Wieder finden, was verloren war

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen
Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

Wie finden wir die wieder, die wir verloren haben?

Haben Sie jemanden verloren? Eine Oma, die gestorben ist, einen Verwandten
oder Freund, der den Kontakt abgebrochen hat? Eine Freundin, die weggezogen
ist und die Freundschaft ist langsam eingeschlafen? Jemand mit dem Sie sich
gestritten haben – oder einfach jemand, den Sie aus den Augen verloren
haben.

Vielleicht wollen Sie die Person eigentlich nicht wiederfinden und sind ganz
zufrieden damit wie es ist. Vielleicht nagt da eine Sehnsucht: Ich würde mit
dieser Person gerne noch einmal reden.

Geht das überhaupt? Die wieder finden, die wir verloren haben?

Die verstorbene Oma werden wir in diesem Leben nicht mehr erreichen können
und viele andere auch nicht. Aber vielleicht gibt es noch jemanden, den wir
gerne wieder finden würden und wo es auch möglich ist.

Im Evangelium nach Lukas steht eine Geschichte von Jesus, der gekommen ist,
die Verlorenen zu suchen und zu retten. Sie zeigt uns, wie wir jemanden
wieder finden können, der uns verloren gegangen ist. Ich lese

Lukas 19,1-10

Jesus kam nach Jericho

und zog durch die Stadt.

2Und sieh doch:

Dort lebte ein Mann,

der Zachäus hieß.

Er war der oberste Zolleinnehmer

und sehr reich.

3Er wollte unbedingt sehen,

wer dieser Jesus war.

Aber er konnte es nicht,

denn er war klein

und die Volksmenge versperrte ihm die Sicht.

4Deshalb lief er voraus

und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum,

um Jesus sehen zu können –

denn dort musste er vorbeikommen.

5Als Jesus an die Stelle kam,

blickte er hoch

und sagte zu ihm:

»Zachäus, steig schnell herab.

Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.«

6Der stieg sofort vom Baum herab.

Voller Freude nahm er Jesus bei sich auf.

7Als die Leute das sahen,

ärgerten sie sich

und sagten zueinander:

»Er ist bei einem Mann eingekehrt,

der voller Schuld ist!«

8Aber Zachäus stand auf

und sagte zum Herrn:

»Herr, sieh doch:

Die Hälfte von meinem Besitz

werde ich den Armen geben.

Und wem ich zu viel abgenommen habe,

dem werde ich es vierfach zurückzahlen.«

9Da sagte Jesus zu ihm:

»Heute ist dieses Haus gerettet worden,

denn auch er ist ein Sohn Abrahams!

10Der Menschensohn ist gekommen,

um die Verlorenen zu suchen

und zu retten.«

Alles beginnt mit der Sehnsucht. Zachäus wollte unbedingt Jesus sehen. Dazu
tut er etwas Ungewöhnliches. Er ist reich. Er könnte seinen Diener schicken,
um Jesus einzuladen. Er könnte Jesus Geschenke bringen lassen. Statt dessen
steigt er auf einen Baum und riskiert, sich lächerlich zu machen. Können Sie
sich Bill Gates vorstellen, wie er auf einen Baum klettert?

Und es geht weiter, indem Jesus nach oben schaut und Zachäus anspricht. Was
für eine peinliche Situation für Zachäus. Jetzt hat auch der letzte auf der
Straße gemerkt, dass er der reiche Oberzöllner in einem Baum hockt. Woher
kennt Jesus eigentlich Zachäus Namen?

Hat er mit ihm gerechnet da oben? Und warum reagiert er nicht wie die
anderen, die sich wahrscheinlich kaputt gelacht haben?

Jesus sagt: „Steig schnell herab“, und lädt sich selbst bei Zachäus ein.
Jesus sieht Zachäus. Und Jesus macht, was er will. Es ist ihm egal, dass es
Geschwätz geben wird, weil er bei dem verachteten und gleichzeitig
beneideten Zöllner essen wird.

Und dann geschieht das, was in Jesu Umgebung dauernd passiert – ein Wunder!

Zachäus tut einfach, was Jesus sagt. Er fängt keine Verhandlungen über
Statusfragen an, sondern freut sich einfach. Und beim Essen wird das Wunder
perfekt. Zachäus erklärt sich bereit, das Doppelte von dem zurückzuzahlen,
wozu er nach jüdischem Recht verpflichtet wäre. Und er gibt die Hälfte
seines Besitzes den Armen – ganz freiwillig. Jesus hat Zachäus wieder
gefunden und wieder zu Gott zurück gebracht. Zachäus wurde gerettet. Dem
Volk Gottes wurde ein Verlorener hinzugefügt.

Jesu Sehnsucht wurde erfüllt. Ein Kind Abrahams ist wieder da wo er
hingehört, bei Gott. Die Sehnsucht des Zachäus wurde erfüllt. Er gehört
wieder zu Gott und zu seinem Volk. Er hat seine Schuld bereinigt. Happy End!
Naja bis auf die Leute, die sich darüber ärgern und sich damit selbst
außerhalb der Gemeinschaft mit Gott stellen. Hat Jesus einen gewonnen und
dafür viele verloren? Offensichtlich ist Jesus bereit für jeden einzelnen
alles zu riskieren.

Was sagt uns die Geschichte, wenn wir jemanden wieder finden wollen, den wir
verloren haben?

Es beginnt mit der Sehnsucht – auf beiden Seiten. Eine Seite reicht nicht.
Und beide müssen über ihren Schatten springen, wie Zachäus, der bereit ist,
sich lächerlich zu machen und Jesus, der bereit ist, den Ärger der anderen
zu riskieren.

Und es ist ein Wunder, wenn es klappt. Die Chancen stehen nicht so gut. Aber
Wunder gibt es immer wieder. Und sie sind das Risiko wert. Die Geschichte
von Jesus und Zachäus ist eine schöne Geschichte, eine bekannte Geschichte
auch weil da soviel Gutes passiert. Es wird gefeiert und getrunken und
gegessen und sich gefreut. Und es geschieht Erstaunliches.

Dafür könnte es sich lohnen, zu versuchen die Verlorenen wieder zu finden,
sich in der Familie wieder anzunähern. Vielleicht geschieht ja ein Wunder.
Vielleicht auch nicht. Manches kann man nicht mehr reparieren, und manche
Beziehungen sind unwiderruflich verloren. Und mit dem Schmerz müssen wir
leben. Bei einigem bleibt uns nichts anderes als das Verlorene zu betrauern
und zu beweinen.

Oder doch nicht? Gibt es vielleicht doch noch Hoffnung, jemanden zu
erreichen, der für immer verloren scheint? Ja sogar die verstorbene Oma?

Mit meinem verstorbenen Opa rede ich manchmal. Sicher kann ich seine Antwort
nicht mehr körperlich hören. Aber manchmal spüre ich sie tief innen.

Und dann freue ich mich und denke: Ich habe ihn nicht für immer verloren.
Eines Tages werde ich ihn wiedersehen dort draußen bei Gott. Und die
Verwandte, die den Kontakt abgebrochen hat auch und vielleicht werden dann
die Wunder geschehen, die uns hier auf dieser Welt versagt worden sind.

Bei Jesus ist vieles möglich, womit wir nicht rechnen können. Am Ende
unseres Predigttextes steht der Satz, der in mir eine unbändige Hoffnung
weckt: „Der Menschensohn ist gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu
retten.« Vielleicht gehören da auch meine verlorenen Beziehungen dazu. Und
möglicherweise ich selbst?

Gott sehnt sich nach allen Menschen – wie könnte es anders sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen
und Sinne in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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