Wir rannten los …

<i>[Grundlage ist das Lied „Wenn wir Gott in der Höhe ehren“.]</i>

So ein komisches Lied. Und zwischen uns hockte der Streit. Wie soll denn der Streit hocken, ist doch kein Mensch. Oder doch? Immerhin ist unsere Welt voll davon. Ja, mancher hat sogar Angst, das der Streit gerade zu Weihnachten wieder aufsteht. Der Streit in den Familien oder zwischen Eltern und Kindern. Oder da ist Streit in der Schule, ein Schüler oder eine Schülerin wird gemobbt, gemieden, verachtet. Der Streit zwischen Mann und Frau, weil einer über den anderen herrschen will, Streit auf der Arbeit oder auf der Straße zwischen den Autofahrern. Und wer noch in den Bundestag guckt – wir sind ein Land voll viel bösem Streit. Streit, der richtig fest hockt und sich gar nicht mehr lösen will. Manche leben über Jahre damit. Und manche leiden noch nach Jahren darunter. Nur zu Weihnachten, da soll es nicht sein. Da versuchen wir auf Frieden und Harmonie zu machen.

Da dudeln wir uns seit Wochen mit den Liedern zu, die von Frieden und Miteinander singen, aber geholfen hat das Jahr für Jahr nicht. Ich habe recht. Ich muss mich nicht ändern. Meine Sicht ist die richtige.

Aber ob wir damit glücklich werden? Ob wir das auf Dauer überhaupt durchhalten, wenn der Arzt sagt: deine Beschwerden sind seelischer Art. Und wenn jemand mit Angst in die Schule geht, sind die anderen wirklich froh darüber? Froh über die Feigheit, sich nicht an die Seite eines Schwachen zu stellen?

Ich denke nicht und der große Boom der weihnachtlichen Musik, der Feiern und der Stimmung spricht eine andere Sprache. Noch nie wurden so viele Weihnachts-CDs angeboten, noch nie wurde so oft im Radio vom Christkind und vom Frieden gesungen und von irgendeinem über uns. In Wirklichkeit ist die Welt so schwer auszuhalten und wir Deutschen haben schon lange aufgehört, ein friedliches und christliches Volk zu sein.

Und nun ist es doch Weihnachten. Und nun sind wir da. Mit unserer Sehnsucht. Mit unserer Hoffnung, einmal muss es doch klappen. Wir hören die alten Lieder und mancher singt mit, in einer Stunde werden die Heimlichkeiten aufgelöst. Nein, wir sind ja gar nicht so schlecht und wir wollen überhaupt nicht diesen hockenden Streit. Diese festsitzenden Konflikte und festgefahrenen Kisten. Aber wie da raus? Und da kam mir eine Idee. Da hockt der Streit zwischen uns. Und plötzlich steht die Krippe dazwischen. Die Krippe mit dem Kind. Wenn wir Gott in der Höhe ehren, kehrt bei uns hier der Frieden ein. Und wie anders kann man Gott ehren, als das man sein Geschenk annimmt. Sein Weihnachtsgeschenk.

Sein Krippenkind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich über die Krippe hinweg anbrüllen kann, ich kann mir nicht vorstellen, dass man wie ein verrückter fährt, wenn die Krippe am Straßenrand steht, ich kann mir nicht vorstellen, ein Kind zu schlagen und dabei in die Krippe zu schauen. Und wenn mich das Kind in der Krippe anlacht, dann kann ich einfach niemandem weh tun und niemanden demütigen. Denn dieses Kind in der Krippe ist mehr, als irgendein Kind. Als erwachsener Mann hat der Jesus Geschichte gemacht. Als schwaches Kind hat er begonnen, als Erwachsener hat er nie zurückgeschlagen und hat sich auf die Seite derer gestellt, die ausgestoßen wurden. Dein Leben ist zwar kaputt, hat er gesagt, aber es kann heil werden. Er hat Frauen und Kinder aufgewertet, gleichberechtigt, und hat schon damals erkannt, dass viele Krankheiten von der Seele kommen. Er hat die Menschen einfach angefasst und ihnen gesagt: Gott hat dich lieb. Und überall, wo er war, kehrte der Friede ein.

Die Krippe ist sein Zeichen geworden und wo wir dieses Zeichen zwischen uns stellen, wird der Streit vertrieben. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Aber ohne Weihnachten wüssten wir es nicht. Als ich Kind war, wollte es unsere Mutter, dass wir vor dem Auspacken der Geschenke an die aufgebaute Krippe treten und ein Lied singen. Begeistert waren wir nicht, aber heute spüre ich, dass das gar nicht so schlecht war. Sie hat uns dorthin geführt, wo man Weihnachten entdeckt. Wir entdecken es bestimmt nicht, wo ein kitschiger Santa Claus an der Hauswand klettert. Das hat uns Coca Cola eingebracht. Aber wir entdecken es, wenn wir in diesen Tagen wie auch immer die Krippe zu uns stellen. Ich kann mir vorstellen, dass wir auf einmal liebevolle Worte für uns finden, dass wir uns streicheln statt schlagen, dass wir uns loben, statt erniedrigen und mit all dem Gott die Ehre geben, der ja nichts anderes will, als dass wir miteinander leben und einander leben lassen. Vielleicht ganz vorsichtig, unsere Schultern und Arme berührten sich scheu, die große Weihnachtsversöhnung klappt meist nicht. Aber vielleicht, wie das Lied sagt, wir kehren um, gehen miteinander einen neuen Weg und mit uns geht das Kind.

Und dann wird es gut. Im Lied heißt es: wir rannten los. Es kann sein, das man mal richtig los rennt, weil es so toll ist. Macht das doch auch. Dann wird es Weihnachten.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen