Wir wollen andere Geschichten hören!

Predigt über Rut 1
24.1.2021
3. So n. Epiphanias, Reihe III

Die Gnade Jesu Christi
Und die Liebe Gottes
Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
Sei mit uns allen.
2. Kor 13, 13

Liebe Gemeinde,
als Lesung haben wir den Anfang des Buches Rut gehört. Dieses atl. Buch wird auch als Novelle bezeichnet; es ist kurz genug, um es beim Kaffeetrinken durchzulesen.
Ich finde dieses Buch aus zwei Gründen bemerkenswert:
1.) Es ist das einzige Buch der Bibel, das einen weiblichen Namen trägt.
Und 2.) Es ist das einzige Buch der Bibel, das eine Geschichte aus der Sicht von Frauen erzählt. Das einzige Buch, in dem Frauen die Hauptpersonen sind.
Fast alle Personen in dieser Geschichte haben sprechende Namen: Noomi (ihr Name bedeutet Lieblichkeit) und ihr Mann Elimelech (Mein Gott ist König) leben in Bethlehem in Juda. Mit solchen Namen, sollte man meinen, liegt ein glückliches Leben vor ihnen. Sie bekommen zwei Söhne, Machlon und Kiljon. In deren Namen zeichnet sich bereits ab, was später geschieht. Sie bedeuten Kränklicher bzw. Gebrechlicher.
Doch zunächst gibt es andere Sorgen. Während einer Hungersnot verlässt die Familie Bethlehem, um anderswo zu überleben: in Nachbarland Moab.
Dort stirbt Elimelech. Die beiden Söhne heiraten einheimische Frauen: Rut (d.h. Tränkung, Erquickung – oder auch Freundschaft) und Orpa (die den Rücken kehrende).
10 Jahre leben sie zusammen, dann sterben die beiden Männer – und lassen drei Frauen zurück. Noomi beschließt, nach Bethlehem zurückzukehren. Dort gibt es so etwas wie ein soziales Netz für sie, das sie auffangen soll. Dort sind die erweiterte Verwandtschaft und das dortige Gemeinwesen verpflichtet, sie zu unterstützen, wenn auch niedrigstem Niveau.
Wer sagt: „Ach, das ist ja archaisch. Das gibt es heute höchstens noch in sehr traditionellen Gesellschaften“, dem sei gesagt: In Norwegen ist die jeweilige Geburtskommune dafür verantwortlich, dass Menschen, die z.B. wegen einer Behinderung nicht für sich selbst sorgen können, versorgt werden.
Noomi also macht sich auf den Weg Richtung Bethlehem. Ihre Schwiegertöchter begleiten sie. Als sie an der Grenze zu Juda ankommen, schickt Noomi ihre beiden Schwiegertöchter zurück zu ihren Herkunftsfamilien. Sie kann ihnen nichts geben. Sie sagt: Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand ist gegen mich gewesen. (V 13)
Wenn Orpa und Rut zurückkehren, finden sie dort Sicherheit, vielleicht eine neue Ehe, eine neue Familie.
Orpa tut, wie ihr Name sagt: sie verabschiedet sich tränenreich von Noomi und kehrt ihr den Rücken. Doch Rut bleibt bei Noomi. Sie will mit ihr nach Bethlehem gehen, in eine Stadt, die sie nicht kennt, in ein fremdes Land mit einer fremden Kultur und einem fremden Gott. Und sie bekennt Noomi, was ihr Wille und Vorsatz ist: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ (V 16b- 17)
Ein beliebter Trauspruch, wenn auch nicht immer in der vollen Länge.
Und so bleiben die beiden Frauen zusammen, kommen nach Bethlehem, unterstützen sich gegenseitig, jede mit ihrer Stärke, ihrer Fähigkeit. Ihre Geschichte hat schließlich ein glückliches Ende, das sie beide mit Geschick herbeigeführt haben.
Die weitere Geschichte kennen Sie – oder Sie können heute Nachmittag nachlesen.
Gott kommt in dieser Geschichte immer nur am Rande vor. Doch er ist wie der Kettfaden eines Gewebes. Man sieht ihn nicht, und doch hält er alles zusammen.

Ich könnte jetzt darüber sprechen, dass die Moaiterin Rut einen Platz findet in Bethlehem und in Juda, ja, dass sie die Urgroßmutter von König David werden wird. Dass der Gott der Juden auch ein Gott der Heiden sein will. Auf diese Aussage hin ist dieser Text für diesen Sonntag ausgewählt worden.

