Wo wir sind, wird auch er sein

Liebe Gemeinde,

der „gute Hirte“ sticht in diesem Text gleich in die Augen. Was wir unter einem guten Hirten verstehen, können wir schnell sagen. Das ist so ähnlich, wie wir wissen, was eine gute Mutter oder ein guten Vater ist. „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ Das kennzeichnet ihn zutiefst.

Der gute Hirte hat sein Leben für alle und damit auch für die schwarzen Schafe in der Familie, der Kirche, der Gesellschaft gegeben. Der gute Hirte ließ sein Leben für Juden, Moslems, Buddhisten und welcher religiösen, ethnischen oder sonstiger Herkunft Menschen sonst noch sind.

Ich möchte es ganz persönlich jedem einzelnen von uns sagen: Der gute Hirte umgibt dich mit seiner Liebe, Fürsorge und Auferstehung. Auch dann, wenn du dich nicht für würdig und verdient hältst. Der gute Hirte geht dir nach, wenn du dich in deinen Süchten, Begierden, Vorurteilen und Verharmlosungen verstrickt und verirrt hast.

Jesus geht dem (aus welcher Sicht auch immer beschriebenen) Verlorenem nach. Das ewige Leben ist jedem Menschen zugesagt. Jeder Mensch soll es erhalten.
Wir haben gelernt, der grenzenlosen Liebe und Hingabe Jesu nicht würdig zu sein: In der Liturgie der Eucharistie heißt es: „Ich bin nicht würdig …. Aber spricht nur ein Wort……!“ Wir haben mit dem Abendmahl eng die Buße und Beichte verbunden. Christus hält uns unabhängig von dem, was wir über uns selbst meinen für so würdig, sein Leben für uns hinzugeben.

Weil wir ja immer auch meinen, uns um die Seligkeit anderer kümmern zu müssen, als unsere eigene Seligkeit anzunehmen, sei auch dies gesagt. Jesus rennt uns nicht nach. Er sucht das Verlorene. Er lässt es zu und hält es aus, wenn Menschen nicht an ihn glauben wollen oder können. Er wird sie nicht aus seiner Liebe herausfallen lassen.

Wer andere bedrängt, bedrückt, sich das Urteil über sie anmaßt, ist kein Hirte. Viele geben an, das Wohl der Gemeinde, der Menschen, des Volkes im Auge zu haben. Aber das ist nur ihr Vorwand dafür, um die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Er ist der Wolf, der die Schafe reißt. Er ist der Mietling, der sich mit den Millionen in der Tasche aus dem Staube macht, wenn es für ihn brenzlich wird.

Es ist eine bittere Erfahrung, dass gestürzte Diktatoren, pleite gegangene Großunternehmer für sich und ihre Familien Reichtum in andere Ländern hinterbracht haben. Suharto von den Philippinen, Saddam im Irak. Viele Politiker konnten und können der Versuchung nicht widerstehen, hohe Geldbeträge in die eigene Tasche zu wirtschaften. Sie sind die Mietlinge. Sie melken die Schafe, bis die tot umfallen.
Kirchenführer, Politiker, Gemeindeleiter, PfarrerInnen usw. stehen unter dem Vorbild des einen guten Hirten. Wer seine „Schäfchen“ ins Trockene bringt, gehört zu den Wölfen, die die Herde zerstreuen, die Gott ins Handwerk pfuschen.

Alle gewählten oder selbsternannten „Hirten“ müssen sich an dem einen guten Hirten messen lassen, der sein Leben für die Schafe hingegeben hat.

Sein Leben hinzugeben für die anvertrauten Menschen, lässt sich nicht einüben. Es kommt aus der Tiefe des Herzens und geschieht in dem Augenblick der Herausforderung. Es ist Unsinn, jetzt hier laut und feierlich zu versprechen, ich werde mein Leben für die mir anvertrauten Menschen hingeben. Ich kann versprechen, als Christ, als PfarrerIn für die Menschen da zu sein, wie ich es heute erkenne und auch von mir erwartet wird. Aber die Hingabe geschieht in dem Augenblick, wenn ich herausgefordert werde, jetzt da zu sein, Verantwortung zu übernehmen, auszuhalten, zuzuhören, mich einzubringen. Es heißt ja nicht gleich zu sterben. Aber es erfordert vielleicht zu verzichten. Alles andere hinten an zu stellen. Es muss abgewogen und entschieden werden.

Woran ist ein guter Hirte zu erkennen? Vielleicht daran, wenn er verhindert, dass jemand kommt um das Öl zu stehlen, die goldene Kuh Bodenschätze zu schlachten und die Menschen umzubringen. Das ist politisch und auch kritisch gemeint.

Das von Jesus benutzte Bild lässt sich nicht einfach auf uns übertragen. Es liegt nahe. Es ist uns ein Bedürfnis, die Verantwortlichen in der Welt und in der Gemeinde daran zu messen. Sie haben ja durch ihr Amt eine Hirtenfunktion für die ihnen anvertrauten Menschen.

Schauen wir uns den einen guten Hirten noch einmal an. Er stimmt mit Gott zutiefst überein. Er kennt den Vater und der Vater kennt ihn. Aus diesem Kennen das Vertrauen und der Mut erwachsen, sein Leben loszulassen, damit die ihm anvertrauten Menschen leben können. Jesus kennt, die zu ihm gehören. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Was wir für ihn nicht können, kann er für uns: Sein Leben lassen. Darum liebt ihn Gott. Er hat ihn deshalb aus den Tod zum Leben gerufen.
Was Jesus tat, hat er von sich aus getan. Keine Folter und kein Druck von Gottes Seite. Etwa: Wenn du nicht dein Leben für die Menschen lässt, kannst du nicht mein sein. Wir kennen solche Verwirrungen: Wenn du mich nicht liebst, bringe ich mich um! Liebe ist immer ohne jeden Druck. Sie kommt frei aus dem Herzen.

Noch ein Blick zu anderen Gedanken. Es sind noch andere Schafe, die nicht aus dem jüdischen Stall Israel kommen. Damit sind wir gemeint. Für Gott sind wir eine Menschheit. Sie vereint der eine Hirte Jesus Christus.

In unserem Gesangbuch gibt es das Lied „Zwei Ufer, eine Quelle“. Es entstand für den gemeinsamen Kirchentag über den Rhein hinweg von Kehl und Straßburg. Darin singen wir bei aller Vielfalt: eine Kirche, eine Hoffnung, ein Glaube, eine Taufe und ein Herr…ein Heiland, eine Bibel, eine Wahrheit, eine Stimme, die uns führt. Ein Leib und viele Glieder, ein Geist, doch viele Gaben.“

Wir reden ständig von der Globalisierung der Welt. Es ist eine Menschheit. Sie ist vereint unter dem einen Gott, den wir durch Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist, bekennen.

Es ist nicht unser, sondern Gottes Problem, wenn andere Menschen und Völker ihn anders benennen und bekennen. Wir aber können Brücken schlagen zu den Menschen anderer Religionen. Wir können die Erfahrungen unseres Glaubens miteinander teilen. Wir werden viel finden, das uns miteinander verbindet. Das kann uns die Kraft geben, gemeinsam gegen die Diebe, die nur kommen um die Menschen zu bestehlen, zu schlachten und umzubringen. Wie die Diebe heißen ist gleichgültig. Wichtig ist, sie zu erkennen und ihnen Einhalt zu gebieten.

Wir wollen mit ihnen nicht ihre Beute teilen, indem wir Aufträge für den Wiederaufbau annehmen. Denn damit würden wir zugleich auch ihren Krieg anerkennen.

Der gute Hirte hat sein Leben für uns gelassen. Im Vertrauen auf seine Auferstehung und Gegenwart gestalten wir verantwortlich unseren Alltag, unser Leben und ein wenig diese Welt mit. Wo wir sind, wird auch er sein. Wo er ist, sind wir in aller Wirrnis und Bedrängnis der Welt und Zeit bei ihm geborgen.

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