Worte des Lebens

So nah liegen Macht und Ohnmacht manchmal beieinander. Eigentlich war ER es gewohnt, Anweisungen zu geben und dann wurden sie ausgeführt. Auf seine Anordnung hin wurden Mitarbeiter eingestellt oder entlassen, standen Laufbänder still oder produzierten, er entschied über Investitionen. An seinen Entscheidungen hingen nicht nur sein eigenes familiäres Wohl und Ergehen, sondern auch das all der Familien, die bei ihm in Lohn und Brot standen. Deshalb wurde auf sein Wort in der Stadt gehört, das Wort eines einflussreichen Arbeitgebers und potenten Steuerzahlers. Manche beobachteten ihn misstrauisch, denn Erfolg und Aufstieg schaffen nicht nur Freunde, sondern bringen auch Neider hervor. Da spielt es keine Rolle, ob er sich sozial engagierte, Mäzen für Kunst, Kultur und Sport war, in der Kirchengemeinde präsent, oder vielleicht doch vor allem der kaltherzige Kapitalist, den einige gerne ihm sehen wollten. Er hatte Macht und er hatte Einfluss. Er hatte es geschafft, obwohl es ihm nicht im die Wiege gelegt war. Aber mit einem Mal war er nur noch ohnmächtig, musste mit ansehen, wie das Glück seiner Familie zu zerbrechen drohte, als Ärzte die bedrohliche Krankheit bei seinem jüngsten Sohn feststellten. Den passenden Knochenmarkspender konnte er sich nicht kaufen. Ob die von den Ärzten vorgeschlagene Therapie anschlug, lag nicht mehr in seiner Macht. Er war hilflos wie so viele andere auch in vergleichbaren Situationen. Er fragte sich: warum? Ihm wurde Gott frag-würdig, wie so vielen, die es nur gewohnt waren auf der Sonnenseite zu stehen oder immer die Nieten zogen. Er dachte manchmal, die Verantwortung dafür, dass die Kurve jetzt nicht mehr steil nach oben ging, läge bei ihm und so kam er aus dem Grübeln und Forschen fast nicht mehr heraus. Wie so vielen blieb ihm neben der Kunst der Ärzte, die keinen Unterscheid machten zwischen groß und klein oder arm und reich, nur das Beten: „Herr hilf! Ein Leben noch ganz am Anfang. So viel Liebe, die das nicht verkraften würde…“
Da hatte er so eine Machtfülle und wenn es darauf ankam, waren seine Hände leer und sein Herz ohnmächtig, verletzt und traurig.
Er suchte nach allem, was helfen konnte, er wäre bereit gewesen jeden Strohhalm zu ergreifen. Er hätte sich auch auf jede alternative Behandlung seines Sohnes eingelassen, die nur irgendwie Hilfe versprach.
So habe ich es viele Male erlebt: hilflos waren sie zunächst, unfähig, die Krankheit anzunehmen, bäumten sich verzweifelt auf gegen das unausweichlich scheinende Schicksal, kämpften um jeden Strohhalm, der Hoffnung versprach, und immer wieder beteten und hofften sie auf ein Wunder, wie auch immer es aussehen mochte. Das ist zeitlos menschlich. Das ist zeitlos verständlich.
Aber ist es auch zeitlos vergeblich?
Ich möchte diese Botschaft – es nützt nichts – keinem sagen müssen, sondern mit ihm so lange wie möglich hoffen und beten dürfen. Und erst wenn es wirklich keinen Ausweg mehr gibt, darum ringen, solch Schicksal annehmen zu können in der Hoffnung, Gottes Hand dennoch zu spüren, sich von ihm gehalten und getröstet zu wissen, um die verbleibende Zeit auskosten zu können. Und wenn es mir womöglich einmal so ergehen sollte, dann wünsche ich mir auch die Kraft, so lange wie möglich kämpfen, hoffen und beten zu können, allezeit erfüllt von dem Vertrauen, dennoch nie aus Gottes Hand zu fallen. Die Not lehrt ja auch Menschen beten, die bis dahin im Leben glaubten, ohne Gott ganz gut zu recht zu kommen. Und wer wollte es ihnen verübeln, in dem Augenblick, in dem es um Leben und Tod geht, sich zu besinnen, dass womöglich doch ein anderer HERR über Leben und Tod sei.
Sicher verändert sich der Glaube durch solche Krisen hindurch, aber ob ein Wunder zum Glauben führt, ob es als Gebetserhörung verstanden wird, oder ob Gott doch wieder aus dem Blick gerät, wenn er nicht mehr gebraucht wird, das mag ich nicht beurteilen und entscheiden. Mir fällt es schwer, die Kritik Jesu einfach im Raum stehen zu lassen: „wenn ihr nicht Wunder und Zeichen seht, so glaubt ihr nicht“. Als wenn damit alles gesagt wäre! Sicher kann das Wunder auch heißen, sein Los anzunehmen und die Zeit und das begrenzte Leben auszukosten, zu leben – begrenzte Zeit nur, aber erfüllt. Aber wer hofft nicht, sucht nicht in so einer Situation nach dem großen Wunder?
Mich beeindrucken vor allem der königliche Beamte oder der Hauptmann von Kapernaum, die beinahe wie Zwillingsbrüder daherkommen und deren Geschichten sich vermischen, als wäre es eine. Sie fügen sich beide nicht einfach ohnmächtig in ihr Schicksal. Und Jesus lässt sich davon bewegen. Ja, wir dürfen also aufbegehren gegen Dinge, die uns widerfahren, und müssen uns nicht einfach ergeben oder fügen in alles, was uns zustößt. Glaube darf rebellisch sein und darf sich so protestierend an Gott wenden. Er darf nach dem Warum fragen und muss sich nicht nur mit dem Wozu zufrieden geben. Er muss sich nicht abwimmeln lassen und darf auch fromm daherkommenden Antworten widersprechen. Rebellischer Glaube statt fromm ummantelte Ohnmacht entdecke ich da von Menschen, von denen man es nicht erwarten würde: ein römischer also heidnischer Hauptmann und ein sicherlich ebenso misstrauisch beäugter Vertrauter und Beamter aus dem königlichen Palast, der nicht so positiv beobachtet wurde, wie der Buckingham Palace in London und die darin residierende Königsfamilie mit ihren jungen Sympathieträgern heute.
Beide suchen Jesus und lassen sich nicht mit Hinweis auf ihre Herkunft oder auf die Zeichengläubigkeit der Leute abschütteln. Und beides nennt die Bibel Glaube.
Den Diskurs des einen mit Jesus ebenso wie dann am Ende das Einlassen auf ein Wort beim anderen.
Natürlich erzählt Johannes seine Geschichte auch, um der Ohnmacht der Menschen die Vollmacht des Menschensohnes, der der Gottessohn ist, entgegenzustellen. Wir sollen es wissen, mit wem wir es zu tun haben: Jesus ist kommen, die Ursache zum Leben… Er hat die Macht und damit die Vollmacht heil zu machen an Körper, Seele und Geist!
Über uns soll heute seine Herrlichkeit aufgehen und heller leuchten als ein Stern!
Er erzählt es aber vielleicht auch um uns zu zeigen, dass es manchmal vielleicht nicht mehr braucht und nicht mehr gibt als ein Wort.
Es muss allerdings ein Wort sein, das nicht einfach gedankenlos nur dahin gesprochen wird , sondern ein Wort, das aufhilft, weiterhilft und trägt. Und das hängt auch daran, wer dies Wort spricht.
Jesus spricht keine Zauberformel, macht keine Beschwörungen.
Er sendet. Geh hin. Und der königliche Beamte lässt sich darauf ein. Geh deinen Weg, geh zurück in dein Leben, lauf nicht davon. Habe Vertrauen…von all dem schwingt etwas mit in dem Befehl Jesu.
Es muss daran gelegen haben, wie und vor allem wer dieses Wort gesprochen hat. Dem Wort Jesu, ihm, dem Wort Gottes, der Gott vernehmbar gemacht, mit dem Gott sich mitten unter uns zu Wort gemeldet hat, dem dürfen wir vertrauen. Auf sein Wort dürfen wir uns einlassen.
Es sind momentan wieder soviel Parolen, laut gebrüllte, unheilvolle Worte zu vernehmen von Menschen, die vorgeben zu wissen, wo das Heil liegt, die dabei mit den Ängsten und dem Neid von Menschen spielen, die an dumpfe Gefühle und Triebe appellieren, die böse Erinnerungen wachrufen, darüber hinweggehen, wo menschen Not an Körper, Seele und Geist leiden. Wie anders ist da Jesus zu vernehmen. Sein Wort grenzt nicht aus, sondern schließt ein. Sein Wort spielt nicht mit Ängsten, sondern will Ängste nehmen, indem er sein Mitleid, sein Mitgefühl, sein Mitgehen verspricht: ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. Sein Wort lautet : fürchtet euch nicht!
Das eigentliche und zeitlose Wunder ist es, wenn Menschen auf sein Wort hin gehen: in ihren Alltag, zu den Menschen, die sie lieben, zu denen, die Hilfe und Beistand nötig haben, zu denen Schwachen und Geringen und in ihnen etwas heil werden kann: eben wieder die Seele, der Geist und manchmal auch der Leib.
Macht und Ohnmacht liegen so nah beieinander.
Am Ende wird der Vollmächtige der ganz Ohnmächtige sein.
Aber seine Ohnmacht offenbart erst die wirkliche Macht Gottes, die eine Macht zum Leben ist. Denn es geht nicht um Stärke, sondern um das Leben. Und das letzte Wort, dem wir trauen und glauben dürfen im Leben und im Sterben ist ein Wort des Lebens, selbst wenn wir oder Menschen, die wir unendlich lieben und die loszulassen unendlich schwer fällt, sterben.
Die Jünger bekennen einmal: Herr, wohin sollten wir gehen, du hast Worte des ewigen Lebens.
Das ist Glaube, der heilt und der befreit. Und den schenke uns Gott, dazu bewege uns sein Geist und darauf vertraue unser Herz heute und allezeit. Amen

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