Doch das ist es nicht, was mich heute interessiert.
Es ist vielmehr, dass die Lebenswelt von Frauen so selten vorkommt in der Bibel. Ein kurzes Büchlein, eine Geschichte über zwei Frauen.
Nun könnte man sagen: Das ist auch schon so lange her. Damals hatten nur Männer Einfluß und das Sagen, bestimmten, was weiterzählt und aufgeschrieben wurde. Heute sind wir ja viel weiter.
Wirklich?
Es musste das Jahr 2021 werden, bevor eine Frau Vizepräsidentin der USA wurde, Kamela Harris. Nach ihrer Wahl im November 2020 sagte sie, was Frauen, die erstmals in Führungspositionen gewählt wurden, vor ihr sagten: „Jetzt können Mädchen sehen, dass nichts unmöglich ist. Dass sie alles werden können.“ Und: „Ich mag die erste Frau in diesem Amt sein, aber nicht die letzte.“
Doch ist das so? Dass Frauen die Gelegenheit bekommen, sich einzubringen, zu leiten, gesehen und gehört zu werden?
Diese Woche ging die Sportjournalistin Sabine Töpperwien in den Ruhestand. Sie war die erste Frau, die ein Spiel in der ARD-Bundesligakonferenz live kommentierte. Sie hatte lange darum kämpfen müssen. Damals wurde sie gefragt, warum sie nicht ihren Bruder geschickt hätte. Oder zuhause kochen, nähen und sich um ihre Familie kümmern würde. Das war 1989. Nicht 1889.
Bekommen also Minderheiten – Frauen sind allerdings keine Minderheit, demografisch sind sie bei uns in der – wenn auch kleinen – Mehrheit.
Bekommen also Minderheiten Gelegenheiten, gehört und gesehen zu werden, können sie sich einzubringen? Ist es so, dass sie nicht gefragt werden: Wo kommst du her – und es klingt vielleicht mit: und wann gehst Du wieder dahin zurück? Oder auch: warum bist du nicht dort geblieben?

Als es letztes Wochenende darum ging, den Parteivorsitz einer deutschen Volkspartei zu besetzen, war zu hören: 16 Jahre eine Frau an der Spitze, das reicht doch jetzt mal.
Und es stellten sich drei weiße Männer zur Wahl. Alle sind etwa im gleichen Alter: Mitte 50 bis Mitte 60. Sie stammen alle aus derselben Gegend, sind alle katholischen Glaubens. Alle drei sind verheiratet mit Kindern. Alle haben Jura studiert. Alle sind seit den 1970er bzw 1980er Parteimitglieder, bekleideten politische Ämter.
Sicherlich haben sie alle ihre Qualitäten. Doch eintöniger geht es wohl nicht.
Warum ist das so, dass Menschen, die nicht männlich und weiß sind und auch sonst in einem gewissen Rahmen (zu dem Jura gehört? Aber besser keine Ost-Biografie) es so schwer haben, gehört und gesehen zu werden – und vielleicht auch zu leiten?
Warum wird von Diversität geredet – aber wir erleben so wenig davon – auch in der Kirche?
Weil es unbekannt, vielleicht unheimlich ist? Weil es anstrengend ist? Weil es als Kritik daran gesehen wird, wie wir bisher unser Leben und unser Zusammenleben eingerichtet haben? Weil es unsere Kreise stört?

Vielleicht denken Sie jetzt: Warum regt sie sich so auf?
Ich rege mich nicht auf. Naja, ein bißchen schon.
Aber vor allem bin ich ungeduldig.
Ungeduldig, weil immer wieder die gleichen Geschichten erzählt werden. Immer wieder durch die gleiche Brille geguckt wird, die durch das männliche Geschlecht, eine ähnliche Herkunft und ähnlichen Werdegang geschliffen wurde. Ungeduldig, weil es so wenig voran geht, eher zurück.
Ungeduldig und auch ein bißchen traurig, weil das Leben so bunt ist und die Menschen auch, und wir immer nur einen kleinen und immer denselben Ausschnitt zu sehen bekommen, immer nur die gleichen Geschichten hören. Immer die gleichen Erfahrungen und Sichtweisen einfließen. Wir immer die gleichen Spiele spielen.
Wie schön, dass wir heute von Noomi und Rut gehört haben. Zwei Frauen unterschiedlicher Generationen, unterschiedlicher Kulturen, unterschiedlichen Glaubens. Zwei Frauen, die nicht einen geraden Weg des Erfolgs gegangen sind, sondern verschlungene Wege, die nicht absehbar sind und manchmal voller Verzweiflung – und auch voller Hoffnung.
Noomi und Rut sind ein Anfang. Ich hoffe, es folgen viele weitere.
Amen

Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinnen
in Christus Jesus.
Amen
Phil 4, 7


Liedvorschläge:
Da wohnt ein Sehnen. FT 25
Ich sing dir mein Lied. FT 72
Sister, carry on. FT 189

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