Wir sind Papst!

<i>[Vorbemerkung: Anlass ist die Wahl von Josef Ratzinger und die Reaktion der „Bild“ am 20.4.2005 (Hamburg-Ausgabe) – biblischer Bezugstext ist 1.Petr. 2,5+9]</i>

Liebe Gemeinde –

so ein kleines bisschen konnte man ja schon neidisch werden in den letzten Wochen. Kein Fernsehkanal, in den man zappte, ohne Nachrichten aus dem Vatikan. Keine Zeitung, die man aufschlug, ohne das Neueste vom Konklave. Eine solche Beachtung in den Medien hat Kirche schon lange nicht mehr gefunden. Aber das galt ja immer nur „den anderen”, den römisch-katholischen Christen. Fast kam man sich als Evangelischer schon ein bisschen vor wie am Katzentisch der medialen Aufmerksamkeit, an den Rand gedrängt von soviel römischen Neuigkeiten und Nachrichten, die ja manchmal gar keine waren. Und was haben wir uns früher über die „Bildzeitung” aufgeregt. „Bild lügt” hieß es, und Günther Wallraff schlich sich undercover in die Redaktion und deckte die Meinungsmache auf, die da von Deutschlands meistgelesener Boulevardzeitung getrieben würde, da wurde demonstriert, ja, es wurde sogar Gewalt gegen Druckereien und Fahrzeuge verübt. Und „Bild” lesen – nun ja, das tut man vielleicht, vielleicht sogar in intellektuellen Kreisen, aber man spricht lieber nicht drüber, denn „kluge Köpfe” lesen so was nicht. Und nun das:

WIR SIND PAPST!

Dolle Sache. Sie werden wahrscheinlich dasselbe gedacht haben, was auch ich dachte, als ich diese Worte las: Welch ein Blödsinn! Josef Kardinal Ratzinger -ein Deutscher- ist nun Papst Benedikt XVI. Schön, herzlichen Glückwunsch zur Wahl und Gottes Segen für das schwere Amt. Aber: wir sind Papst? Der Satz ist genauso falsch wie „Wir sind Fußball-Weltmeister”, wenn nicht noch falscher, denn Weltmeister im Fußball sind ja immerhin mehrere, aber Papst ist nur einer. Und Josef Ratzinger würde sich – wie ich ihn einschätze- den national-chauvinistischen Unterton dieses „Wir” verbitten, denn das „Wir” bezieht sich, so wie „BILD” das schreibt, auf seine Nationalität als Deutscher. Und dann: Sind wir evangelischen überhaupt mitgemeint? Oder vielleicht nur die Deutschen, die der katholischen Kirche angehören? Dann könnten wir uns auch als Protestanten über diese Schlagzeile ärgern.

Sie werden vielleicht überrascht sein, aber ich finde diese Schlagzeile wirklich klasse. Ich bin der Bildzeitung sogar dankbar, vielleicht zum ersten Mal. Denn: Dieser Satz stimmt. Wir sind Papst. Er stimmt seit der Reformation Martin Luthers, und die ist ja schon ein paar Jahre alt. Dieser Satz stimmt, er stimmt schon seit dem 1. Jahrhundert nach Christus, als der 1. Petrusbrief aufgeschrieben wurde. Wir sind Papst. Natürlich hat die Bildzeitung diesen Satz ganz anders gemeint, aber für uns Lutheraner stimmt er. Natürlich stimmt dieser Satz nicht im Sinne der römisch-katholischen Kirche, die den Papst als Bischof von Rom, als Bischof der Weltkirche, als Stellvertreter Christi auf Erden betrachtet und einsetzt. Aber im Grunde beschreibt dieser falsche Satz im Sinne des Protestantismus genau das, was uns Protestanten von den römisch-katholischen Mitchristen unterscheidet. Wir haben keinen Papst, wir haben kein dem entsprechendes Amt, und wir brauchen auch keinen Papst, denn wir haben als Christinnen und Christen unmittelbaren Zugang zu Gott, ohne jede Mittlerschaft eines kirchlichen Apparats. Angesichts des medialen Rummels können wir Evangelischen ja wirklich etwas protestantische Selbstvergewisserung gebrauchen – und da hilft ein Blick in die Bibel und in die Geschichte der Kirche.

Am Anfang war der Glaube des ersten Gottesvolkes, der Juden. Für sie hatte der Hohepriester im Tempel von Jerusalem als einziger eine Art Zugang zum Allerheiligsten, dem irdischen Wohnsitz Gottes. So vermittelten er und die anderen Priester zwischen den Menschen und Gott.

Dann, als in Jesus Gott Mensch wurde und den Menschen als Mensch begegnete, entfiel diese Mittlerrolle der Priester. Jede und jeder wurde ermutigt und eingeladen, den ewigen Gott als „Vater” anzurufen und mit allen Nöten und Anliegen direkt mit Gott zu kommunizieren, denn, so ermutigt der 1. Petrusbrief: Alle eure Sorgen werfet auf ihn, denn er sorgt für euch. Und so entwickelten die Apostel bei und nach der Gründung der ersten Gemeinden nicht einen Klerus, der über den Gemeinden stand und herrschte, sondern forderte und förderte Menschen, die mit ihren ganz speziellen Gaben in den Gemeinden Dienste übernahmen, Dienste, die allerdings nicht mit Herrschaftsbefugnissen versehen waren. So konnte der 1. Petrusbrief von einem „Priestertum aller Glaubenden” sprechen und formulierte das so: „Erbaut auch ihr euch als lebendige Steine zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.” Und: „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.”

Grundlage dieses Priestertums aller Glaubenden ist die Taufe, die wir empfangen haben. Dieses Priestertum lebt von der Menschwerdung Gottes in Christus her und davon, dass Christus durch sein Selbstopfer am Kreuz Gott und Menschen versöhnt hat. Dieses Priestertum bedeutet: Alle Getauften sind Glieder des Volkes Gottes und haben einen unmittelbaren Zugang zu Gott durch ihren Glauben und ihr Gebet. Sie sollen sich mit ihrem Leben ganz und gar in Gottes Dienst stellen und ihren Mitmenschen das Wort Gottes weitersagen.

Diese einfache, unmittelbare Beziehung jedes einzelnen Glaubenden zu Gott veränderte sich im Laufe der Kirchengeschichte. Daran ist nicht nur die entstehende Kirche selber schuld, sondern auch, dass sich der christlichen Glauben unter den Bedingungen staatlicher Verfolgung durch das römische Reich und in Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen der Antike erst entwickeln musste. Da war bald nach der ordnenden Hand einer Institution gefragt. So formulierte der Kirchenvater Tertullian um 200 nach Christus einen Satz, der bis heute das Selbstverständnis der vom Papst geleiteten römischen Kirche prägt: „Extra ecclesiam nulla salus est” Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil. In der Folge wurde diese Kirche zu der Anstalt, die das Heil allein verwaltet. Sie stellte die Amtsträger, mit dem Bischof von Rom als Papst an der Spitze, die das durch das Handeln Christi gewonnene Heil gegenüber der Welt und damit auch gegenüber den Glaubenden vertrat und mittels der Sakramente des Abendmahls und der Taufe sozusagen zuteilte. Bischöfe und Priester wurden -ganz alttestamentlich- zu Mittlern, die das Volk, die Laien, vertraten. Und je mehr sich diese Mittlerrolle festigte, desto unmündiger und abhängiger wurden die Laien, die Nicht-Kleriker.

Diese Entwicklung erreichte im späten Mittelalter ihren Höhepunkt und war letztlich Auslöser der Reformation durch Martin Luther. Der entdeckte auch das Priestertum aller Glaubenden wieder und schrieb dazu: „Überdies sind wir Priester, das ist noch viel mehr, denn König sein, darum, dass das Priestertum uns würdig macht, vor Gott zu treten und für andere zu bitten. Denn vor Gottes Augen zu stehn und zu bitten, das gebührt niemand als den Priestern. Also hat uns Christus erworben, dass wir könnten geistlich vor einander treten und bitten, wie ein Priester vor das Volk … tritt und bittet …” Weiter machte Luther deutlich, dass alles, was mit einem kirchlichen Amt verbunden ist, nicht Herrschaft einer besonderen Kaste über das normale Volk bedeutet, sondern einen Dienst. Das grundlegende Augsburger Bekenntnis nennt den Dienst, das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu spenden, den Grundauftrag der Kirche und in dieser Kirche der Auftrag jedes und jeder Getauften. Wenn es in unserer lutherischen Kirche dennoch einen besonderen und bezahlten Berufsstand der Pastorinnen und Pastoren gibt, dann nicht etwa, weil damit durch die Hintertür wieder ein Gegensatz zwischen Klerus und Laien in die Kirche einzieht, sondern damit die Verkündigung und Sakramentsspendung geordnet abläuft. Wir Pastorinnen und Pastoren üben dieses als Dienst an der Gemeinde aus, haben aber keine besonderen Weihen und sind auch nicht heiliger als jede und jeder Getaufte. Das Priestertum aller Glaubenden drückt sich vielmehr darin aus, dass wir Pastorinnen und Pastoren unseren Auftrag gerade nicht von unserer Bischöfin oder unserem Bischof erhalten, sondern von der Gemeinde, die uns wählt, oder auch, wenn wir unserem Auftrag nicht nachkommen, abwählt. Sie tut das vertreten durch den Kirchenvorstand.

Damit aber haben wir ziemlich deutlich den Unterschied unserer evangelisch-lutherischen und der römisch-katholischen Kirche zu fassen: Den römisch-katholische Priester legitimiert seine Berufung durch den Bischof bzw. durch den Papst, in dessen Auftrag der Bischof handelt. Der lutherische Pastor wird von der Gemeinde berufen oder abberufen. Anders gesagt: Unsere Kirche baut sich von unten, aus der Gemeinschaft der Getauften auf, die alle ihre Amtsträgerinnen bis hinauf zum Bischofsamt auf Zeit wählt, die römische Kirche ist dagegen genau umgekehrt von oben nach unten organisiert, mit dem Zentrum der Macht im Amt des Papstes, der sich als legitimer Nachfolger des Apostels Petrus versteht, dem Jesus dieses Amt als erstem anvertraut habe. Dieser Papst hat, so ist es seit 1870 Dogma, die unfehlbare Autorität zu lehren, was die Glieder seiner Kirche zu glauben haben, und das schließt Dinge ein, für die es keine oder nur schwache biblische Zeugnisse gibt. Wir dagegen haben als oberstes Kriterium unseres Glaubens allein die Bibel des alten und neuen Testaments, so wie sie der heilige Geist uns verstehen lässt. Natürlich haben auch wir eine Art Hierarchie, aber nur im weltlichen Sinn: Propst NN oder Bischof NN sind nicht die Cheftheologen unserer Kirche, sondern disziplinarische Vorgesetzte. Für die Inhalte unserer Arbeit gilt: Die Pastorinnen und Pastoren sind in Verkündigung und Seelsorge frei und an Weisung nicht gebunden.

An eben diesem Punkt unterscheiden sich unsere Kirchen. Die römische Kirche hat einen neuen Papst, dem wir als lutherische Christinnen und Christen Gottes Segen für sein gewiß schweres Amt wünschen. Wir sollten aber nicht neidisch sein, sondern uns der großen Verantwortung und der großen Freiheit freuen, die uns durch die Taufe den unmittelbaren und keine Vermittlung fordernden Zugang zu unserem Gott geschenkt hat. Oder, wie die „Bild” sprachlich etwas verunglückt, aber ungewollt gut lutherisch es sagt: „Wir sind Papst”.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen