Wiederherstellung des eigentlichen Lebens

Heute, liebe Gemeinde, feiern wir das Fest der Reformation, die Wiederherstellung des eigentlichen Lebens, so die begriffliche Definition. Schon im Mittelalter wurde der Ruf nach der Wiederherstellung des eigentlichen Lebens auf politischer und kirchlicher Ebene laut. Bereits Franz von Assisi strebte eine Reformation der Kirche an. Die Konzile von Pisa, Konstanz und Basel, in den Jahren 1409 bis 1449, versuchten eine Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern. Erst mit dem Thesenanschlag Luthers im Jahre 1517 an die Schlosskirche zu Wittenberg kam der eigentliche Wendepunkt der Reformation. Luthers Erkenntnis in seiner Schrift: Von der Freiheit eines Christenmenschen, denn dieser ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand Untertan, und er lebt seinen Glauben in Liebe aus, lässt sich auch mit dem heutigen Predigttext aus Galater 5, 1-6 begründen:

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Ein Text wie dieser, liebe Gemeinde, ist der Auslöser, dass Luther den Galaterbrief als seine Geliebte bezeichnete. Hier hat es ihn erwischt und überwältigt und für den Rest seines Lebens nicht mehr losgelassen. Für Martin Luther war es so, als ob er in einem dunklen Raum an den Lichtschalter stieß, nach dem damals viele suchten und ihn nicht fanden. Auf einmal war alles hell und klar. Und eine Welle der Begeisterung, für uns heute kaum mehr vorstellbar, riss Hohe und Niedrige mit. Viele standen unter dem Eindruck, einem dunklen Gefängnis entronnen zu sein. Es war die befreiende Erkenntnis der Wiederherstellung des eigentlichen Lebens.

Christus hat uns das Joch abgenommen, das Joch des Gesetzes. Er hat uns klar gemacht, dass Gott nicht will, dass wir uns im Kampf um das ewige Leben zu Tode schuften. Christus will nicht unsere kalten Werke und unsere unpersönlichen Leistungen ¾ sondern er will uns selbst, unser Herz. Christus will nicht das Viele, sondern nur das Eine. Er will nicht Quantitäten, sondern Qualität. Christus will nicht Gewissensskrupel, sondern Dankbarkeit. Er will keine Schuldkomplexe, sondern Liebe. Und Christus will erst recht nicht unsere ständigen Versuche, so zu leben, als habe er nicht genug für uns getan, als ob das Entscheidende immer noch an uns liege.

Der heutige Tag, liebe Gemeinde, soll uns daran erinnern, worum es in unserem Glauben geht, denn nicht alles geht selbstverständlicherweise in die richtige Richtung. Unser Glaube ist, so denke ich, etwas sehr und ganz Persönliches. Zunächst geht unser Glaube erst einmal nur uns und unseren Gott etwas an. Es ist nicht egal, woran und was wir glauben. Wenn mein Glaube mich tragen soll und wenn er mehr sein soll als nur schöne Worte, dann werde ich mir die Frage stellen müssen: Wem will ich Macht über mich einräumen und wem vertraue ich? Nehme ich wirklich alles Ernst zu glauben, dass Jesus Christus wirklich alles getan hat um uns zu retten?

Paulus warnt uns eindringlich davor, dass wir nicht wieder ins Gefängnis, unters Joch zurückkehren, so wie der Kanarienvogel in seinen Käfig. Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Der Trierer Bischof Hermann-Josef Spital hatte den 65-jährigen Priester Hermann Münzel bis auf Widerruf suspendiert. Der Geistliche hatte auf dem Hamburger Katholikentag gegen das Verbot der katholischen Bischöfe gemeinsam mit nichtkatholischen Amtsträgern das ökomenische Abendmahl gefeiert. Die Aufhebung der Suspendierung setzte voraus, dass Pfr. Münzel öffentlich glaubhaft machte, dass er sein Handeln bedauerte und eine Wiederholung ausschloss. Im August diesen Jahres hat Pfr. Münzel vor dem Priesterrat des Bistums Triers seine Handlungsweise bedauert und eine Wiederholung ausgeschlossen.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Wie schnell und wie leicht lassen wir uns wieder fangen. Wie schnell und leicht lassen wir uns wieder Angst machen, von all den Stimmen, die in uns und um uns herum sind. Und dann beginnt der alte Trott von vorne. Wir atmen wieder Gefängnisluft, mit aschgrauen und todernsten Gesichtern. Und niemand von uns verspürt noch Wärme in unserer Gesellschaft.

Sie merken, liebe Gemeinde, wie wichtig es ist eine klare und deutliche Stellung zu falschen Wegen unserer Mitmenschen zu beziehen. Nachdem man Jesus Christus begegnet ist, kann man keine falsche Meinung mehr über ihn haben. Wir können nur die Wahrheit tun, indem wir ihm nachfolgen oder auch lügen, indem wir ihn verneinen. Und weil ich an Jesus Christus glauben darf, kann und muss ich dieser Welt mit Liebe begegnen. Sicher werde ich oft von Zweifeln geplagt und deshalb kann und darf ich auch nicht nur halb glauben oder gar unterschiedliche Lebenswege gehen. Tue ich es doch, so darf ich mich nicht wundern, jeden Halt zu verlieren und nirgends anzukommen. Sicher, ich kann und muss die Grenzen falscher Gesetzlichkeit überschreiten, wenn ich Nachfolge leben will, so wie Jesus Christus das vorgelebt hat.

Manchmal ist es schon recht mühsam mit unserem Glauben zu leben. Doch, denke ich, dass es sich lohnt. Denn wenn wir das Geschenk unseres Glaubens annehmen und auch leben, dann werden wir auch echte Freiheit spüren können. Reformationstage erinnern mich immer wieder daran, dass dies so ist. Sie erinnern mich auch immer wieder daran, meinen Lebensweg genau und kritisch zu betrachten, ob ich noch in der Nachfolge Jesu bin. Oder muss ich mein Leben so verändern, dass Jesus Christus wieder das Fundament meines Glaubens wird.

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