Wo ein Mensch Vertrauen gibt

Liebe Gemeinde,

es ist Urlaubszeit: Sonne, weißer Strand und baden im Meer oder vielleicht eher die Berge, raue Landschaften und weite Wandertouren mit herrlichen Ausblicken oder noch etwas anderes – Wovon träumen Sie? Was es auch sein mag: Ich bin sicher, so eine gewisse Art von Idylle ist schon dabei. Aber nicht so viel, dass es langweilig wird. Dazu braucht ein guter Urlaubstraum glaube ich, immer auch eine Art Gegengewicht, nämlich etwas von Abenteuer. Dabei meine ich nicht nur das ganz große Abenteuer – ein Trip durch die Wüste, mit dem Fahrrad durch Australien oder so etwas – nein, ich glaube, auch jeder noch so idyllische Urlaubstraum am vertrauten Ferienort mit sicherem Hotel und bewachtem Strand enthält etwas von Abenteuer: Wie wird es diesmal sein? Was genau erwartet uns da? Wer wird noch da sein? Treffen wir Bekannte wieder? Was hat sich alles verändert? Sie merken: Lauter offene Fragen, selbst wenn man das Ziel schon kennt. Und auch dann gehört doch sicher auch ein Ausflug in unbekanntes Gebiet zum Programm: etwa die Besichtigung einer Sehenswürdigkeit oder ein Tag in einer neuen Stadt. Ich glaube: Etwas Neues, das es ein wenig spannend macht, braucht ein guter Urlaub. Eben ein klein wenig Abenteuer. Es ist das Andere, das uns reizt. Eine Auszeit vom Alltag hier. Für begrenzte Zeit einmal den Traum leben: ‚eigentlich könnte es doch anders sein …’ Mit solchen Hoffnungen im Herzen, packen in diesen Tagen viele Menschen ihre Koffer. Und so hat eine geplante Reise, gerade wenn sie an einen festen Ort führt, denke ich, immer auch etwas von Auswandern auf Zeit. (Spätestens wenn ich mir so manches bepackte Auto auf einer Raststätte ansehe, ahne ich etwas davon.)

So richtig auswandern, das treibt das Abenteuer natürlich auf die Spitze. Der Reiz Neues zu entdecken, neuen Lebensraum zu erobern, treibt viele, gerade jüngere Menschen dazu, hier alle Zelte abzubrechen, um anderswo ihr Glück zu versuchen – getragen von Hoffnung und Euphorie.

Wie anders mag es da Menschen gehen, die tatsächlich auswandern, aber nicht freiwillig, sondern aus Not? Menschen, die sich entscheiden ihre Heimat, ihre gewohnte Lebensumgebung zu verlassen, weil sie keine Perspektive mehr haben; weil zu Hause ein Leben nicht mehr zukunftsfähig scheint; sondern so wir dürres Land, karge, leblose Wüste sie umgibt? Vor solch einem Hintergrund verliert das Auswandern dann plötzlich seinen Zauber, ja es wird vielleicht sogar zum Schreckgespenst. Zumindest kommt zur Dimension Abenteuer die Dimension Angst, Ungewissheit dazu. Das kann ich mir gut vorstellen. Als erstes kommen mir dabei die Bilder aus dem Nahen Osten in den Kopf von Menschen, die das Kriegsgebiet verlassen, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Und ich kenne auch persönlich verschiedene Berichte von Leuten, die so etwas selbst durchlebt haben. Wir haben ja hier auch Spätaussiedler unter uns – Menschen mit Migrationshintergrund, wie es in modernem deutsch heißt. Vielleicht nutzen wir nach dem Gottesdienst oder in den nächsten Tagen einmal die Gelegenheit, zu hören bzw. davon zu erzählen, wie das war. Jetzt lade ich Sie ein: Lassen Sie sich von mir mitnehmen in die Welt Ihrer Träume; Versetzen Sie sich einmal in die Lage, auszuwandern.

– Welche Gründe sind es, die den Entschluss wachsen lassen?

– Wovor habe ich Angst?

– Welche Vorstellungen verbinde ich mit der neuen Heimat?

– Wie werde ich dort leben, wohnen?

– Wo will ich arbeiten?

– Welche Hoffnungen knüpften sich für mich an die Auswanderung?

Ich bin sicher: Wenn wir jetzt zusammen tragen würden, was jede und jeder von uns gerade erlebt hat – es sind völlig unterschiedliche Geschichten, die da zum Vorschein kämen. Eine solche Geschichte vom Auswandern, von Not, die treibt und Hoffnung, die trägt, erzählt auch die Bibel im Buch Rut. Hören wir, was dort geschieht:

[TEXT]

Noomi und ihre Familie waren auch solche unfreiwilligen Auswanderer: Getrieben vom Hunger, suchten sie im Nachbarland Zuflucht und Brot.

Sie müssen wohl sehr verzweifelt gewesen sein – Bauern, die ihr Land und damit ihre Existenzgrundlage verlassen. Aber die Erde gab ihnen eben nicht mehr, was sie brauchten. Vielleicht verursachte eine Dürreperiode die Hungersnot, so dass das Land eher einer Wüste als einem Ackerfeld glich? Wir wissen es nicht so genau. Auf jeden Fall gab es kein Brot mehr. Und damit stand fest: So kann es nicht weiter gehen. Also machten sich Noomi und ihr Mann mit ihren Söhnen auf den Weg in die Fremde. Ich bin sicher: Neben der Angst vor der unsicheren Zukunft wird auch hier eine Portion Hoffnung im Spiel gewesen sein. Die Hoffnung: Wir sind nicht allein. Wir haben einander. Die Hoffnung: Wir bleiben nicht allein; wir werden Menschen finden, die uns Arbeit geben und Brot, das uns satt macht. Die Hoffnung: Wir werden nie allein sein auf unserem Weg; denn Gott geht mit uns. Und dieses Samenkorn Hoffnung fällt in der neuen Heimat tatsächlich auf fruchtbaren Boden: Die Familie findet einen Ort zum leben, Arbeit und Brot. So kann die Saat aufgehen und wird zum Pflänzchen. Gegossen wird dieses zarte Pflänzchen Hoffnung von der Freundlichkeit und Mit-Menschlichkeit der Nachbarinnen und Nachbarn: Gerade in der Fremde, in so einer Situation der Not und der Abhängigkeit kann jede kleine Geste der Hilfsbereitschaft, manchmal schon ein offenes Lächeln, ein freundliches Guten-Tag-sagen der Hoffnung und dem Lebensmut Nahrung geben. Sozusagen Brot für die Seele. Und von dieser Nahrung hatte Noomi immerhin genug, um auch den Tod ihres Mannes zu überstehen. Sicher, wie für fast jede Ehefrau, eine der schwersten Zeiten im Leben – eine Periode seelischer Dürre. Und doch: Noomi war nicht allein. Sie hatte ihre Söhne um sich und sicher auch Nachbarinnen, die nach ihr fragten. Das gab ihr die Kraft weiterzumachen; zu leben, zu arbeiten, zu essen, zu lieben. Und die Liebe bekommt in Noomis Leben sogar noch zwei neue Ankerpunkte: nämlich die Ehefrauen der Söhne. Zehn Jahre lang geht das Leben so seinen Gang. Dann kommt ein neuer Schicksalsschlag. Ihr Mann, das ursprüngliche Familienoberhaupt, war schon lange tot, jetzt starben auch die beiden Söhne. Mit ihren Söhnen starben die Familienernährer, denn in jener Zeit waren allein Männer richtige Bürger. Nur sie waren geschäftsfähig, nur sie durften Verträge schließen und Besitz erwerben. Mit dem Tod ihrer beiden Söhne hat Noomi alles verloren, was sie mitgebracht hatte in dieses Land; alles, was ihr ein gewisses Maß an Sicherheit garantierte.

Und doch: Ich ahne: Alles hat Noomi nicht verloren. Ein Keim von Hoffnung, ein Samenkorn aus ihrem vorher einmal reichen, vollen Leben ist ihr geblieben. Denn Noomi gibt nicht auf. Auch in dieser Situation nicht. Sie kämpft gegen die Hoffnungslosigkeit. Entgegen der Resignation setzt sich Noomi ein neues Ziel: die alte Heimat Bethlehem. Fast wie die Tiere in dem Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ setzt sie der Perspektivlosigkeit das Motto entgegen: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. So wird Noomi erneut zur Auswanderin, mit allem, was dazu gehört: Koffer packen, Abschied nehmen, weinen, zweifeln, hin- und hergerissen zwischen Angst und Hoffnung. Aber: Etwas Besseres als den Tod findet Noomi tatsächlich, etwas viel Besseres sogar, mit dem sie im Grunde gar nicht gerechnet hatte, nämlich die Treue ihrer Schwiegertochter Rut. Eine mutige Frau: Sie kehrt nicht in ein sicheres Leben bei ihrer Familie zurück, sondern wagt mit Noomi den Aufbruch ins Ungewisse, in das für sie fremde Land zu einem fremden Volk. Rut lässt ihre Schwiegermutter nicht allein. Im Gepäck der Beiden wieder das Samenkorn der Hoffnung: die Hoffnung: wir haben einander; die Hoffnung: wir werden Menschen begegnen, die uns aufnehmen; die Hoffnung: Gott geht mit uns. Er lässt uns nicht allein. So wird das, was die mutige und sensible Ausländerin Rut für ihre Schwiegermutter tut, zur Quelle für neuen Lebensmut und neue Hoffnung. Gemeinsam öffnet sich den Beiden die Zukunft. In der Freundlichkeit und Mitmenschlichkeit von Rut begegnet Noomi der freundliche und mitfühlende Gott, der Gott, der Zukunft schenkt.

Im Grunde genommen ist die Erzählung von Noomi und Rut eine Alltagsgeschichte: Ohne große Helden, ohne spektakuläre Ereignisse, abseits der großen Bühne des Weltgeschehens. Und doch: Gerade hier – im leben, leiden und hoffen dieser ganz normalen Menschen – scheint der tiefe Sinn menschlichen Lebens auf. Da zerbrechen die Menschen nicht an ihrem Leid, sondern wenden sich in konkreter Solidarität einander zu, weil Gott mit ihnen ist; da wagen sie gemeinsam den Aufbruch – den Aufbruch in ein neues Land, den Weg zu neuen Menschen, Schritte in die Zukunft – weil Gott selbst die Zukunft bereit hält; da wagt eine Frau den Blick über den Horizont des eigenen Lebens, da nimmt eine die andere in den Blick, reicht ihr die Hand und gibt damit der Pflanze Hoffnung neue Nahrung – ein Stück Leben in der Zeit der Dürre. So meine ich, ist gerade diese Alltagsgeschichte aus dem Leben ganz normaler Menschen alles andere als banal. Sie erzählt uns ein Geschehen, das im Horizont der biblischen Religion durchaus erzählungs- und überlieferungswürdig ist. Denn sie erzählt von Treue, Hoffnung und Zukunft – von dem Abenteuer Leben. Und ich glaube, das ist eine ganz tiefe Sehnsucht, die auch in uns steckt, und die sich immer mal wieder Bahn bricht, auch in dem Wunsch mal dem Alltag zu entfliehen, weil der Alltag uns zu oft den Blick verstellt für das, worauf es ankommt, das, was eigentlich sein könnte. Ich glaube, das steckt zumindest zum Teil auch dahinter, wenn wir im Urlaub ein Stück Abenteuer suchen. Das wünsche ich uns allen: Dass wir immer wieder dieser Dimension begegnen: In der Treue und Freundlichkeit anderer Menschen den menschenfreundlichen Gott finden, damit die Wüste des Alltags wieder ein Bisschen belebt wird.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

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