Wir wollen andere Lieder singen

Liebe Gemeinde,

es ist heute, ausgerechnet am Sonntag Kantate, ausgesprochen schwierig Worte zu finden, zu dem, was uns alle beschäftigt. Ein fröhlicher Sonntag sollte es sein, ein Sonntag, an dem wir dem Kirchenjahr entsprechend Gottes Lob singen wollten, doch aus der meisten Menschen Münder und Herzen wollen indes nur Klagelieder kommen, Lieder der Trauer über das sinnlose und grauenhafte Sterben von 17 Menschen, den Täter eingeschlossen. Gegen 11 Uhr betrat er das Gymnasium, den Ort, an dem er frustriert, vielleicht auch gedemütigt, auf jeden Fall aber der Schule verwiesen wurde, an dem er zweimal nicht zur Abiturprüfung zugelassen wurde. Er betrat einen Film, der sich wohl schon tausend Mal in seinem Kopf abgespielt hatte und der nun Wirklichkeit wurde. Er nahm seine Waffen, eine Pistole und eine Pumpgun, bei der man nicht mühsam nachladen muss, sondern gleich 12 Mal durchladen und abdrücken kann, eine todbringende Waffe in der Hand eines Jugendlichen, völlig legal mit Waffenberechtigungsschein. Nicht auf seine ehemaligen Mitschüler hatte er es abgesehen, sondern auf die Lehrer, die er als Quelle seiner Demütigung sah.

Der Polizeipsychologe spricht im Interview von einem Tunnelblick, den ein solcher Amokschütze habe, ein Blick also, der nichts mehr anderes wahrnimmt, als sein Ziel, die Vernichtung von unschuldigem Menschenleben, ein Blick, der Gefühle, wie Schuld und Liebe nicht mehr kennt. Am Ende richtet sich der Täter selbst. Nicht einmal auf sich selbst nimmt er noch Rücksicht. Das Leben hat auch für ihn keinen Sinn, kein Ziel mehr, weil in krankhafter Verirrung das einzige Ziel nur noch die Rache war. Am nächsten Tag versammeln sich viele Menschen vor der Schule, weinen, legen Blumen ab, versuchen ihre Betroffenheit und ihr Entsetzen irgendwie zu bewältigen. Unter den vielen Schnappschüssen, welch ein unpassendes Wort im Rahmen des Geschehens, kommt ein Bild in die Presse, das mich sehr betroffen macht und das alle Ohnmacht und alle Fragen in einem Wort zur Sprache bringt. Hinter roten Kerzen, Symbolen des Gedenkens, steht auf großem Karton geschrieben: Warum? Und wir wissen, dass es darauf keine befriedigende Antwort geben kann.

Sicher aber ist, dass diese Tat, nicht ein einzelnes Ereignis ist, sondern Teil einer Kultur des Todes, einer Kultur der Gewalt ist, in der wir leben. Solche Wahnsinntaten gab es in Amerika an Schulen, gab es auch in der Schweiz, als der Täter das Leben einer ganzen Kantonsregierung auslöschte, gab es schon als ein Schüler in Deutschland seine Lehrerin mit 22 Messerstichen tötete und wird es fürs erste immer wieder geben, solange wir uns schweigend und bequem in dieser Kultur der Gewalt verhalten. Ich möchte versuchen diesen Begriff der Kultur der Gewalt und des Todes zu erklären.

Seit geraumer Zeit gibt es in unserer Gesellschaft eine geduldete Gewaltverherrlichung, die wir als Eltern oft schweigend und gedankenlos hinnehmen. Sie ist Teil einer Erziehungsmentalität, die die Kinder alleine lässt , auch und nicht zuletzt alleine vor dem Fernseher und dem Computer. Wer sich einmal in Videogeschäften umschaut, ich habe das vor kurzem einmal bei der Fa. Henrich in Nidda getan und mit wachen Augen die Auslagen betrachtet, der wird mit Entsetzen feststellen müssen, welche gewaltverherrlichenden Spiele hier angeboten werden. Da wird geschossen und getötet, was das Zeug hält und gewissermaßen als moralische Rechtfertigung steht in der Spielbeschreibung, man kämpfe gegen das Unrecht und hätte die Aufgabe die Erde zu retten. Es ist diese Kultur der Gewalt in die wir uns scheinbar gefügt haben, die den simulierten Massenmord als Spiel verkauft, wohlwissend, das Mord und Gewalt kein Spiel ist und das Dargestellte nichts anderes ist als eine Simulation des Mordens.

Wollen sie wissen, was zur Zeit "in" ist an unserer Grundschule? Da sammeln die Kinder für teures Geld, für Geld, das ihnen die Eltern auch noch dafür geben, so wie wir früher Fußballkärtchen gesammelt haben, Bilder der Zeichentrickserie Dragon Ball Z. Und was wie eine harmlose Zeichentrickserie aussieht, das ist nichts anderes, als ein Töten und Morden, scheinbar harmlos als Comicserie verpackt. Eine Trickserie, wohlgemerkt, die erst ab 12 Jahren zu Sehen erlaubt ist. Mit der Kultur der Gewalt meine ich also unsere Gesellschaft, in der die Gewalt und das Morden allgegenwärtig ist, und zwar nicht als Grauen und Schrecken, sondern als Spiel und als Trickserie. eine Kultur die verlernt hat Konflikte gewaltfrei zu lösen bis hinein in die hohe Politik, bei der der Einsatz von Gewalt immer mehr zu einer tragfähigen Option politischen Handelns wird.

Kantate: Singet: Nein, fromm und fröhlich können wir heute wahrlich nicht singen. Aber Gott die Ehre geben und ihn loben wollen wir doch. Die Lieder der Bibel singen vom Sieg, nicht zuletzt vom Sieg über den Tod und über den Hass. Nicht dass Tod und Hass schon besiegt seien, davon kann heute im besonderen gar keine Rede sein, ja es scheint das Gewalt und Hass immer mehr sich ausbreiten, wie Unkraut, das einfach nicht einzudämmen ist. Aber es ist ein Lied wert, wenn wir im Angesicht des Todes uns die Hoffnung bewahren und uns die Zuversicht nicht nehmen lassen.

Wir singen Lieder; Friedenslieder, Glaubenslieder, weil es uns davor bewahrt in Verzweiflung zu versinken. Ich habe neulich in einer dritten Klasse das Thema "Herzenswünsche" unterrichtet, also Wünsche, die man sich nicht so einfach durch den Gang in den Supermarkt erfüllen kann. Ich möchte, schrieb einer, dass mein Opa nicht mehr tot ist. Schnell kamen die Kinder auf die Idee statt von Herzenswünschen, von Liebeswünschen zu sprechen, wohl weil sie das Herz als ein Symbol für Liebe erachteten. Und als ich fragte, was denn wohl Liebe sei, da antwortete einer, so als ob das eine ganz einfache und selbstverständliche Angelegenheit sei: Liebe ist Hoffnung. Ich habe mir das als Merksatz ins Tagebuch geschrieben. Wer Hoffnung bewahrt, bewahrt auch die Liebe und vielleicht ist in dieser Welt so wenig liebevolles Miteinander, vielleicht wird darum die Gewalt immer häufiger zu einer Möglichkeit mit Konflikten umzugehen, weil es in unserer Gesellschaft und in dieser Kultur der Gewalt, im Eigentlichen an Hoffnung fehlt. Hoffnung und Liebe sind aber der Beton, aus dem ein tragfähiges Fundament für das Leben gegossen wird.

Darum wollen wir auch an diesem Tag singen. Singt dem Herrn ein neues Lied. Singt es so, dass es die Welt hören kann, auch wenn viele dieses Lied vom Lob Gottes nicht verstehen werden. Singt dem Herrn ein neues Lied, singt davon , dass ihr dem Geist Gottes allemal mehr vertraut, als dem Zeitgeist inmitten einer Kultur der Gewalt. Denn im Geiste dieser Zeit wird der Sieg des Starken über den Schwachen besungen, dort stimmt man ein in die Hymnen der Selbstgerechtigkeit, dort wird zum Gassenhauer und zum Hit, was dem Eigennutz dient und auf den anderen keine Rücksicht mehr nimmt. Lasst uns andere Lieder singen, auch wenn sie immer weniger Gehör finden. Singt Lieder über das Recht der Schwachen und über den Frieden. Singt die Lieder vom Leben und von der Liebe. Es sind Lieder die diese Welt braucht, wie das tägliche Brot. Singt dem Herrn ein neues Lied, damit die Welt es hört, dass es noch Liebe und Hoffnung in der Welt gibt. Singt davon, betet und arbeitet für eine Kultur des Friedens und der Miteinanders.

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