Wie Rahel auf dem Weg nach Betlehem

Jedes Kind hätte Maria und Josef die Stelle am Weg nach Betlehem zeigen können, wo Rahel begraben liegt.
Von weither kamen die Leute hierher. Und jedes Kind hätte ihnen zugleich die Geschichte erzählen können, wie Rahel auf dem Weg nach Betlehem gestorben war, die Urmutter, die geliebte Frau von Vater Jakob. Hochschwanger war sie. Und so wie bei Maria jetzt hatten die Wehen auf dem Weg nach Betlehem eingesetzt. Aber Rahel schaffte es nicht bis in die Stadt und die Geburt war mühsam. Fürchte dich nicht, sprach die Hebamme, du wirst einen Sohn gebären. So geschah es. Am Wegrand hat sie ihr zweites Kind zur Welt gebracht und sie gab ihm noch einen Namen. Benjamin wurde er später genannt. Doch dann war sie gestorben, das Kind noch in den Armen. Viele hundert Jahre war das jetzt her. Aber in Israel hieß es immer noch: Rahel weint um ihre Kinder. Das war ein bißchen merkwürdig, denn schließlich war sie ja gestorben und das Kind überlebte, der kleine Benjamin. Aber die Israeliten hatten immer wieder erlebt, wie Soldaten durch das Land zogen und Wehrlose niedermetzelten, Klein und Groß. Und jedesmal erinnerten sie sich an die Frau und ihr Kind, die schutzlos am Wegesrand niederkam.

Und nun waren Maria und Josef hier unterwegs, so wie einst Rahel. Auch Maria trug ein Baby im Leib und es regte sich in ihr. Es drängte zur Welt und zwang sie, sich einen Platz zu suche, daß sie sich niederhocken und gebären konnte.
Aber die Leute fragen und Aufmerksamkeit auf sich ziehen, das konnten Maria und Josef am wenigsten gebrauchen. Sofort hätte es sich herumgesprochen, und es hätte die Soldaten schnurstracks auf die Spur des Paares mit der hochschwangeren Frau geführt. König Herodes hatte seine Augen und Ohren überall, witterte Verschwörung und Aufstände in dem unruhigen Land. Vor seinen Soldaten zitterten die Leute. Sicherer erschien es, abseits von Bethlehem und seinen überfüllten Herbergen zu bleiben.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Die kannten jeden Stein und jeden Pfad. Sie kannten die Felsspalten, in denen sie mit den Tieren rasteten. Sie wußten, wo Verfolgte und Aufständische unterschlüpfen konnten. Und sie kannten auch Felsspalten, die so verschwiegen lagen und abseits genug, daß eine Frau sich ausruhen und ihr Kind zur Welt bringen konnte.
Ob eine Hirtin Maria bei der Geburt half? Denn natürlich gab es Hirtinnen. Rahel, die Urmutter, war selbst eine von ihnen.
Und Maria gebar ihren erstes Kind, wickelte es in Windeln und legte es in eine Krippe, denn sie hatten keinen Raum in der Herberge.

Jesus, ein Flüchtlingskind, im Versteck einer Höhle geboren.
Diese Weihnachtsgeschichte klingt anders als die, die sich uns aus unzähligen Liedern und Bildern eingeprägt hat. Sie klingt wie die Geschichten der ungezählten Flüchtlingsfamilien, die mit kleinen Kindern unmherirren. Frauen, die bei jedem Geräusch zusammenzucken, ob marodierende Söldner ihnen etwas antun. Zerlumpte, verstörte Gesichter. Und doch winzige Karawanen der Hoffnung, die unterwegs sind auf der Suche nach Nahrung und Heimat, nach Liebe, Licht und Zukunft.

Wie es sich wirklich abgespielt hat vor 2000 Jahren? Die Wissenschaft ist sich sicher, auf keinen Fall war diese erste heilige Nacht so, wie es auf unseren Bildern zu sehen ist. Ochs, Esel, Wirt und Stall, Heu und Stroh, sie alle sind später in der Phantasie der Menschen dazugekommen. Vielleicht ist Jesus nicht einmal in Bethlehem geboren.
Eine Theorie lautet: Maria und Josef waren auf der Flucht vor König Herodes, die Hirt_nnen versteckten sie. Das Matthäusevangelium erzählt, wie die Soldaten dem Neugeborenen nachsetzen und ein Gemetzel unter Kleinkindern anrichteten. Die Familie schlug sich bei Nacht und Nebel aus dem Land und suchte in Ägypten Zuflucht.
Ein katholischer Pater aus Argentinien hat einmal aufgeschrieben, was er glaubt:
Ich glaube nicht an den Gott der Weihnachtsgeschäfte,
auch nicht an den Gott der prunkhaften Werbung.
Der Gott, an den ich glaube,
ist in einer Höhle zur Welt gekommen,
war Jude,
wurde von einem ausländischen König verfolgt
und zog wie ein Fremder in Palästina umher.
Er ließ sich begleiten von Leuten aus dem Volk,
er gab denen, die Hunger hatten, zu essen,
denen, die im Gefängnis saßen, Befreiung,
denen, die Gerechtigkeit verlangten, Frieden.
Der Gott, an den ich glaube, trug eine Krone aus Dornen
und einen Mantel, der wie aus Blut gewebt war.
Alle Tage stirbt er, gekreuzigt durch unseren Egoismus.
Alle Tage steht er wieder auf, durch unsere Liebe. [Frei Betto, gekürzt]

Das alles konnte Maria natürlich noch nicht wissen, als sie mit dickem Bauch über Betlehems Fluren stapfte. Aber daß es ein ungewöhnliches Kind werden würde, das hatte der Engel ihr angekündigt, neun Monate zuvor, und es meldete sich gerade an diesem ungewöhnlichen Ort, wo Rahel einst niederkam.
Fürchte dich nicht, du wirst einen Sohn bekommen, so hatte es die Hebamme hier vor hunderten von Jahren Rahel verkündigt. Damals wurde Benjamin geboren, das heißt übersetzt „Sohn des Glücks“.
Un nun lachten Engel diese Worte den Hirten zu, an derselben Stelle wie damals, und sogar wir können sie hören: Fürchtet euch nicht! Heute ist der Retter geboren.
Die Hirt_innen freuten sich und staunten über das Kind und Maria war glücklich und die Familie in Sicherheit, jedenfalls vorerst. Denn einen Retter, den konnten sie gut gebrauchen. Sie hatten nichts zu verlieren und alles zu gewinnen in diesem Land. Jesus ist geboren, und das heißt übersetzt: „Gott mit uns“.

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