Wie eine Brücke über brodelnden Wassern (Ps 139,5.9f)

Ps 139,5.9f
[5] Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir. [ … ] [9] Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, [10] so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.

[Suizid einer 16jährigen]

Liebe Familie N.N., und alle, die um N.N. trauern,

für Sie ist mehr geschehen, als dass Berge in die Tiefe des Meeres gestürzt wären. Für Sie ist Schlimmeres geschehen, als dass die Erde ins Wanken geraten wäre: N.N. ist von ihnen gegangen! Ein Stück von jedem von Ihnen ist mit N.N. gegangen. Wir können nur ahnen, was Sie seit letztem Mittwoch erlebt und durchlitten haben. Verlassenheit schließt uns ein, Trauer hält uns gefangen. Es gibt keine Heimkehr in alte Welten. Ins Nichts greift die enttäuschte Hand. N.N. ist von uns gegangen! Wie konnte das geschehen? Wir wünschen, wir hätten aufhalten können, was geschehen ist. Wir sind betroffen, wir fragen und suchen: Wieso? Wir können nicht fassen, dass für N.N. die Angst vor dem Leben größer geworden ist, als die Angst vor dem Tod. Die Welt ist nicht mehr dieselbe, wie vor einer Woche war; sie ist ärmer geworden. Besonders für alle, die N.N. gekannt haben, hat sich die Welt verändert – und für Sie, liebe Familie N.N., wird es nie wieder so sein wie vorher. Von einem Augenblick zum anderen ist ihre Welt eine andere geworden. Jetzt sehen Sie diese Welt mit anderen Augen, mit Gedanken, die nicht mehr vorwärts denken können, sondern unablässig festhalten an N.N. Wir alle versuchen N.N.s Gedanken nachzuspüren. Es wird aber immer ein Rätsel bleiben, was in ihr vorging. Ihre Wahrnehmung von dieser Welt war eine andere, die die meisten von uns nie begreifen werden. Dennoch wollen wir ihr, besonders in dieser Stunde versuchen nahe zu sein, indem wir ganz fest an sie denken. Wir wollen und können dabei nichts erklären oder erforschen. Wir wollen aber darauf hoffen, dass N.N. tief in ihrem Herzen eine stille Freude trug, eine Sehnsucht und eine Hoffnung, die außerhalb von diesem Erdenleben lag. Diese Sehnsucht, dass es ein besseres Sein geben werde, tragen wir alle in uns. Vielleicht war sie bei N.N. besonders stark. Sören Kierkegaard sagte einmal: Hoffen heißt: die Möglichkeit des Guten erwarten; die Möglichkeit des Guten ist das Ewige.

N.N.s Leben hier ist zerbrochen an der Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, die uns rau ins Gesicht weht. Unser Erdenleben hier ist zu hart für Himmelskinder. Und es gibt diese Himmelskinder mitten unter uns. N.N. war eines von ihnen unter uns und sie bleibt ein Himmelskind für immer und ewig. Sie legte selbst Hand an sich, aber niemand weiß, wie sehr sie selber beteiligt war. N.N., eure Schwester, Ihre Tochter, Eure Mitschülerin und Freundin war ein wenig anders als andere Erdenkinder. Sie kam am XX:XX:XX in diese Welt, an diesen schwierigen Ort, mit etwas anderem Handgepäck, als wir es mit bekommen haben. Ihre Wahrnehmung war besonders empfindsam, gerade die Wahrnehmung von Worten, die an sie gerichtet waren. Ihr hattet eine Tochter, eine Schwester, eine Freundin, die ist uns anderen Erdenkindern voraus gegangen. Sie ging über diese Erde und sie hat etwas bewegt. Sie hat etwas hier gelassen von ihrer Herzlichkeit, etwas von ihrem Sanftmut, von ihrer Enttäuschung, etwas von sich. Es gab für sie vielleicht keine andere Möglichkeit als hinüber zu gehen, weil das Leben für sie hier zu eng war. Es war vielleicht auch leicht, weil sie so viel hier gelassen hat für uns, die wir eines Tages auch Himmelskinder sein werden. Wir vergessen so leicht, dass einmal das letzte Schiff abfährt und dass dann alle Passagiere ihr Gepäck hier zurück lassen müssen. Dann ist es für diese Himmelskinder am leichtesten, denn sie besitzen nur ein Herz voll Kummer und Freude. Und die Freude ist so schön und der Kummer ist so schwer. Wenn wir an N.N. denken, dann können wir ihre Gefühle am ehesten nachfühlen in dem Himmelskind, dem kleinen Prinzen von Saint – Exupéry. Der kleine Prinz spricht: „Ich werde heute nach Hause zurück kehren. Das ist sehr weit.“ Es schien mir, als stürzte er senkrecht in einen Abgrund, ohne dass ich imstande war, ihn zurück zu halten. Es war wie ein böser Traum. „Ich werde heute Abend sehr viel Angst haben. Diese Nacht .. weißt du… komm nicht! Es wird so aussehen, als stürbe ich. Es wird dir Schmerz bereiten. Es wird aussehen, als wäre ich tot … und das wird nicht wahr sein. Verstehst du, es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da nicht mit nehmen Er ist zu schwer. Er wird da liegen wie eine verlassene Hülle.“ Es lief mir eisig über den Rücken bei dem Gefühl des Unabwendbaren. Dieses Lachen nie mehr zu hören – ich begriff, dass ich den Gedanken nicht ertrug. Dann sagte er: „Wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.“

Vielleicht erscheint es Ihnen so, als hätte N.N. einen Teil Ihres Lebens, liebe Angehörige, mit fort genommen. Sie haben zu N.N. gehört. Sie haben ihr ein Zuhause gegeben. Sie, die Eltern und auch Sandra und Thomas, Sie haben N.N. ihr ganzes Leben hindurch begleitet; beinahe 17 Jahre standen sie ihr zur Seite. Wo war aber Gott, als N.N. ihn besonders brauchte, als ihr Lebenswille und die Energie zum Leben schwand? Gott ist mit N.N. durch die Tiefe des Todes gegangen! Er hat er sie auf seinen Händen über die schmale Brücke getragen. Wir vertrauen darauf, dass es so war und dass N.N. jetzt dort ist, wo es keine Angst, keine Hoffnungslosigkeit und keine Verzweiflung gibt. „Ich werde heute nach Hause zurück kehren – das ist sehr weit“. Vielleicht war auch das N.N.s Empfinden.

„Wie eine Brücke über brodelnden Wassern wird Gott immer für dich da sein“, heißt es in einem Gedicht. Seit etwa zwei Jahren war für N.N. die „Brücke über den brodelnden Wassern“ sehr schmal und vielleicht hat N.N. den Abgrund schon mehrmals vor sich gesehen. Ihre Schulzeit erlebte sie manchmal als dornenreich. Manchmal musste N.N. Umwege gehen, um Kraft für den nächsten Schritt zu sammeln. Immer war sie auf die Nähe und Zuwendung lieber Menschen besonders angewiesen. Doch ihre Persönlichkeit, war sie nicht auch gereift durch all die Hindernisse, die sie überwinden musste? Sie hinterfragte Dinge und weigerte sich auch etwas auszuführen, was nicht ihrer Überzeugung entsprach.

Ja, ich denke, N.N. hat bewusster gelebt, als viele von uns, weil sie um die Zerbrechlichkeit des Lebens wusste. Sie hat jedem Tag ein eigenes Gewicht verliehen. N.N. war immer auf der Suche nach einem Halt, der das Zerbrechliche in ihrem Leben manchmal nebensächlicher erscheinen ließ. Doch schien es für sie, als gebe es keinen Grund mehr, für den zu leben sich lohnte. Der Weg auf der Brücke dieses Lebens ist für N.N. viel zu früh abgebrochen, aber er ist nicht zu Ende, wie wir jetzt vielleicht meinen könnten.

„Wenn du am Ende bist,
wenn der Abend sich schwer herabsenkt,
wenn es dunkel wird und Trauer dich erfüllt, dann wird Gott bei dir sein.
Wie eine Brücke über brodelnden Wassern
wird Gott immer für dich da sein.“

N.N. hat das Lebendige geliebt. Mit besonderer Hingabe hat sie sich um ihr Kaninchen gekümmert; ihre Umwelt nahm sie intensiv wahr; gerne hat sie phantasievoll gemalt und gezeichnet. In ihr steckte viel Kreativität und ein Empfinden für Ästhetik. Ihre Bilder werden jetzt für Sie, liebe Familie N.N. besonders wertvoll sein, denn sie stellen eine Verbindung zu N.N. her. N.N. empfand Sterben als Erlösung. Sie erwartete eine neue Möglichkeit, dort, wo unser widersprüchliches, menschliches Dasein zu Ende ist. Diese Erwartung ist eine zutiefst christliche Erwartung, ja wir sind überzeugt davon, dass es eine Wirklichkeit hinter dieser Wirklichkeit hier gibt, eine Wirklichkeit, in der es keinen Raum gibt für Leid, Schmerz und Kummer. Diese Botschaft hinterlässt uns ihr Tod. Das kann die letzte Nachricht sein, die N.N. an uns richten wollte. An uns, die wir hier sind, weil wir glauben, dass mit diesem Tod nicht alles zu Ende ist. Gott will unsere Welt, unser Leben nicht so, dass Menschen keinen Ausweg mehr sehen. Gott will eine Welt, eine Wirklichkeit, in der jeder Mensch bei den anderen Glück findet und leben kann. Und N.N. hat viel, sehr viel dafür gegeben.

Wer sich abfindet mit der Welt und ihrer Wirklichkeit, wie sie ist, lebensverachtend und todbringend, der gibt auch die Hoffnung auf und den Glauben an Gott, der anderes für uns Menschen will. N.N. hat an dieser Wirklichkeit gelitten. Bei ihr war das Gespür dafür noch vorhanden, dass es anders sein kann, anders sein muss. Das kann zur Ausweglosigkeit führen, gerade wenn sie nirgendwo sehen konnte, dass andere mit ihr darunter leiden und im Vertrauen auf eine bessere Wirklichkeit leben und arbeiten. Heilsame Einsichten und Erkenntnis, wir brauchen sie so dringend für uns und alle, die stumm in unserer Mitte an dem Leben leiden, wie es ist und wie wir, die wir noch nicht stumm geworden sind, dieses Leben so zulassen. Der Gott, davon bin ich zutiefst überzeugt, der seine Zusage und sein Versprechen auch dann hält, wenn ein Mensch in seiner Ausweglosigkeit Hand an sich selbst legt, dieser Gott gibt uns das Recht, in N.N.s Tod diesen Sinn zu sehen, dass sie uns lehrt, zu bitten: Lehre uns heilsame Einsicht und Erkenntnis. Lehre uns das um unserer selbst willen und um all der anderen Menschen willen, die sonst wie N.N. an dieser heillosen Wirklichkeit zerbrechen. Lehre uns besonders auf die zu horchen und denen Gemeinschaft zu gewähren, die ihren Kummer verbergen. Jeder von Ihnen hat andere Begegnungen mit N.N. gehabt, Sie haben ihr Leben alle irgendwie mitgeprägt und sie hat einen Einfluss auf Ihr, auf euer Leben gehabt. Sie wissen zu schätzen, was sie Ihnen und Euch bedeutet. Gerade in den letzten Tagen sind Ihnen diese Begegnungen nochmal anders durch den Sinn gegangen. Sie sind wertvoller geworden. Lasst uns in der Stille all der Begegnungen gedenken, die für Sie wichtig geworden sind; der Augenblicke und Begebenheiten, die Sie für Ihr Leben bewahren wollen, über alles Sterben und alle Trauer hinweg. Die Flötenmusik wird unser Nachdenken leiten …

[STILLE]

Die Begegnungen mit N.N., wie immer sie auch gewesen sein mögen, haben einen Teil von Ihrem Leben, ausgemacht. Es ist ihr Leben gewesen mit Ihnen: als Schwester, als Tochter, als Enkelkind, als Mitschülerin, als Freundin , die einander wichtig waren.

All die Hoffnungen, die gemeinsame Zeit, das gemeinsame Tragen und Getragenwerden kam am frühen Mittwoch Morgen zu einem unerwarteten Ende. Wir wollen und können nur hoffen, dass Gott, sie getragen hat, getragen zurück zu den Wasserquellen in seine ewige Geborgenheit, wo es keinen Schmerz und keine Verlassenheit gibt. Ihnen bleibt die Erinnerung an eine zunächst unbeschwerte und fröhliche Kinderzeit, die N.N. in ihrer Familie erleben durfte. Gerne erinnern sie sich an intensive Spiele. Beim Versteckspiel versteckte sie sich manchmal so gut, dass sie einschlief, bevor die anderen sie entdeckten. N.N. konnte Geborgenheit und Angenommensein erfahren, aber sie erlebte auch die Kälte des Lebens. sie konnte ihren Schmerz nicht unter dem Felsgestein der Vergessenheit begraben. Sie fühlte Zorn, den sie nicht beweinen konnte und der ihr zur Fessel wurde. N.N. zerbrach an den Widersprüchen dieses Lebens. Ausweglosigkeit hämmerte wie eine nicht gestillte Sehnsucht gegen verschlossene Türen und Traurigkeit haftete an jedem Schritt. Wir mussten geschehen lassen, was geschehen musste. Es bleibt nur noch zu sagen:

„Ziehe dahin, mein Kind,
deine Zeit ist gekommen.
Alle deine Träume werden wach,
sieh, wie sie strahlen!
Wie eine Brücke über brodelnden Wassern
wird Gott immer für dich da sein“.

N.N. wusste, dass ihr Leben an einem seidenen Faden hing; sie hat ihr Leben sehr bewusst gestaltet und sie hat auch ihr Sterben bedacht. Sie hat den Zeitpunkt ihres Sterbens selbst bestimmt.

N.N. war nach unserem Ermessen nur ein halbes Leben hier auf Erden. „Wie eine Brücke über brodelnden Wassern wird Gott immer für dich da sein“. Das ist unsere Hoffnung für N.N., deren Leben hier zu früh zu Ende war, dass Gott ihr ein Begleiter sein wird, auf ihrem Weg in eine andere, in eine himmlische Welt. Alles, was wir von diesem Himmel wissen, ist aus dieser Welt genommen: der Himmel wird sein, wenn es keine Tränen mehr gibt, keine Verlassenheit und keine Schmerzen. Der Himmel, der mit N.N. die Erde berührt hat, hat eine eigene Würde, weil er ein Übergang ist und unser kleines menschliches Leben wie eine Aussaat der Sterne, geworfen ins Unendliche. Wenn der Himmel die Erde berührt und die Schwingen der Ewigkeit unsere Zeit streifen, wird uns bewusst, dass das gemeinsam Erlebte nur Erinnerung ist. „Weil ich lebe, werdet ihr auch leben“. Dies sind Worte Jesu, Worte des Vertrauens gegen die Angst, Worte der Zuversicht gegen den Tod, Worte der Hoffnung auf ein ewiges Leben. Wer liebt, kann nicht davon ausgehen, etwas so unendlich Kostbares wie ein Menschenleben könnte hervorgebracht sein, nur um es wieder zurück zu nehmen. Wir bezeichnen Gott als unseren himmlischen Vater; doch wir könnten Gott niemals den Grund unseres Lebens nennen, hätte er uns nicht mit dem Willen und der Konsequenz der Ewigkeit hervorgebracht. Jenseits unseres Horizonts warten die Inseln unserer Hoffnung, die Orte der ewigen Erfüllung, die Begegnung einer nicht endenden Liebe. Gott hat auch gesagt: „Auf Erden schon dürften wir leben und einander lieben in seinem Geist; aber er selber, der ihn uns schenkte, wäre lebendig für immer und auch wir würden leben für immer, wir würden uns wieder sehen.“

Ich wünsche Ihnen, dass der zarte Keim der Hoffnung eines Tages die harte Kruste der Trauerschwere zu durchbrechen vermag. Ich wünsche Ihnen, dass Sie zum Leben befreit werden in dem Wissen, dass N.N. uns voraus gegangen ist. Die Erinnerung ist eine Brücke zwischen uns und ihr … und Gott ist wie die Brücke, die uns zusammen führen wird.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen