Wir alle sind Gottes Kinder (Jes 55,10)

Jes 55,10
[10] Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen.

[Tod eines 60jährigen Mannes, der sehr zurückgezogen lebte und in der Gemeinde als „Säufer“ galt]

Liebe Angehörige von N.N., liebe Gemeinde,

wenn jemand so unerwartet stirbt wie Ihr Vater, wie Ihr Bruder, dann hinterlässt der Tod nicht nur die Trauer über den Verlust eines nahestehenden Menschen. Was vielleicht sogar mehr schmerzt und weh tut, das ist das Nicht-verstehen-können und die schmerzhaften Begleitumstände dieses Sterbens. N.N. ist wenige Tage vor seinem 60. Geburtstag verstorben, von einem Moment zum anderen von uns gegangen. Obwohl er auf besondere Hilfe angewiesen war, obwohl er schwer krank war, obwohl er sehr zurückgezogen lebte, die ärztliche Diagnose seines wahres Krankheitszustandes und sein plötzliches Sterben hat Sie alle überrascht. Aber gerade in seinem Sterben, in seinen letzten Stunden hier auf Erden hat er nochmals eine besondere Würde als Mensch, als kranker Mensch erfahren, die ihm oftmals unter uns verwehrt wurde.

Sie, liebe Angehörige, haben den Bruder, den Schwager, in seinen letzten Lebenszügen begleitet und sind ihm nahe gewesen. Sie haben ihm so einen letzten Dienst der Liebe und Menschlichkeit erwiesen, als er heute vor einer Woche (28.12.01) im Krankenhaus in GU verstorben ist. Gerade in N.N.s stillen Leben mit seiner Krankheit und in seinem stillen, kaum spürbaren Sterben hat sich etwas von dem Jesajawort, unter das wir uns heute gestellt haben, bewahrheitet. N.N. ist nicht von dieser Erde gegangen, ohne etwas zu bewirken: sein Leben und auch sein Sterben hat etwas bewegt in unseren Köpfen und auch in unseren Herzen. Es hat mehr bewirkt als der Schnee, der vom Himmel fällt und die Erde vorbereitet auf ihre große Aufgabe im Frühjahr. Wir wollen genau das, was sich jetzt in unser en Gedanken rührt und tiefer, in unseren Herzen, nicht verloren geben, sondern in uns auf fruchtbaren Boden fallen lassen.

Ich selbst habe N.N. nicht gekannt, doch beim Erzählen über sein Leben ist mir ein Bild und ein Spruch in den Sinn gekommen: Das Bild einer Blume, die auf einer kargen Felswand blüht und ein dazugehörender Spruch:

„Ich blühe auf felsigem Boden,
jeden Tag kämpfe ich um mein Leben,
jeden Tag suchen meine Wurzeln neuen Halt,
jeden Tag und jede Nacht suchen sie nach Erde und Nahrung.
Ich suche in der Tiefe und stoße nur auf harten Stein.
Ich strecke mich nach der Sonne
und verkrieche mich vor dem Sturm.
Ich habe Angst, eines Tages reißt mich der Wind aus der Erde; eines Tages entwurzelt mich der Sturm der Zeit.
Darum halte ich mich fest,
mit allen meinen Kräften, mit all meinen Wurzeln!“

Dieses Bild erinnert uns an das Leben von N.N., aber auch an die Situation trauernder Menschen. Immer wenn ein Mensch von uns gehen muss, werden wir schmerzlich daran erinnert, dass unser Leben ein zeitlich begrenztes Ge schenk Gottes ist. Das Leben erweist sich als eine Leihgabe auf Zeit. Es wir klar: keiner von uns weiß, ob er morgen wieder aufstehen wird. Wir alle wissen, dass auch wir eines Tages sterben müssen – auch wenn wir diesen Gedanken oft verdrängen. Aber dennoch ist es etwas anderes, wenn trotz allen Wissens um das Sterben, der Tod den Menschen an unserer Seite trifft.

N.N. wurde am 14.01. 1941 in O geboren. Als er 3 Jahre alt war, ist sein Vater im Krieg gefallen. Nachdem seine Mutter wieder geheiratet hatte, hat er im Kreis von vier Geschwistern seine Jugendjahre verbracht. 1964 hat N.N. hier in H. eine neue Heimat gefunden und wenige Jahre später eine Familie gegründet. 25 Jahre lang arbeitete er bei der Bundesbahn, bis er krankheitsbedingt frühzeitig in Rente ging. Lange hat N.N. seine kranke Mutter gepflegt. Mit ihrem Tod vor sieben Jahren ist auch ein Teil seiner Lebensenergie erloschen. Er hat sehr zurückgezogen gelebt. N.N. verzichtete auf viele Annehmlichkeiten; er lebte so asketisch, wie wir es uns nur schwer vorstellen können. Er nahm sich so sehr zurück, weil er wohl keinem in Wege stehen und niemandem zur Last werden wollte. Er war selbstlos. Er hatte alles, was er zum Leben brauchte: Menschen, denen er vertrauen konnte und eine gewohnte Umgebung. Scheinbar kleine Zeichen waren für sein Leben groß und wichtig. Über sein Hobby, den CB-Funk hielt er Kontakt zur Außenwelt. Auch Nachbarschaft bedeutete ihm mehr, als nur im Haus nebenan zu wohnen.

Jeder von Ihnen, liebe Trauernde, hat sein eigenes Erleben mit N.N., hat ein Stück an seiner Lebensgeschichte mitgetra gen und mitgewirkt. Sie wissen selbst am Besten, wo Sie sich beigestanden und ge holfen, getragen und gestärkt haben. Lassen Sie uns diesen Erinnerungen Raum ge ben und in der Stille bedenken und aufleben lassen, was Sie davon für Ihr Leben bewahren wollen.

[STILLE]

Das Leben von N.N. war sinnvoll und bleibt es auch nach seinem Tod. Sein Leben war von Gott, der nach anderen Maßstäben als wir Menschen misst, wert- gehalten und bleibt es auch über den Tod hinaus. Deshalb gilt das Wort Gottes (Jes 55, 10f): „Wenn Regen und Schnee vom Himmel fällt, kehrt er nicht wieder dorthin zurück, ohne dass er etwas bewirkt: Er durchfeuchtet die Erde und macht sie fruchtbar, so dass sie Korn für das tägliche Brot hervorbringt und Saatgut für eine neue Ernte. Genauso ist es mit dem Wort, das ich spreche: es kehrt nicht unverrichteter Dinge zu mir zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will und führt aus, was ich ihm auftrage.“

Es kehrt kein Regentropfen zurück, ohne nicht vorher Gutes gebracht zu haben, die Erde befeuchtet zu haben. Es scheidet kein Mensch von dieser Erde, ohne dass er nicht seinen Auftrag erfüllt, ohne dass er seinem Schöpfer und den Menschen gedient hätte, auch wenn dies nur ganz unspektakulär im Verborgenen geschieht. Diesen Auftrag erfüllen wir, indem wir offen sind, Gott für uns da sein zu lassen. Wir erfüllen ihn, indem wir offen sind für alles Lebendige, alle Vorgänge um uns und in uns. Es bedarf keiner besonderen Leistung, den Auftrag des Schöpfers zu erfüllen. Es erfordert von uns die Fähigkeit zur Offenheit und zur Hingabe. Ja, wir leben aus geschenkter Existenz; wir brauchen uns nur zu öffnen für dieses Geschenk Gottes, dann bleiben wir Empfangende der Gnade Gottes über den Tod hinaus.

Wer das Geschenk der Gnade Gottes empfangen hat, wird fähig sein, von sich selber abzusehen, um da sein zu können für den Schöpfer, für die Geschöpfe. Das Ich tritt dann ganz in den Hintergrund, weil alle eigenen Bedürfnisse gestillt sein werden. Als Beschenkte der Liebe Gottes leben wir im Heute und wir werden frei sein von der Sorge um die Zukunft. Wir werden die Blume lieb haben können, auch wenn wir wissen, dass sie morgen schon verwelkt. Als Beschenkte der Liebe Gottes wird für uns das Wort von den Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde zur gelebten Wahrheit. Wir dürfen die Kraft verbrauchen, weil sie uns morgen neu zur Verfügung gestellt wird. Wir brauchen unser Leben nicht aufzusparen für morgen oder irgendwann. Es ist vieles Gebrochenheit und Halbheit in unserem Leben. Aber wenn wir auf die Treue Gottes setzen, dann finden wir in den Gebrochenheiten viele Funken der Vollkommenheit. All das, was sich durch Worte so schwer erklären lässt, fanden wir im Leben von N.N.. Wenn wir ihn ein wenig verstanden haben, so konnten wir in dieser Hinsicht viel von ihm lernen. Vielleicht wird uns vieles erst im Rückblick auf sein Leben deutlich – heute, da wir ihm das letzte Geleit geben.

Sie ahnten, dass N.N. mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Und dennoch haben Sie gespürt, dass er froh war in seiner Abschiedsstunde nicht allein zu sein. Er wurde von Ihnen begleitet und dann wurde seine Hand von dem ergriffen, der ihn auch ins Leben rief. “Hand, die nicht lässt, halte mich fest” – auf diese Hand ist Verlass. Sie verlässt uns auch dann nicht, wenn wir das dunkle Tor des Todes durchschreiten. Sie will uns in ein neues Licht führen. Dessen sind wir gewiss, dass Gott nicht verloren gibt, was er einmal geschaffen hat. Gott lässt weder den Regentropfen, noch Schnee, noch das Samenkorn, oder sonst eine Kreatur verloren gehen. Denn also hat Gott seinen Sohn gesandt, auf dass alle, die an ihn glauben nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben. Dafür steht sein Wort: das Wort, das Mensch wurde und mitten unter uns wohnte. Aber die Menschheit erkannte es nicht, heißt es am Anfang des Johannesevangeliums.

Die Menschen kreuzigten den von Gott Gesandten und dennoch: das Wort Gottes, das Leben und Sterben Jesu blieben nicht ohne Frucht für uns. Der Tod ist nicht das Ende, sondern nur der dunkle Übergang in ein neues Sein, in ein anderes Leben mit Gott. „Gott hat uns Menschen eine Ahnung von der Ewigkeit ins Herz gegeben, darauf wollen wir vertrauen.“ Auch wenn sich unser Leben immer wieder zwischen dem Schweren des Realen und der Hoffnung auf das Göttliche bewegt. Auch wenn unser Leben immer wieder voller Angst und dennoch voller Zuversicht ist; auch wenn es immer wieder in Frage gestellt und dennoch getragen ist. Wir sind dem Tode nahe und dennoch dem Leben verschwistert, denn: Wir alle sind Gottes Kinder – in Zeit und Ewigkeit.

Ich wünsche ihnen, liebe Angehörige und alle, die hier sind, um Trauer mitzutragen, dass diese Hoffnung ihnen Kraft gibt und Trost spendet.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen