Wodurch definiert sich ein Mensch?

Liebe Gemeinde,

manchmal geht es Ihnen sicher auch so: Da denkt man: "Wenn ich mein Leben so gestalten könnte, wie ich wollte …" und träumt vor sich hin von Tagen in einem sonnigen Land, von weiten Reisen in Länder, die man allenfalls aus Bildbänden oder aus dem Fernsehen kennt, oder auch von einem schönen großen Haus, in dem alle, die man mag, sich wohlfühlen würden, wenn man sie einlädt, in dem man aber auch allein sein kann, ohne sich einsam zufühlen. Und vor allem die Zeit, die würde man sich so einteilen, wie es einem selbst in den Kram passt. Keine Hühner mehr, die jeden Tag gefüttert werden wollen und sich schon frühmorgens bemerkbar machen, kein Wecker mehr, der diktiert, wann die Nacht zu Ende ist, keine Familie, die bestimmt, wann Mittag gegessen wird. Irgendwie hat doch jeder so seine Vorstellung, wie es wäre wenn er könnte, wie er wollte.

"Ich bin der Sklave meines Terminkalenders, ich habe manchmal das Gefühl, ich lebe nicht mehr, sondern ich werde gelebt", das habe ich noch dieser Tage – nicht zum ersten Mal – gedacht. Und dann las ich diesen Text aus dem Römerbrief.

[TEXT]

Ist das denn die vielgepriesene Freiheit eines Christenmenschen? Wird da nicht einfach nur der irdische Chef gegen einen himmlischen ausgetauscht? „unser keiner lebt sich selber, unser keiner stirbt sich selber“, das hört sich doch so an, als sind wir willenlose Marionetten in Gottes Hand, als werden wir „gelebt“. Also ist das doch auch eine feine Ausrede für jeden Fehlgriff: Ich war das nicht, Gott hat es so gewollt. Ist dies wirklich so gemeint?

Der Text, der so gerne zu Beerdigungen zitiert wird, handelt von Starken und Schwachen im Glauben. Und er soll daran erinnern, dass auch diejenigen, die einen starken Glauben haben und immer ganz sicher zu wissen meinen, was richtig und falsch ist, einmal darüber nachdenken, wer sie wirklich sind und wem sie verdanken, dass sie so sind. Auch ein starker Glaube ist schließlich ein Geschenk und kein Verdienst. Das wollte Paulus den Christen in Rom vor Augen führen. In der vorausgehenden Passage seines Briefes hat er darauf hingewiesen, wie unterschiedlich doch die Menschen sind: Die einen brauchen feste Regeln, um sich sicher und geborgen zu fühlen, ja, um überhaupt glauben zu können und sich nicht irritieren zu lassen. Die anderen fühlen sich durch eben die gleichen Regeln eingeengt. So ist für den einen ein Sonntag ohne Gottesdienst kein Sonntag, weil er die Gemeinschaft im Beten und Singen braucht und auch die Bestätigung, dass da noch ein paar andere Menschen mitten in einer säkularen Welt an Gott glauben.

Der andere geht dann zum Gottesdienst, wenn es ihn hinzieht – aber er ist kein bisschen weniger fest im Glauben, wenn er mal einen Sonntag seinen alten Eltern oder seinen Kindern widmet. Ich selbst habe immer Bauchschmerzen, wenn Regeln, die wir als Christen füreinander aufstellen, zum allgemeinverbindlichen Gesetz werden. Konfirmanden, die nicht regelmäßig zum Gottesdienst gehen und nicht mindestens fünf Psalmen, den kleinen Katechismus und das Inhaltsverzeichnis des Alten und Neuen Testaments auswendig wissen sowie noch mindestens fünf Kirchenlieder, die können doch unmöglich reif sein, mündige Gemeindemitglieder zu werden. Diese Meinung höre ich in der älteren Generation häufig. Und dabei erlebe ich gerade bei Konfirmanden so viel an eigenständigem Denken und Nachdenken über Gott und die Welt, dass ich ihre Religionsmündigkeit nicht an Auswendiggelerntem festmachen möchte. Es geht doch viel mehr darum, sie im Gespräch bei ihren Fragen zu begleiten, sie abzuholen da, wo sie stehen als darum, sie in Formen zu pressen, die wenig jugendgemäß sind.

„Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils“ heißt der Spruch für diese Woche, einer meiner Lieblingssätze. Und damit Menschen, die einen jungen Glauben haben, die Tragweite dieses Wortes begreifen und auch genießen können, muss erst einmal eine Freude am Glauben wachsen dürfen.

Es geht doch darum, dass es kein Druck und keine Last ist, zu wissen "leben wir, so leben wir dem Herrn – sterben wir, so sterben wir dem Herrn", sondern dass es ein Schritt heraus ist aus dem Gefangensein in sich selbst, aus einem heillosen Ego-Trip. "Unser keiner lebt sich selber, unser keiner stirbt sich selber", das ist Ende einer Einsamkeit, die die moderne Gesellschaft gerne zelebriert. Die Freiheit, die nicht mehr ist als Selbstzweck, die ist in Wirklichkeit keine Freiheit. Wer sich von allem Verbindlichen lossagt, weil er "sich selbst verwirklichen" will, wird möglicherweise auf einmal feststellen, dass er gar nicht weiß, wer er ist. Und dann beginnt ein Weglaufen vor der inneren Leere, eine Sinnsuche, die gerade junge Menschen in die Sucht treiben kann oder in eine komplizierte Flucht vor sich selbst.

