Wir sind Familie ( zur Woche der Diakonie 2014)

„Oh Gott, hör mir nur mit meiner Familie auf.“
Im Kreis der Freundinnen verdrehte sie die Augen, als sie auf zu Hause angesprochen wurde: „voll peinlich“ war alles, was ihr zu Mutter, Vater und Großeltern einfiel.
Ehe wir uns zu schnell darüber erregen… wahrscheinlich ist es das gute Recht von jungen Menschen, eine Zeit lang auch Eltern voll peinlich zu finden. Das beruht übrigens zeitweise durchaus auf Gegenseitigkeit.
Wenn Erwachsene sich nicht mehr so genau daran erinnern, wie sie sich im zarten Alter von 14-17 Jahren gegeben haben, dann haben sie vergessen, wie peinlich auch ihr eigenes Verhalten in früheren Jahren war, und möchten sie vielleicht deshalb bei dem Gedanken an die eigenen Kinder verstecken und hoffen, dass dieser Schrecken schnell vorübergeht.
Großeltern haben es da einfacher, vielleicht auch, weil sie aus der Perspektive der Enkelkinder einfach älter sein dürfen oder dafür bewundert werden, dass sie für ihr Alter eigentlich noch ganz gut drauf sind. Und Großeltern erinnern sich meist gut an die eigenen Kinder, die heute als Eltern auftreten, und doch auch Kinder waren.
Überhaupt: wer hat eigentlich in den Familien etwas zu sagen, wenn immer mehr Mütter und manchmal auch Väter alleinerziehend sind oder eine neue Beziehung wagen und Kinder dazukommen, die nicht die eigenen sind….
Familie ist ein ergiebiges, leidvolles und unterhaltendes Gesprächsthema. Das Schöne dabei ist: jeder kann mitreden, weil irgendwie wir alle für jemanden Familie sind, unabhängig davon, ob wir Kinder haben oder nicht.
Und doch hat sich in den letzten Jahrzehnten viel verändert, selbst wenn die Geschichten, Freuden oder Klagen sich verdächtig ähneln.
Wir merken das an den gesellschaftlichen Diskussionsprozessen, wenn vom besonderen Schutz der Familie durch das Grundgesetz geredet wird, aber die Interpretation, wo denn Familie existiert und geschützt werden muss, weit auseinandergeht.
Wir haben es im Raum der Kirche und der Diakonie gerade erlebt, als im letzten Jahr ein Diskussionspapier der EKD zum Thema Familie zu einer zumindest sehr lebhaften Diskussion über die Grenzen der Kirche hinweg geführt hat.
Ein einfacher Rückgriff auf biblische Vorlagen hilft da wenig. Die biblischen Familienmodelle der orientalischen und patriarchalen Welt entsprechen nicht mehr unbedingt den Vorstellungen der Aufklärung und Moderne. Man denke nur an Jakob und seine Frauen und Nebenfrauen…
Selbst Jesus bietet nicht nur klassische Familienmodelle, sondern auch steile Diskussionvorlagen, wenn er sich von seiner Familie entschieden distanziert, sie nicht kennen will, sondern die zu den Seinen erklärt, die Gottes Willen tun..
Das eigene Fleisch und Blut ist also das eine: Rückhalt, Verwurzelung, Geborgenheit, aber auch Konflikte und Streit und Abhängigkeit.
Die selbstgewählten Vertrauten sind das andere: Freunde, Partner und Partnerinnen, Gleichgesinnte und Mitstreiter.
Und entstammt Jesus dem Glaubensbekenntnis nach nicht selbst einer Patchworkfamilie, die wir gerne als die Heilige Familie verklären, in der Joseph aber nicht mehr und nicht mehr weniger darstellt als einen Stiefvater, der dennoch die Familie ernährt und ihr Sicherheit gibt?
Ich gebe es unumwunden zu: die Sehnsucht nach einer intakten Familie, die zu einem steht, in der man Liebe und Geborgenheit, Vertrauen und Solidarität erfährt, ist in uns allen wohl mehr oder weniger tief verwurzelt..
Aber was Familie ist, lässt sich nicht mehr so einfach sagen, wie in der Vergangenheit. Die Aufgaben sind nicht mehr so eindeutig verteilt, die Erscheinungsformen und Lebensentwürfe sind deutlich vielfältiger geworden. Familie funktioniert nicht mehr ohne weiteres so, wie in früheren Zeiten.
Die Ehe ist nicht mehr die einzige, gesellschaftlich anerkannte Lebensform, selbst wenn auch gleichgeschlechtliche Paare gerade sie mittlerweile für sich wünschen, einfordern und leben.
Kinder wachsen in ihrer Kindheit und Jugend mit wechselnden Bezugspersonen auf.
Mehrgenerationenhäuser gelten mittlerweile zu sozialen Projekten, weil es sie im Familienverbund nicht mehr gibt, wo die Alten im Alter in Altenteil des Hauses zogen, man also weiter unter einem Dach lebte.
Großeltern sind oft selbst noch voll ins Berufsleben integriert, leben an einem ganz anderen Ort und stehen nicht automatisch für die Kinderbetreuung zur Verfügung.
In zunehmend kinderarmen Familien können sich die Kinder nicht mehr gegenseitig erziehen, sie finden nicht mehr automatisch im Haus, auf der Straße, auf dem Spielplatz oder im Park ausreichend gleichaltrige Kinder in der Nachbarschaft!
Und wer hat die Möglichkeit, sich um die altgewordenen und pflegebedürftigen Eltern zu kümmern.
Und alles Klagen darüber ist unnötig, weil es nicht weiterhilft.
Wenn ich die Provokation Jesu weiterdenke, der seine Familie dort verortet, wo Menschen den Willen Gottes tun und nicht vordergründig dort,wo man die Ahnen miteinander teilt, dann wird schnell deutlich, dass es ihm weniger auf einen sauberen juristischen Familienbegriff ankommt, der in Kategorien wie Verwandschaft denkt als vielmehr auf das Prinzip Verantwortung. Wo Menschen füreinander Verantwortung übernehmen – zunächst einmal egal in welcher Form auch immer – dort ist und lebt Familie und verdient Würdigung und Respekt.
Das geschieht natürlich vor allem zwischen Ehepartnern, Eltern und Kindern, Großeltern, Tante und Onkel, Paten, aber auch Freunden oder Lebensgefährten.
Das geschieht und geschah immer auch schon zwischen Frauen, manchmal, heute häufiger, auch zwischen Männern, oft auch mit mitgebrachten oder angenommen Kindern.
Verantwortung ist auch eine ganz konkrete, von allem sentimentalen Ballast befreite Form dessen, was wir Liebe nennen.
Verantwortung kann auch Lebensaufgabe, Lebensinhalt, ja sogar Berufung mit eigenem Beruf werden.
Da wo Kindern sich nicht mehr in der eigenen Umgebung an anderen orientieren können, wo Eltern und Geschwister überfordert sind mit der Förderung und den Lernprozessen von Kindern, wo Kinderbetreuung in Zeiten der Berufstätigkeit nicht mehr familiär geregelt werden kann, da bekommen Kindergärten und Schulen eine herausragende Bedeutung im Leben von Kindern, damit sie einen guten, gleichberechtigten Start ins Leben haben.
Da wo das Wissen der Generationen nicht mehr ohne weiteres abrufbar ist, man nicht ständig Oma und Opa fragen kann, wie habt ihr das gemacht, da sind Beratungs- und Fördereinrichtungen enorm wichtig.
Wo die Pflege, die immer noch überwiegend weiblich ist, körperlich und sozial nicht mehr im eigenen Haus erfolgen kann, da braucht es für ein gutes und menschenwürdiges Alter nach getaner Lebensarbeit Wohn-und Pflegeeinrichtungen.
Wo Klein- und Kleinstfamilien nicht mehr gemeinschaftsstiftend wirken und wo die Orientierung an gelebten Werten nicht mehr ohne weiteres möglich ist, da bekommen vor allem Gemeinden, aber ebenso Vereine eine besondere Verantwortung, den Jungen und Älteren, den Alleingelassenen wie den Hilflosen Gemeinschafts- und Familienerfahrung zu ermöglichen.
Der Leitsatz dieses Sonntages „wir sind Familie“ taugt meines Erachtens hervorragend zu beschreiben, worum es in Gemeinde und Diakonie geht: in Verantwortung und konkreter gelebter Nächstenliebe füreinander da zu sein und einander zu stärken, zu begleiten und Menschenwürde zu wahren oder zurück zu gewinnen.
Wir leben Familie, die spielt, lernt, sorgt, erzieht, orientiert, lacht, aufs Leben vorbereitet, Gott in den Alltag holt, Feste vorbereitet und feiert, tröstet und ermuntert, auch in unseren Kitas und Schulen, in den Angeboten der Christenlehre und Jugendarbeit in Gemeinde, in den Einrichtugen der Behindertenhilfe ebenso wie in den Pflegeeinrichtungen, wo uns auch menschenwürdiges Sterben als Herausforderung begegnet. Hier überall begegnen sich Familien, hier wird aber Verantwortung aus dem Raum der Familie stellvertretend wahrgenommen, wo diese sie nicht oder nicht mehr übernehmen können. Viele haben das für sich zum Beruf gemacht und helfen so mit, dass die Gesellschaft ein menschliches Gesicht bewahrt. Das ist auch der tiefere Sinn dieses Diakoniesonntages, in der Gemeinschaft heute morgen Dank und Anerkennung zu teilen denen gegenüber, die für andere da sind wie Vater und Mutter , Bruder und Schwester, und sei es nur auf Zeit, weil sie ja auch im anderen Leben oft noch Vater und Mutter und Bruder und Schwester sind. Wir sollten nicht also nicht so sehr um Begriffe und Definitionen ringen, sondern das Alltagserleben von Fürsorge und Sorge stärken.
Wir sind alle , groß und klein, jung und alt, stark und schwach, leistungsfähig oder auf Hilfe angewiesen, von Gott liebevoll angeschaute Geschöpfe, seine Kinder, seine Familie. Da kann und da mag sich bitte keiner zachäusgleich aus falscher Scham in seinem Baum verstecken. Jesus sieht uns und schaut uns an und dann klingt es irgendwann auch in unseren Ohren: Das sind meine Geschwister, sagt Jesus, die den Willen meines Vaters tun.

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