Worte – Bilder – Gefühle (zu Sacharja 9,9.10)

Aus Worten werden Bilder.

Aus Bildern werden Gefühle, Emotionen voller Widersprüche.

Und aus den Emotionen, was wird aus ihnen?

Die Straßen sind voll. Menschen stehen dicht gedrängt, halten Schilder und Transparente hoch. Politiker in Sträflingskleidung sind darauf zu sehen, „nur eure Politik macht mir Angst“  ist zu lesen oder: „Coronadiktatur“. Wochenende für Wochenende gehen diese Bilder  durch die Medien. Ich kann Wut in den Gesichtern lesen, manchmal auch Sorgen, aber auch viel Hass und Gewaltbereitschaft. Stimmen vereinen sich, rufen und wachsen an, bis sie im Chor sich rhythmisch vereinen, es brodelt…Die Stimmung schwankt, die Stimmung kippt…

Am Ende bleibt ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht: woher dieser Zorn und dieses Misstrauen? Demonstrationen und Gegendemonstrationen und dazwischen Polizei mit Wasserwerfern und in Schutzausrüstung.

Bilder haben Botschaften, eben nicht nur die der Schilder und Transparente.

In wenigen Wochen werden die Straßen in Washington gefüllt sein, vielleicht nicht wie vor vier, acht oder zwölf Jahren. Aber die Amtseinführung eines neuen amerikanischen Präsidenten ist ein Ereignis und die Bilder sind ebenso wie die Vorherrschaft über ihre Deutung schon Botschaft. Werden sich die Erwartungen und Hoffnungen auf eine bessere und freundlichere, auf eine vernünftigere und dialogbereitere Zukunft auch auf der Straße widerspiegeln oder wird man den Streit, die Spaltung, das Misstrauen, den Riss durch die Gesellschaft aus den Bildern lesen können? Was wird man hören?

Jubel oder Klage,

Versöhnung oder Drohung?

Worte machen Bilder machen Gefühle…

Ich kann auch den Propheten Sacharja nicht hören, ohne sofort Bilder zu sehen, aus unseren Tagen wie eben oder aus alten Tagen:

Matthäus hat so ein Bild in seinem Evangelium gemalt und lässt  Sacharja auf- und durchleuchten.

Schon hier sind die Straßen gefüllt und Menschen steht dicht an dicht. Abstand und Hygieneregeln spielen keine Rolle, dafür die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft und die Klage über wirklich diktatorische Zustände, wo fremde Mächte das Land beherrschen und der Friede im römischen Reich zwar ein Fortschritt sein mag. Aber es  ist ein vor Waffen und Gewalt strotzender Friede, der die Menschen stumm werden lässt, normalerweise, in ihrem Alltag. Mit viel Leidenschaft malt Matthäus wortgewaltig aber es ist dann doch kein Bild wie aus unseren Tagen: weder in der Stimmung unter den Menschen, noch bei dem, der die Aufmerksamkeit inmitten dieses Trubels auf sich zieht: Jesus reitet auf einem Esel durch die Straßen, die mit Kleidern ausgelegt sind. Die am Straßenrand haben sich ausgezogen. Statt Transparenten und Parolen halten die Zuschauer Palmenzweige in die Höhe, statt Protest rufen sie hoffnungsvoll und sehnsuchtsvoll, freudig erregt und begeistert, euphorisch geradezu: Hosianna, dem Sohn Davids, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn. Freude statt Verachtung und Aggression schlägt uns entgegen.

So erinnern ganz gegenwärtige Bilder an bekannte Worte, 

hier werden Bilder wieder zu überlieferten und vertrauten Worten aus alter Zeit: „Tochter Zion, freu ich, dein König kommt zur Dir, ein Gerechter und Helfer.“

Aus Bildern werden aber auch hier Gefühle und Emotionen: Freude, Erwartung und Hoffnung auf der Seite der Menschen am Straßenrand.

Und der, der alle Blicke auf sich zieht, überstrahlt alles – nicht durch Demonstration von Macht. Er spiegelt Armut und Demut wider: ein unbewaffneter Eselsreiter als Hoffnungsträger, ein König, der gerecht, solidarisch und hilfsbedürftig ist, und bei allem nicht im eigenen Interesse oder zum eigenen Vorteil handelt. So klingt die bisher unerfüllte messianische und zukünftige Hoffnung aus Worten und Bildern in die damals notvolle Gegenwart hinein. Die Waffen der Besatzer sollen entschärft, das Kriegsgerät zerstört, wahrer Friede aufgerichtet und die Herrschaft des Rechtes wiederhergestellt werden.

Einer verkörpert nun diese Hoffnung, als ob sie sich in diesem Augenblick erfüllt. 

Wir feiern in dieser Zeit das Warten auf und das Kommen Jesu und glauben: er ist dieser Christus, der Gesalbte Gottes, der Messias, der Hoffnungsträger und der Heilsbringer im besten Sinne des Wortes ist. Und diese Sehnsucht ist doch bis heute zugleich ungestillt.

Aber ich kann die Sehnsucht nicht mit dem Vorwurf der Weltfremdheit und Naivität zum Schweigen bringen. Selbst wenn ich mit der Bergpredigt oder der prophetischen Kritik an realen sozialen, religiösen und politischen Verhältnissen meine, keine Politik machen zu können, so muss die Sehnsucht auf Friede, Recht und Gerechtigkeit ernst genommen und der Ruf danach erhört werden. Denn sie ist alle Zeit gegenwärtig, wirklich und drängend, aber auch tief und still, und so eine Form des würdigen und mächtigen Protestes:

Sie ist Herrschaftskritik oder Herrschaftsleitbild.

Gottesgnadentum ist kein Privileg, das einen oder eine aus der Masse heraushebt und für sie unerreichbar und unnahbar macht. Denn König und Herr ist Gott. Wer unter menschlichem Machtmissbrauch leidet, erlebt Gottes Herrschaftsanspruch hoffentlich als Trost, weil er allen menschlichen Machtanspruch in die Schranken weist.

Es ist (hoffentlich) demokratisches, religiöses und somit selbstverständliches Grundverständnis, dass Herrschaft, wir würden Regierungsauftrag sagen, keine Machtausübung, sondern geborgte und auf Zeit anvertraute Verantwortung und damit die Macht von Recht und Gerechtigkeit ist.

Diktatoren und Autokraten wissen und fürchten diese Einsicht. Sie unterdrücken Sehnsucht oder spielen mit den Ängsten, die sich in ihnen ausdrücken. Sie benutzen die Macht der Rosse und Kriegsbogen, der Wasserwerfer und Knüppelstöcke und versuchen entweder die Straße mit ihren Parolen zu besetzen oder sie zu räumen. Denn Bilder können auch Angst machen und Angst kann stumm und angepasst machen.

Wie anders die Botschaft Sacharjas und wie wichtig ist sie von Advent zu Advent: Freut euch. Und haltet eure Freude denn Herren der Angst entgegen.  Freut euch an euren Träumen von einer besseren Welt und an eurer Sehnsucht, die nach den Spuren Gottes im Alltag der Welt und im Zusammenleben der Menschen sucht und sie entdeckt. Gott ist da, er kommt uns entgegen. Er ist Gerechtigkeit und er ist eine große Hilfe, ein Retter nicht nur der Seelen.

Aber  Gottes Macht und seine Herrschaft werden nicht durch Waffen und Gewalt durchgesetzt, sondern setzen auf die Zeichen der Demut, der Bescheidenheit, der Armut du der Solidarität. So wird  am Ende die Macht der eingebildeten Mächtigen gebrochen: durch die Macht der Kleider, die die Menschen in den Händen tragen, um zu winken oder sie auf die Wege zu legen, die Macht der Palmenzweige, die nicht zum oder Kämpfen von den Bäumen gerissen werden, sondern zu Symbolen des Friedens werden. Es ist die Macht der Armut, die der Esel schon zu biblischen verkörpert im Kontrast zu den Streitwagen oder Kriegspferden der antiken Großmächte. 

Ich kann mich also gar nicht beschweren über diese so stimmungsvoll aufgeladene Zeit im Advent, sind doch die Bilder der Sehnsucht in nicht erst in diesen Tagen so machtvoll.

Ich sehne mich nach Bescheidenheit und Demut der Mächtigen und der sich mächtig Fühlenden, ich sehne mich nach Solidarität und Achtsamkeit zwischen Starken und Schwachen, ich sehne mich nach Rücksichtnahme und Achtsamkeit im Umgang miteinander und gemeinsamer Sorge um die Gesundheit oder Gesundung aller. Ich wünsche mir Verantwortliche, die achtsam und einfühlsam eigene Erfahrungen und Empfindungen bewahren und so nahe bei den Hilfsbedürftigen sind und bleiben.

Ich wünsche mir Frieden in den Köpfen und Herzen und dann auch in den Mündern und Händen auf unseren Straßen.

Ich wünsche mir das Vertrauen und den Glauben an den, der da kommt, sanftmütig und auf einem Esel reitend: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist, ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein, dein Heilger Geist uns für und leit´ den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr“

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