Wofür steht das Kreuz?

Liebe Gemeinde,

dieses Predigtwort ist eine der ausdrücklichsten Aussagen, die wir in der Heiligen Schrift vorfinden. Es hat unzählige Menschen angeregt, über ihr Leben nachzudenken, dem Sinn des Todes und des Leides nachzusinnen und es hat viele Menschen auf den verwiesen, dessen Tod wir heute gedenken. Jesus Christus ist in diesem prophetischen Wort nicht erwähnt und dennoch spüren viele Christen darin einen Hinweis auf den Sohn Gottes, der zum Erlöser für die Menschheit wurde. Wie kann dies geschehen? Es kann geschehen, weil das Wort Jesajas in seiner Dichte dazu einlädt, sein eigenes Leben im Spiegel dieser Worte zu erblicken. Karfreitag ist dazu der rechte Ort, denn er lässt uns nacherleben, wie es einst den Jüngern gegangen sein mag. Da war dieser Mann Jesus aus Nazareth mit seiner unglaublichen Botschaft, dieser Mensch, von dem so viel Wärme und Liebe ausging, dass er fähig war, Hoffnung in den Herzen der Menschen zu entfachen, ihnen neuen Lebensmut zu geben und ihnen eine unerhörte Botschaft zu verkündigen: Gott, der Vater im Himmel wendet sich euch in Liebe zu! An diesen Menschen haben sie geglaubt, sind ihm nachgefolgt, haben gesehen, zu was er fähig war und in ihm erhofften sie sich eine neue Welt, die noch zu ihren Lebzeiten anbrechen würde. An dem Freitag aber, dessen wir heute gedenken, war alles vorbei: Tod und Kreuzigung, eine schmähliche Niederlage in den Augen der Feinde, Hohn und Spott über die, die an ihn geglaubt hatten. Angst und Furcht vor Verfolgung und Nachstellungen. Jesus war ihnen genommen worden und mit ihm ein Stück ihres neuen Lebens: der Glaube, die Liebe und die Hoffnung.

Liebe Gemeinde: schauen Sie auf unseren Altar: er ist leer, keine Kerze erhellt mit ihrem Schein unsere Kirche, keine Blume steht für das Leben und den Glauben an die Zukunft, selbst das Kreuz, das uns erinnert an die Tat, die uns befreien sollte, ist verhüllt. Nur das weiße Tuch liegt auf dem Altar, weiß wie das Leichentuch Jesu, in das die Jünger ihre Hoffnung einwickelten und sie hinter einem schweren Stein verschlossen.

In diesem Augenblick, liebe Gemeinde stehen wir hier nackt und schutzlos, denn wir sind ganz und gar auf uns alleine gestellt. Wir werden konfrontiert mit dem, was wir eigentlich sind. Denn wofür steht das Kreuz? Es steht nicht für unsere Leidverliebtheit – das Christentum kennt in seinem Wesen keine Leidverherrlichung, sondern es steht für die Konfrontation mit unserem Wesen: es sagt uns: das seid ihr – ihr seid die Verbrecher und die Mörder, die andere Menschen an´s Kreuz nageln, ihr seid die Heuchler und die Lügner, die andere verleugnen und verspotten, ihr seid die Schacherer und Spieler, die sich um die Reste der Beute streiten und sie an sich reißen. Liebe Gemeinde: gäbe es nur Karfreitag und nur das Kreuz, so müssten wir vergehen. Wir könnten nicht bestehen, sondern müssten uns verstecken vor der grausamen Wahrheit, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Wir würden zu Zynikern, die das Leben verachten. Deswegen weist das Kreuz auf Ostern hin. Aber bis Ostern sind es noch drei Tage, liebe Gemeinde: drei Tage, in denen wir mit unserem eigenen Dunkel konfrontiert werden. Jesaja schreibt: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe.“

Da ist das Ehepaar, dessen Ehe auseinanderzubrechen droht. Sie haben sich immer weniger zu sagen über die Jahre hinweg und das Wenige, das noch da ist wird aufgebauscht zu langen, quälenden Vorwürfen gegeneinander. Wie ein dunkler Schatten legt sich über ihre Beziehung eine Stimmung, eine Atmosphäre, die sie kaum mehr atmen lässt. Angespannt und verzweifelt betreiben sie zusammen ihr Tagwerk. Wo liegt die Schuld – wer hat damit angefangen, ihre Sonne zu verdunkeln? Trägt der eine mehr Verantwortung als die andere? Wo ist Heilung der Situation in Sicht? Reicht es, immer wieder neue Verträge untereinander zu schließen uns sich mit Worten zu versichern, es werde schon wieder alles gut?

Jesaja schreibt: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.“

Da ist der Missbrauch des Namens Gottes, dem die Welt seit langen unwidersprochen zuschaut. Es ist die vermessene und maßlose Aufteilung der Welt in Gut und Böse, in richtig und falsch, in christlich und unchristlich die Schundluder treibt mit dem Wort des lebendigen Gottes, der sich solidarisch erklärt hat mit den Armen und den Schwachen. Es ist die gefährliche Verwechslung einer Kultur-Idee mit dem Gottesreich, welches Staaten und Staatenlenker zu gefährlichen Agitatoren macht, Kriege entstehen lässt und im wahrsten Sinne des Wortes den Teufel an die Wand malt. An die Stelle des Nachdenkens über eigene Schwächen und Fehler wird der Glaube an Leistung, an wirtschaftliche Macht, ja an ein Übermenschentum propagiert, der jeder Verwendung des Namens Christi Hohn spricht.

Jesaja schreibt: „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg.“

Da ist die Tradition der Ablehnung zwischen Gemeinschaften, die doch nahe beieinander liegen. Wie Kain und Abel als Brüder miteinander leben sollten und sich doch gegeneinander abgrenzten bis zum Tode. Anstatt vorwärts zu blicken und sehen, wo Gemeinschaft tragen kann wird rückwärts gewandt gehetzt und der Same der Verachtung schon früh gelegt. Wie kommt es, dass Kinder, kaum den Bereich des eigenen Hofes überblickend über die Nachbarn als böse Menschen Bescheid wissen und das weit bevor sie sie überhaupt kennenlernen konnten. Wer trägt die Verantwortung: die Alten, die diese böse Tradition pflegen wie eine alte Erinnerung an einen verlorenen Krieg? Die Jungen, weil ihnen die Scheuklappen vor den Augen die Wahrnehmung ihrer Umgebung leichter macht?

Jesaja spricht: „Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.“

Liebe Gemeinde: all das ist schwer zu hören, noch schwerer anzunehmen. Dennoch: Karfreitag zwingt uns dazu. Wir haben dieser Tage nicht das Recht, auf Ostern hinzuweisen und hinweg zu gehen über das Dunkel von Karfreitag. Freilich wird uns allerhand angeboten, um nicht in den kirchlichen Rhythmus eintauchen zu müssen. Studieren Sie das Fernsehprogramm: dort finden Sie genügend Ablenkung, gehen Sie in die Stadt: dort werden Sie Karfreitag vergessen lernen. Und dennoch oder gerade trotzdem: es ist die schreckliche Zeit der Ungewissheit, der kaum auszuhaltenden Konfrontation mit unseren dunklen Seiten, die wir auch hier in der Kirche ansprechen und sehen müssen.

Weil uns aber alles genommen ist: die Kerzen der Hoffnung am Altar, das Läuten der Glocken als Hinweis auf die umspannende Gemeinschaft aller Christen, die entfaltete Musik und Liturgie zu Beginn des Gottesdienstes. Weil uns all dies genommen ist, bleibt uns nur eines – das Verharren im Gebet in der Gewissheit, dass Gott uns retten will. Der Christ in dieser Welt hat einen entscheidenden Vorteil: er weiß Bescheid über sein eigenes Dunkel, er weiß Bescheid über die Zerrissenheit der Welt, er weiß Bescheid über die Schmerzen, die er automatisch mit seiner Person anderen Menschen zufügen wird. Deswegen sucht er Hilfe und Trost; einen Trost nämlich, der ihm zusichert: es wird dir Gerechtigkeit geschaffen werden, deine Sünde wird getragen werden! So hören wir als Christen die Worte des Alten Testaments: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“

In diesem Glauben trägt uns Gott auch durch diese dunklen Tage – in diesem Glauben können wir Karfreitag begegnen und in den schrecklichen Spiegel blicken, der uns erbarmungslos mit uns selber auseinandersetzt.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht als unsere Einsicht, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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