Wir dienen – we serve

Liebe Festgemeinde,

heute an diesem Heiligen Abend möchte ich ihnen einen guten Gedanken nahebringen. Aber ich traue mich kaum, ihn in alter Form vorzutragen. Da hieße er nämlich: Wir dienen. Menschen sind dazu bestimmt, zu dienen.

Ich befürchte diese Reaktion:

Wir dienen? Da klappt man doch sofort die Ohren zu in Erwartung altbackener Belehrung mit erhobenem Zeigefinger vorgetragen.

Also wende ich lieber einen Trick an, unserer Werbung abgeschaut. Wir sagen es auf Englisch: Sagen wir doch einfach „we serve“. Ein Freund von mir hatte ein Buch zuerst unter dem Titel "Lebe einfach und gut" veröffentlicht. Niemand wollte es kaufen. Als er es "Simplify your life" nannte, wurde es zum Welterfolg.

Brauchen wir diesen Trick: We serve? Das klingt moderner. Aber wir belassen es bei unserer Muttersprache.

„Wir dienen – Also fangen wir an, uns darüber Gedanken zu machen. Aber ehe wir ins Beschauliche abdriften, lassen wir dem Protest den Vortritt:

Nein, dienen will niemand mehr. Das erinnert an Kaiserreich und an Zeiten, weit vor der Emanzipation. Einige von uns sind als Kind noch mit dem Kommando, „mach einen Diener“ groß geworden. Und die Mädchen mussten einen „Knicks vorführen“. Da war ich schon als 10jähriger meinem Schöpfer dankbar, dass er mir als Bub diese alberne Geste erspart hat.

Dienen ist mit dem Gedanken der Unfreiheit und der Unterwürfigkeit behaftet. Wer dient, wird zum Instrument der Herrscher. Diener machen die „Drecksarbeit“.

Christlich Bewanderte kennen eventuell den Diakonissen-Spruch von Wilhelm Löhe, dem Begründer der Neuendettelsauer Diakonie:
„Was will ich? Dienen will ich. – Wem will ich dienen? – Dem Herrn Jesu in Seinen Elenden und Armen. Und was ist mein Lohn? Ich diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank und Liebe; mein Lohn ist, dass ich darf!“

Nicht wenige von uns arbeiten im Krankenhaus oder bei einem der Wohlfahrtsverbände. Da kann man angesichts von Überlastung und geringer Bezahlung solche Sprüche kaum ertragen.

Dienen: Dagegen wehrt sich jeder und jede.

Wer die folgenden Sätze noch nie gehört hat – bitte melden – „Ich bin doch nicht deine Dienerin“. „Wann hast du das letzte Mal im Haushalt geholfen?“ „Das ist ein Staubsauger. Den kann man sogar mit dem Fuß anschalten. Dafür müsstest du dich nicht einmal bücken.“ „Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, wie der Müll bei uns aus dem Haus kommt?“

Nein, dienen ist kein positiv besetzter Begriff. Wer dient, räumt weg, was andere liegen lassen. Wer dient, kümmert sich wohl ausschließlich um das Wohl des anderen und gibt sich selbst dabei auf. Nicht wenige der hier erschöpft sitzenden Hausfrauen werden mir eventuell zustimmen.

Genug des Protestes, der notwendig ist. Abgestandene Begriffe muss man reinigen wie altes Silber. Danach kommt ihr wahrer Glanz hervor.

Wir dienen! Wer so spricht, soll sauberes Silber in den Mund nehmen. Machen wir also nun eine zweite Gedankenbewegung. Warum ist „Wir
dienen“ ein sinnvolles und sehr notwendiges Motiv?

Nicht wenige Deutsche haben irgendwann in ihrem Leben den Wunsch, ein Lokal zu eröffnen. Besonders diejenigen, die in großen Betrieben irgendwo irgendwie funktionieren müssen als Rädchen in einem Getriebe, auf das sie nicht wirklich Einfluss haben. In der Gaststätte wähnt man sich nicht nur als eigener Herr. Der Wunsch geht tiefer. Man will – ja und nun muss ich dieses alte Wort verwenden – man will dienen. Einen Raum gastlich herrichten, ein feines Essen kochen, Gäste empfangen. Fröhlich sein. Auch im Lokal muss alles funktionieren, doch der gute Gedanke überstrahlt den Stress. Glückliche, zufriedene Gesichter lohnen den Einsatz. Auch das werden hoffentlich heute Abend diejenigen erleben, die das Fest vorbereitet haben!

Nun mag es sicherlich sein, dass mein hier skizziertes Bild reichlich rosa gefärbt ist und romantisch klingt. Es geht ja auch nur um ein Traumbild, dass nicht wenige kennen. Gastgeber sein in einem wunderbaren Lokal.
Ungenierter wollen wir nun darüber nachdenken, warum dienen auch befriedigt.