Wodurch definiert sich ein Mensch? Durch seinen Beruf, durch seine Leistung? Ein solches Gebäude bricht zusammen, wenn diese Leistung nicht gefragt wird. Wenn es für den Traumberuf keine Lehrstelle oder keinen Studienplatz gibt oder wenn der Arbeitsplatz weggespart wird. Mit dem Verlust einer Arbeitsstelle stirbt in manchen Menschen etwas, ihr Lebensnerv ist getroffen. Ebenso ist es mit Beziehungen: Wenn eine Familie zerbricht, eine Partnerschaft endet, ja manchmal auch einfach dann, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, dann ist man zwar frei, aber nicht in der Lage, diesen Freiraum zu füllen. "Als ich mit mir selbst alleine war, habe ich auf einmal gemerkt, dass in mir alles leer ist", hat mir einmal jemand völlig verzweifelt gesagt.

Es ist heute wie vor 2000 Jahren sehr schwer, einen Mittelweg zu finden zwischen zwei Extremen: damals zwischen dem Korsett von Gesetzen und Regeln, das zu Zeiten des Paulus der jüdische Glaube um die Menschen geschnürt hatte und einer zügellosen Genußphilosophie, wie sie im spätantiken Griechenland und Rom propagiert wurde. Heute zwischen der sehr engen Glaubens- und Lebenswelt derer, die sich selbst gerne "fromm" nennen und einer heillos diesseitigen Leistungs- und Vergnügungsgesellschaft, die Besitz, Leistung und Spaß vergöttert.

"Dem Herrn leben", was bedeutet das in dieser Situation? Es bedeutet sicher nicht, sich einpressen und vergewaltigen zu lassen von Kirchengesetzen, die letztlich Menschenwerk sind. Dem Herrn leben bedeutet nicht, so sein zu wollen wie Gott – ohne Schuld, ohne Fehler und Schwächen. Es bedeutet, sich Gott zuzuwenden, so, wie er sich in Jesus Christus uns zugewandt hat. Es bedeutet, eine Entscheidung zu treffen, eine Entscheidung, die vielleicht vordergründig nach Einschränkung der Freiheit aussieht. Aber diese Entscheidung heißt, wieder lebendig zu werden, lebendig wie Jesus Christus, der den Tod überwunden hat. "Dem Herrn leben", das heißt nicht, befreit zu sein von Schmerzen, von Tränen, von Enttäuschungen. Wer nicht weinen kann, der wird sich auch nicht wirklich freuen können. Wer Trauer nicht zulässt, Niederlagen nicht durchlebt, der kann Höhen gar nicht wahrnehmen. So ist es nicht heilsam, den Slogan "positiv denken" zum Gebot dieser Zeit zu erheben. "Alles ist machbar, wenn ich nur will" ist ein Satz, der krank macht. Es würde doch bedeuten: Wenn etwas schief geht, wenn ich etwas nicht mehr schaffe, wenn ich eine lange Phase von Trauer oder Depression habe, dann bin ich selbst verantwortlich, denn ich habe nicht wirklich gewollt – und ich bin nicht einmal in der Lage, aus einer verfahrenen Situation das Beste zu machen.

Wenn ich also versuche, den Gesetzen der Frommen zu genügen, wird es immer heißen, ich war nicht fromm, gut oder bußfertig genug, wenn mir etwas daneben geht. Ich habe es gewagt, nicht nur auf Gottes Gebot, sondern auch noch ein bißchen auf mich zu setzen.

Wenn ich auf diejenigen höre, die Selbstverwirklichung predigen, werde ich zum Versager, weil ich nicht positiv genug gedacht habe. Ich habe mich selbst nicht überzeugend genug gelebt. Beide Angebote sind im Grunde zutiefst unmenschlich.

Wenn ich aber ja sage dazu, dass Jesus Christus Herr ist über Lebende und Tote, also auch über mich, dann sage ich ja zu Gott. Und wer zum lebendigen Gott ja sagt, kommt nicht unverletzt davon. Er wird alles Menschenmögliche erleben und durchleben, nicht mehr und nicht weniger. Lachen und Weinen, Schmerz und Freude, Höhen und Tiefen, Dunkel und Licht. Gerade mitten im tiefsten Dunkel darf ich Jesus Christus neben mir wissen, ich darf klagen und weinen, wie er es auch getan hat. Gewiss werden mir nicht alle meine Wünsche erfüllt. Und bestimmt werde ich auf manche Frage zumindest in diesem Leben keine Antwort bekommen. Aber ich kann mich darauf verlassen, dass Gott alle meine Fragen, alle meine Klagen und alle meine Unsicherheiten aushält.

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