Wie geht das eigentlich mit dem Glauben…? (Jahreslosung 2020)

Auf der Rückseite des aktuellen Gemeindebriefes ist die Jahreslosung zu sehen:

Herr, ich glaube. Hilf meinem Unglauben.

Ein spannungsgeladener Satz.

Ein zerrissener Mensch, der ihn spricht.

 

Woher kommt dieser Satz?

Was ist die Situation, in die hinein dieser Satz gesprochen wird?

 

In Mk 9 wird folgendes erzählt:

Ein verzweifelter Vater bringt seinen Sohn zu Jesus.

Sein Sohn kann von klein auf nicht sprechen und hat immer wieder Anfälle, bei denen er steif und starr wird, Schaum vor dem Mund hat, mit den Zähnen knirscht, auf den Boden geworfen wird, und dabei auch immer wieder entweder ins Wasser fällt oder in Feuer und der dabei in Lebensgefahr gerät.

Moderne Ausleger nennen diesen Sohn meistens einen Epileptiker, und die Beschreibung der Symptome mag auch vielleicht einigermaßen zu dieser Diagnose passen – aber nicht so recht zur dann erfolgten Therapie.

Der Vater selber sagt: Sein Sohn ist von einem Dämon besessen, einem bösen Geist, der die Kontrolle über ihn hat.

Er hat die Jünger von Jesus gebeten, diesen Dämon zu vertreiben, aber sie konnten es nicht. Darum wendet er sich jetzt direkt an Jesus:

„Wenn du etwas kannst, dann hilf uns und hab Erbarmen mit uns.“  „Was soll das heißen, `Wenn du etwas kannst´?“, fragte Jesus. „Alles ist möglich für den, der glaubt.“ Der Vater rief: „Ich glaube! Aber hilf meinem Unglauben!“ Als Jesus sah, dass die Menge der Zuschauer ständig größer wurde, bedrohte er den bösen Geist: „Du tauber und stummer Geist, ich befehle dir, fahre aus diesem Kind aus und kehre nie wieder zurück!“ Da schrie der Geist auf, packte den Jungen noch einmal, warf ihn hin und her und verließ ihn.

Und als in einem Nachgespräch seine Jünger fragen, warum sie hier gescheitert sind, da sagt Jesus: So einen Dämon kann man nur mit Beten austreiben.

 

Es geht also um den Glauben.

Und das erste, was wir hier sehen:

Glaube ist nichts statisches, nichts feststehendes, sondern etwas, was sich verändert.

Was größer oder kleiner werden kann, stärker oder schwächer.

Und das geschieht meistens nicht, wenn das Leben einfach so ruhig vor sich hin plätschert, sondern meistens eher in herausfordernden Situationen.

In Krisen.

Eine schwere Krankheit kann so eine Krise sein.

Wo dann auf einmal Fragen wach werden.

Was glaube ich eigentlich?

Funktioniert mein Glaube?

Und: Was macht es mit mir, wenn die Dinge ganz anders laufen, als ich mir das so vorstelle oder erhoffe oder erbete?

 

Und als zweites:

Was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von Glaube reden?

Unsicher vermuten? Fest vertrauen?

Was ist das Gegenteil von Glauben?

Wissen?

Unglaube?

Aberglaube?

Misstrauen?

Zweifel?

Gleichgültigkeit?

 

Schließen sich Glaube und Unglaube gegenseitig aus?

Schließen sich Zweifel und Glaube gegenseitig aus?

Oder gehören sie zusammen wie zwei Seiten einer Medaille?

 

Wenn es gläubige Christen gibt, gibt es dann auch ungläubige Christen?

 

Ist Glaube ein Willensakt, eine Entscheidung oder ein Geschenk, über das wir gar nicht verfügen können?

 

Wer sagt eigentlich, was ein schwacher und was ein starker Glaube ist, was richtiger und was falscher Glaube ist?

 

Was sagen denn die Sprachwissenschaftler dazu?

Das deutsche Wort „Glaube“, mittelhochdeutsch „geloube“ hat die indogermanische Wurzel „lub“ und das hat die Bedeutung:

Begehren, lieb haben, für lieb erklären, gutheißen oder loben.

Glaube hat also nichts mit Wissen zu tun sondern mit einer Beziehung.

Im auf Griechisch verfassten NT steht pistis / pisteuein – das bedeutet wörtlich:

Treue, Vertrauen bzw. treu sein, vertrauen, sich verlassen auf, sich binden an.

Also auch hier nix mit „für wahr halten“ sondern: Sich an etwas binden.

In lateinischen Bibeln steht für glauben das Verb credere, das bedeutet wörtlich: Sein Herz auf etwas setzen.

Etwas eventuell für wahr halten heißt auf Lateinisch übrigens putare.

Und auf Hebräisch, der Sprache des AT und der Sprache von Jesus steht für Glaube das Wort Aman: Sich an etwas festmachen.

 

Hilfreich ist vielleicht auch ein Blick in die Theologie:

In der systematischen Theologie werden drei unterschiedliche Glaubensbegriffe unterschieden:

Notitia (Kenntnis), Assensus (Anerkenntnis) und Fiducia (Vertrauen).

Notitia heißt: Ja, ich halte es für wahr, dass es einen Gott gibt.

Assensus heißt: Ja, ich halte es auch für wahr, was in der Bibel über Gott gesagt wird.

Und Fiducia heißt: Ja, ich halte mich daran und lebe so, dass diese Wahrheit in meinem Leben die Grundlage ist und sich mein Leben danach ausrichtet.

 

Es dürfte inzwischen hinreichend klar sein:

Der Glaube, von dem der verzweifelte Vater redet, das ist kein „für wahr halten“ oder so etwas.

Es geht um „sich an etwas festmachen“, es geht um Fiducia.

 

Und er macht die Erfahrung:

Dieser Glaube ist immer umkämpft.

Niemand „hat“ Glauben.

Genauso, wie man kein Vertrauen „hat“, sondern sich immer wieder neu entscheiden muss, Vertrauen zu schenken.

Glaube ist keine Leistung, sondern immer wieder ein Wagnis.

Darum gehört auch der Zweifel immer wieder zum Glauben dazu.

 

Das ist blöd.

Wir hätten es gerne einfacher.

Ja – Nein.

Schwarz – Weiß.

Eindeutig gut – eindeutig schlecht.

Eindeutig richtig – eindeutig falsch.

 

In seinem Gleichnis vom Unkraut und dem Weizen sagt Jesus:

Diese Eindeutigkeit gibt es in der wirklichen Welt nicht.

Die gibt es nur bei Populisten, die den Leuten weißmachen wollen, dass es doch ganz einfache Antworten und ganz einfache Unterscheidungen gibt.

 

Das gibt es aber in der wirklichen Welt nicht.

Das ist vielleicht schade, aber es ist nicht zu ändern.

In der wirklichen Welt gibt es Glaube und Verzweiflung, da gibt es wilde Entschlossenheit und dann zu wenig Mut, es umzusetzen.

 

Das sehen wir an diesem verzweifelten Vater.

Was tut er?

Er kommt zu Jesus – er bleibt also nicht auf Abstand.

Er spricht mit Jesus – über seine Hoffnung und über seine Verzweiflung.

Über seine Entscheidung und über seine Schwäche.

Über sein Vertrauen und über seine Hilflosigkeit.

 

Er ist ehrlich.

Er macht sich nichts vor und er macht Jesus nichts vor.

Er trifft die Entscheidung: Ja, ich gehe von der Hoffnung und von der Erwartung aus, dass Gott, dass Jesus Krankheiten heilen kann und will.

Und er handelt jetzt auf der Grundlage dieser Entscheidung.

Er macht ein Glaubenswagnis und er macht eine Erfahrung.

 

Sein Glaube ist ganz klein und schwach und unsicher und umkämpft und voller Zweifel.

Aber das macht nichts.

Denn der Glaube von Jesus ist felsenfest und stark und unterschütterlich.

Und darauf kommt es an.

Wir brauchen keinen großen Glauben.

Sondern wir brauchen einen Glauben an einen großen Gott.

 

Glaube entsteht nicht und wächst nicht, indem ich nachdenke oder viele schlaue Bücher lese.

Sondern Glaube entsteht und wächst, indem ich etwas ausprobiere.

Indem ich mich dafür entscheide, Jesus zu vertrauen, indem ich mich entscheide, mich an ihn zu binden, indem ich mich entscheide, ernst zu nehmen, was er sagt und mein Leben danach auszurichten – und indem ich dann Erfahrungen mache.

 

„Blinder Glaube“ ist also totaler Quatsch – auch wenn viele immer wieder davon reden.

Jesus lädt im Gegenteil zu einem Experiment ein – nein: Immer wieder neu zu immer wieder neuen Experimenten.

Und dann wird man sehen, was passiert.

Und das muss auch nicht gleich so was Großes wie eine Krankenheilung sein.

Es kann auch etwas ganz kleines sein.

Zum Beispiel: Freundlich auf jemanden zugehen, der mich schlecht behandelt hat, und ihm eine Freude machen.

Aber es geht immer um das Gleiche:

Ausprobieren, mit Jesus in Berührung kommen, in den Austausch kommen, Erfahrungen machen.

 

Dietrich Bonhoffer – der den Text des Liedes geschrieben hat, das wir als nächstes Singen – der war auch auf dieser Spur unterwegs.

Sein wichtigstes Buch heißt: Nachfolge.

Darin hat er darüber nachgedacht und geschrieben, was es eigentlich heißt, ein Christ zu sein.

Nämlich: Einer, der Jesus nachfolgt.

Im Alltag.

Indem er hört, was Jesus sagt, indem er schaut, was Jesus getan hat – und der dann ernsthaft versucht, das in seinem Leben genauso zu tun.

Und wer so Jesus nachfolgt, der wird Erfahrungen machen.

Dietrich Bonhoeffer hat dann zum Beispiel die Erfahrung gemacht, als er nach 1 ½ Jahren Einzelhaft in den Folterkeller der GeStaPo verlegt worden ist:

Ich bin gehalten.

Ich bin getröstet.

Ich habe Frieden.

Ich bin von guten Mächten wunderbar geborgen.

 

Wenn wir uns mit den verzweifelten Vater und mit Dietrich Bonhoeffer im kommenden Jahr auf den gleichen Weg machen, denn könnte das ein sehr gutes Jahr 2020 für uns werden.

Amen.

 

Und der Friede Gottes…

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