Eine kurze, präzise Antwort: Indem ich für einen anderen Menschen etwas tue, erlebe ich mich selbst in einer anderen Dimension, nämlich in der, die uns Menschen zugedacht: dass wir füreinander da sind. Noch kürzer, noch präziser formuliert Martin Buber: Da Ich findet sich im Du. Wir könnten auch den deutschen Philosophen Hegel bemühen, der als erster in die Philosophie die bis dahin unhinterfragte Einteilung der Menschen in Herren und Knechte aufgehoben hat. Wir leben davon, so Hegel frei zitiert, dass wir einander dienen.

Christlich formuliert heißt das: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Wobei wir in unseren Tagen das „dich selbst“ überbetonen. „Unterm Strich zähl ich“ ist der Slogan seelenarmen Lebens, das seine Dürftigkeit durch Sparbucheinlagen übermalen möchte.

Die frühen Christen hatten für ihre Lebensauffassung ein Wort verwendet, das einen Anklang an Straßenkehren und dgl. Tätigkeiten hatte. Sie nannten das, was ihr Leben untereinander bestimmen sollte, diakonein.

Für einen anderen zu leben, ihm die Lebensstraße zu kehren, ihm den Vorrang zu geben, fand man im Wort Diakonie treffend ausgedrückt. So lebte man das in Christus offenbar gewordene Mysterium, die Wahrheit des Lebens, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit.

„Diakonia“ – Dienst ist der zentrale, griechische Begriff im Neuen Testament, wenn es darum geht, Jesus zu verstehen:
„Ich bin unter euch wie ein Diener“ heißt es bei Lukas (22,27). Und bei Matthäus: „Ich bin nicht gekommen, mich bedienen zu lassen, sondern dass ich diene und mein Leben gebe für viele“ (frei nach 20,28). „Der Größte unter euch soll wie ein Diener sein“ (Mt 23,11) oder „Minister“, wir das die Lateiner sagten.

Ein Vers aus dem Lukas-Evangelium bringt es auf den Punkt: „Gott hat besucht und erlöst sein Volk“. Die innigste Feier unseres Glaubens, getragen von der hoffenden Gewissheit, dass Gott in Christus bei uns ist, ist das Heilige Abendmahl bzw. die Eucharistie. Gott ist Gastgeber, ein Gastgeber, der uns mit Leben, Hoffnung und Zuversicht beschenkt.

Warum dienen uns befriedigt, uns wirklich innerlich Frieden gibt, uns frei und fröhlich macht? Wagen wir eine Antwort: Dienen, anderen Menschen dienen, gibt uns – ich sag es einmal vorsichtig – die Ahnung davon, wozu wir Menschen bestimmt sind: Diener des Lebens zu sein füreinander. Wir dienen. Was das bedeutet? Es bedeutet dies: Wir leben für andere und darin auch für uns selbst.

Amerikaner erforschen alles. Auch das soziale Leben. Ergebnisse im Stenogramm: Wer sich sozial engagiert, ist lebenszufriedener. Wer für andere etwas tut, hat eine deutliche geringere Neigung zu Depressionen. Wer dient, lebt angeblich sogar länger -.weil sinnvoller.

Wir dienen. Indem wir das – erst verschämt auf Englisch und dann endlich wieder auf Deutsch sagen, geben wir unserer Sehnsucht Ausdruck, im Leben etwas Gutes zu leisten, das Leben zu fördern.

Viele Berufswelten heute haben diesen Gedanken verdrängt oder haben zumindest dafür keinen wirklichen Raum mehr. Man dient nicht mehr dem Leben, wohl aber dem Reichtum, der Vermehrung des Kapitals.

Halt, das ist wohl zu negativ, obgleich wir diesen Trend der allgegenwärtigen „Kapitalisierung“ aller Lebensbereiche kritisch sehen sollten.

Wir dienen – Das ist ein Motto, dem sich auch heute eine beachtliche Reihe von Berufen zuordnen ließe. Viele Frauen und Männer – auch unter uns – haben sich den Gedanken des Dienens bewahrt. Gäbe es sie nicht, wären wir unendlich arm.

Wir dienen. Das ist ein gutes, christliches Motiv, das Zukunft hat. Ein Motiv, das uns Zukunft garantiert für das Leben miteinander. Dieses Motiv gründet in Christus.

Heute wollen wir uns daran freuen, dass Gott in Christus unsere Welt besucht hat. Christus ist unser Diener geworden, uns zum Vorbild. Vielleicht kennen sie die Erzählung von der Fußwaschung. Christi aus dem Johannes-Evangelium. Er kniet vor den Seinen nieder und reinigt sie. Das ist wahrer Gottesdienst.

Und wissen Sie, wie Gottesdienst auf Englisch heißt? Service – Dienst.

Wir dienen. Darin erkennen wir die Wahrheit, die Bestimmung unseres Lebens. Dass es so bleibe, dass es so werde, dazu gebe Gott seinen Segen.

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