Wörter des Jahres

<i>[Anmerkung: Die Predigt besteht aus fünf einzelnen Teilen und wird von Liedern bzw. Liedstrophen unterbrochen.]</i>

Jedes Jahr im Dezember gibt die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ das „Wort des Jahres“ bekannt.

Ein Jahr lang beobachtet sie die deutsche Presse und wählt diejenigen Begriffe aus, die den Sprachgebrauch des zurückliegenden Jahres besonders geprägt haben.

Ein Wort muss weder neu noch besonders originell sein, um „Wort des Jahres“ zu werden oder in die Rangliste dafür zu kommen.

Entscheidend ist, ob es die beherrschenden Themen des vergangenen Jahres besonders knapp und präzise zusammenfasst, egal, ob diese Themen im Einzelnen immer wichtig und bedeutend waren.

Das „Wort des Jahres“ ist immer symptomatisch. Es drückt aus, was uns beschäftigt hat und vermutlich auch im neuen Jahr noch beschäftigen wird. Das „Wort des Jahres“ hat Symbolcharakter. Es spiegelt wieder, was uns aufgeregt, amüsiert und angewiedert hat; worüber gesprochen und gestritten wurde: in der Politik, in den Medien, in der Kirche, in der Schule, unter Freunden und Kollegen.

Seit 1972 gibt es diesen sprachlichen Jahresrückblick. Erinnern sie sich noch an die Spitzenreiter der letzten Jahre?

Wort des Jahres 2003 war „das alte Europa“, 2002 hieß es „Teuro“, 2001 stand „der 11.September“ auf Platz 1, und im Jahr 2000 redeten alle von der „Schwarzgeldaffaire“. 1999 war „Millenium“ in aller Munde, und 1998 war das Jahr von „Rot-Grün“.

Evangelischer Glaube kommt vom Wort her, er gründet auf dem geschriebenen, gesungenen, gepredigten und gehörten Wort. Evangelischer Glaube ist wortorientierter Glaube. Nicht wortwörtlicher Glaube, sondern Glaube, der das Wort ernst nimmt, es in seine Mitte stellt, um das rechte Verständnis ringt. Evangelischer Glaube setzt das Wort der Bibel ins Verhältnis zu den Wörtern der Gegenwart und misst die Wörter der Gegenwart am Wort der Schrift.

Schon deshalb kann uns nicht egal sein, was außerhalb kirchlicher Mauern und Plausibilitäten gesagt und geschrieben wird.

Ich möchte sie heute einladen zu einem sprachlichen Rückblick auf das Jahr: Wörter, die uns beschäftigt haben, weil uns die Themen beschäftigt haben: Wichtiges und weniger Wichtiges, Bedeutsames und Banales.

[Lied]

Zum Wort des Jahres 2004 wurde „Hartz IV“ erklärt. Das war zu erwarten. Hartz IV ist wie kein anderes Wort zum Inbegriff der politischen Veränderungen in Deutschland geworden. Es sind Veränderungen, die materiell und psychologisch vor allem den Verlust von Sicherheit bedeuten. Niemand bestreitet ihre Notwendigkeit, aber alle fürchten die Folgen. Gesundheit, Sozialleistungen, Altersversorgung – bei all diesen großen Themen können wir uns in Zukunft immer weniger auf staatliche Fürsorge verlassen. Die Lebenserwartung steigt, die Geburtenrate geht zurück, und das Rentensystem steht heute schon auf wackeligen Beinen. Durch die hohe Arbeitslosigkeit fehlen dem Staat die Steuern, um seine Aufgaben zu finanzieren. Der Einzelhandel ist mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden. Aber das ist wohl eher eine Trotzreaktion der Verbraucher. In Wahrheit ist die Angst größer als die Zuversicht, und viele fragen sich, was wohl nach der Krise bei Opel und bei Karstadt-Quelle als nächstes kommt.

Auch die Kirchen bekommen den Druck zu spüren und müssen sparen. Weniger Steuern bedeuten unmittelbar auch weniger Kirchensteuern.

Hartz IV wird uns auch im neuen Jahr beschäftigen. Zuerst diejenigen, die jetzt schon mit wenig und in Zukunft mit noch weniger auskommen müssen.

Dann aber auch uns alle, jede und jeden Einzelnen. Die Politik verlangt von uns mehr Flexibilität und Mut zur Veränderung. Aber sie muss aufpassen, dass diese Forderungen nicht irgendwann zynisch werden. Vor allem dann, wenn Politiker sich berufliche Veränderungen mit hohen Abfindungen versüßen lassen.

Veränderungen sind normal und geschehen andauernd. Aber das Tempo der Veränderungen hat ein Ausmaß erreicht, das uns zu überfordern droht. Politisch, technisch, kulturell war noch nie so vieles und so vieles gleichzeitig im Fluss wie gegenwärtig. Die Frage ist nicht nur: Was muss sich verändern? Die Frage ist auch: Was darf bleiben?

[Lied]

Ebenfalls auf der Rangliste, wenn auch nicht auf Platz 1: „Ekelfernsehen“. Ausdruck für ein neues TV-Format, das mit simplen Mitteln für größtmöglichen Unterhaltung sorgt. Das Rezept ist so einfach wie wirkungsvoll: Da werden Prominente in ein Dschungelcamp oder auf eine Berghütte verfrachtet und bilden dort eine Zweckgemeinschaft auf Zeit. „Prominente“ sind in diesem Fall Leute, die mal prominent waren und jetzt dringend Geld brauchen. Und der Zweck ihrer Gemeinschaft heißt: Mobbing vor laufender Kamera. Da wird beleidigt und intrigiert, dass es einem die Sprache verschlägt. Das Ganze wird angereichert mit gelegentlichen Prüfungen, bei denen man in tierischen Exkrementen baden oder lebende Insekten essen muss. Und die Zuschauer entscheiden, wer bleiben darf oder rausfliegt – Daumen rauf oder runter, wie bei den antiken Gladiatorenkämpfen. Das erfüllt zeitweise schon den Tatbestand der Folter, egal ob die Sache freiwillig ist oder nicht. Hier werden Menschen öffentlich erniedrigt und verhöhnt, und das alles für ein bisschen Publicity. Von wegen: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Die Würde des Menschen ist eine Frage der Quote. Folter bei der Bundeswehr darf nicht sein, aber bei Daniel Küblböck und Costa Cordalis sagt keiner was. Desiré Nick darf ungestraft gegen andere intrigieren. Aber wehe, die Kollegen in der Firma nehmen sich daran ein Beispiel.

Das Problem sind nicht die Sender, die solche Programme produzieren. Das Problem sind die Leute, die sich so etwas ansehen. Das Problem sind der Sadismus und die Schadenfreude, die immer neue Nahrung brauchen.

Und bei über 20% Quote brauchen wir uns um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Fortsetzung folgt, auch 2005. Das ist sicher.

[Lied]

Auch das gab es in diesem Jahr und zum ersten Mal überhaupt: Einen Wettbewerb um das „Schönste deutsche Wort“. Eine gemischte Jury aus Wissenschaftlern und Künstlern hat fast 23.000 Vorschläge ausgewertet und daraus das „schönste deutsche Wort“ gewählt. Entscheidend war dabei nicht, wie oft ein Wort genannt wurde. Entscheidend war die Begründung.

Nun ist das Empfinden von Schönheit natürlich subjektiv. Und das gilt natürlich auch für die Entscheidung der Jury.

Das „schönste deutsche Wort“ heißt: „Habseligkeiten“. Gefolgt von „Geborgenheit“, „lieben“, „Augenblick“ und „Rhabarbermarmelade“. Die Einsenderin schreibt in ihrer Begründung: Das Wort „Habseligkeiten“ vereint in sich das menschliche Streben nach Besitz und das unerreichbare Ziel der Seligkeit.

Das ist nett formuliert, wenn auch, rein sprachwissenschaftlich gesehen, falsch. Aber was ist schon Wissenschaft, wenn es um das Gefühl geht. Richtigkeit hin oder her – hier zählt allein die Empfindung. Und die sagt: Ja, so ist es. Sein und Haben sind verschiedene Dinge, sie hängen nicht voneinander ab. Reichtum und Besitz sind moralisch nicht verwerflich. Aber sie entscheiden nicht über unseren persönlichen Wert. Und sie machen auch nicht zwangsläufig glücklich. Jesus sagt es ähnlich: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Mt.16,26)

Andererseits: So zu denken setzt natürlich einen gewissen Wohlstand voraus. Wer von „Habseligkeiten“ spricht, tut das mit einem bedauernden, mitleidsvollen Unterton. Bei einem reichen Menschen würden wir nie von dessen „Habseligkeiten“ sprechen, bei einem armen Menschen schon. Insofern steckt auch in diesem Wort eine Wertung. Aber das ist bei den meisten Wörtern so.

Ich weiß nicht ob es stimmt, dass die deutsche Sprache zum Erfinden gefühlsbetonter Wörter besonders geeignet ist. Schließlich hat sie auch Worte hervorgebracht wie „Kollateralschaden“, „Weichziele“ und „Ausländerflut“, „Überalterung“ und „strammstehen“

Vielleicht klingt das schönste deutsche Wort ganz schlicht und unpathetisch. Zum Beispiel das Wörtchen „und“, wie einer vorschlug. Mit der Begründung: „Weil danach immer noch etwas kommt.“

[Lied]

Das Unwort des Jahres 2004 wird immer erst im Januar bekannt gegeben. Aber mein Favorit heißt diesmal „Mitnahmementalität“. Das Wort geht zurück auf ein Interview des Bundeskanzlers. Darin behauptet er, es gäbe in Deutschland „bis in die Mittelschicht hinein eine Mentalität, dass man an staatlichen Leistungen mitnimmt, was man kriegen kann“. Mit anderen Worten: Wer staatliche Hilfen in Anspruch nimmt, handelt verwerflich.

Natürlich, es gibt Fälle, in denen Hilfe zu Unrecht in Anspruch genommen wird. Es gibt Fälle, in denen soziale Leistungen missbraucht werden. Aber das sind Ausnahmen. Der jährliche Schaden durch Steuerhinterziehung ist wesentlich größer.

Wer aber die Empfänger von Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld derart pauschal bezichtigt, der diffamiert Millionen von Menschen, die lieber ohne staatliche Hilfe leben würden.

Mitnahmementalität, o ja, die gibt es durchaus! Ich denke da z.B. an Politiker, die lauthals gegen Sozialmissbrauch polemisieren, selbst aber noch Jahre nach ihrem Wechsel aus der Industrie in die Politik Gelder kassieren, ohne dafür zu arbeiten. Ich denke an Spitzenmanager, die für wirtschaftliche Fehlentscheidungen trotzdem riesige Summen verdienen, während einfache Angestellte um ihren Arbeitsplatz fürchten.

Unworte sind, laut Definition, „sachlich grob unangemessen und verletzen in Einzelfällen die Menschenwürde“. Sie vereinfachen und verharmlosen, sie klingen zynisch und verächtlich.

„Mitnahmementalität“ erfüllt diese Kriterien bestens und hat gute Chancen auf das Unwort des Jahres 2004.

In etwa zwei Wochen wissen wir mehr. Dann entscheidet die Jury.

Und dann ist auch das neue Jahr schon nicht mehr ganz so neu. An seinem Ende werden erneut Worte stehen, die uns erinnern an das, was uns besonders beschäftigt, aufgeregt, amüsiert oder angewidert hat. Darunter werden Neuschöpfungen sein und Altbekanntes im neuen Kontext.

Als Christen, die vom Wort leben, sind wir zu besonderer Wachsamkeit gerufen. Unworte bereiten Untaten den Boden.

Christlicher Glaube orientiert sich am Wort: am Wort von der Gnade und der Versöhnung. Das ist der Maßstab für alles, was gesagt und getan wird: im Namen der Vernunft, im Namen der Wirtschaftlichkeit, im Namen der Notwendigkeit. Und wo immer das auf Kosten der Schwachen geschieht, in Worten oder Taten, wird der Glaube wachsam sein und wiedersprechen. Auch im neuen Jahr.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen