, tat und durchlitt.

(Hinweis auf Bibel) – und hier liegt es nun vor uns, das Wort Gottes, seit Luthers und Melanchtons Zeiten in deutscher Sprache. Aber warum erreicht es uns manchmal so wunderbar und ein andermal überhaupt nicht? Warum gehen manche Worte einfach nur an uns vorbei und finden in uns keinen Widerhall? Martin Luther unterschied das äußere Wort Gottes vom inneren Wort Gottes. Zum äußeren Wort Gottes rechnete er neben Jesus Christus auch die Worte anderer Menschen, gesprochen durch die Propheten und in den Evangelien. Das äußere Wort Gottes haben wir in der Schrift vorliegen. Das innere Wort Gottes sah er dagegen als ein Geschehen, das durch diese äußeren Worte in Gang gesetzt werden kann. Das innere Wort Gottes dringt ins Herz. Es richtet Menschen auf, befreit, tröstet, verwandelt. Dass das äußere Wort zum inneren werden kann, braucht verschiedene Vorraussetzungen – alles das, was uns ermöglicht wirklich zuzuhören und was uns diese äußeren Worte erschließen hilft. Dann gibt es da unter den vielen Worten plötzlich das eine, das wie für uns gemacht ist, das uns berührt und neu ins Leben gehen lässt. In diesem Sinne waren für Martin Luther die Worte der Heiligen Schrift niemals nur Leseworte, sondern Lebensworte. Die wichtigste Tätigkeit eines Christenmenschen sah er darin, „sich diesen Lebensworten auszusetzen“.

Reformationstag 2010. „Erhalte uns, Herr, durch dein Wort, dass wir leben und lass uns nicht zuschanden werden in unserer Hoffnung!“

Darum können wir bitten, so wie wir heute hier sitzen, eingebunden in unsere jeweiligen familiären Verhältnisse, inmitten unserer Ängste, getrieben von unseren Fragen, Befürchtungen und Erwartungen. Gott will, dass wir leben. Wenn wir uns Gottes Worten aussetzen, geschieht etwas mit uns. Zwei Wirkungen klangen in der Kantate an: Tröstung und Hoffnung. „Heilg’er Geist, du Tröster wert, gib deim Volk einerlei Sinn auf Erd. Steh bei uns in der letzten Not, gleit uns ins Leben aus dem Tod!“ Gottes Wort tröstet. „Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“ Gott will uns nicht vertrösten wie mit einem Stück Schokolade, nicht ablenken von den wunden Stellen, sondern trotz der wunden Stellen uns in die Arme nehmen, uns sagen: „Ich stehe zu dir. Ich halte diese harte Zeit mit dir aus. Am Ende wird es gut werden.“ Manchmal kommt die Kraft zum Leben nicht aus uns selbst. In einem Gedicht las ich die Worte: „Gott, ich fahnde nach deinem letzten Wort, einem Rest deiner Gegenwart und bitte meinen Glauben inständig, tapfer zu bleiben. Heute hält mich nur mein Vorrat an Himmel am Leben.“ Gut, dass wir ihn haben, den Vorrat an Himmel, die Lebensworte Gottes.

Ein Mann schickte mir vor kurzem einen Brief und erzählte darin von seinem leidvollen letzten halben Jahr. (Beziehung kaputt, Auszug, schwierige Verhandlungen) Und dann schrieb er mir von einer Postkarte, die er damals bekommen hatte. Damals, als seine Lebenskraft völlig dahin war. Jesus spricht: „Ich lebe – und ihr sollt auch leben!“ stand darauf. Dieser Funke an Lebenswillen, der noch in ihm war, hatte sozusagen neuen Sauerstoff bekommen, war neu entfacht worden zu einer Flamme. Und die Hoffnung, ganz klein zuerst, wuchs wieder. „Lass uns nicht zuschanden werden in unserer Hoffnung!“ Lass uns nicht irre werden, nicht aufgeben, nicht kaputtgehen.

Reformationsfest in Deutschland 2010. Auch als Kirche können wir heute so bitten: „Erhalte uns, Herr, durch dein Wort und lass uns nicht zuschanden werden in unserer Hoffnung!“ Nein, kein Ablasshandel bedroht unsere Kirche wie zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Kein Religionsverbot macht uns das Leben schwer. Wir dürfen unseren Glauben frei bekennen und leben. Und doch. Seit einigen Tagen steht in unserem Bundesland Sachsen die Frage im Raum: „Sollen die staatlichen Zuschüsse an die Evangelische Kirche noch so fortgeführt werden wie bisher? Sind sie nicht veraltet? Zu hoch?“ Die Frage wird öffentlich diskutiert. Sie verweist darauf, dass es zumindest nicht mehr selbstverständlich ist, die Kirchen als wichtigen Teil der Gesellschaft zu begreifen. Wieder wollen es uns verschiedene Stimmen nahelegen, Kirche und Religion als Privatsache anzusehen. Die Frage greift zu kurz. Es geht uns als Kirche doch nicht um die Erhaltung der Institution an sich. Die ist vergänglich und immer wieder auch reformbedürftig. Es geht um den freien Zugang zu den Quellen des Lebens, um Erschließung von Sinn jenseits von Leistung und Konsum, um eine tragende Hoffnung über den Tod hinaus. Es geht darum, dem Himmel Platz einzuräumen mitten in unserem alltäglichen und oft von Zwängen aller Art eingeschnürten Leben. Welche Gesellschaft könnte darauf verzichten, ohne wesentlich zu verarmen? (Dieselbe Frage wird an den Kirchentag in Dresden 2011 gestellt. Den nur unter dem Aspekt von Kosten und Nutzen zu erörtern, bleibt armselig, steht doch als Chance die freie Verkündigung von Lebensworten hinein in unsere Zeit.) Auch als Kirche bitten wir in diesen Tagen darum, dass die Ausstrahlung von Gottes Wort sich als stärker erweisen möge als der Zeitgeist einer Kosten-Nutzen-Rechnung. „Gib unsern Fürsten und aller Obrigkeit Fried und gut Regiment, dass wir unter ihnen ein geruhsam und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.“ So endet die Bach’sche Kantate. Es sind Worte des 16. Jahrhunderts, nicht unsere. Und doch könnten wir uns darin mit dem Bedürfnis nach Rechtsstaatlichkeit und nach der Verbindlichkeit von Verträgen möglicherweise wieder finden. Und so bitten auch wir um ein kluges und weitsichtiges Regieren unserer politischen Führung.

Eins bleibt uns in jedem Fall: Auch wenn äußere Strukturen sich ändern und finanzielle Mittel geringer werden, bleibt uns Gottes Wort, der Schatz der überlieferten Botschaft, der Einbruch des Himmels in unsere Welt. „Erhalte uns, Gott, durch dein Wort und lass uns nicht zuschanden werden in unserer Hoffnung!“

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