Werdet freie Christenmenschen (1.Kor 3,21-23)

1.Kor 3,21-23
[21] Darum rühme sich niemand eines Menschen; denn alles ist euer: [22] Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles ist euer, [23] ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

mögt ihr eigentlich Festansprachen? Ich kenne keinen, der Festansprachen so richtig mag. Und deshalb möchte ich auch heute anlässlich euerer Konfirmation keine Festansprache mit biblischem Motto halten, sondern euch das Beste geben, was ich euch als Pfarrer zu bieten habe: Eine evangelische Predigt.

Eine evangelische Predigt beginnt und endet mit dem Evangelium, mit der frohen Botschaft. Eine evangelische Predigt handelt von der Freiheit eines Christenmenschen.

Als solche seid ihr heute an euerem Konfirmationstag angesprochen: Als freie Christenmenschen. Euch freien Christenmenschen hat Paulus heute nicht weniger zu sagen als das: Alles ist euer. Alles steht euch offen: Himmel und Erde, Gegenwart und Zukunft, das ganze satte Leben. Es gehört euch, damit ihr euch richtig daran freut und das Beste daraus macht.

Was man aus Freiheit, aus freien Stücken macht, das macht man gern. Ein Spielchen machen, Musik hören, was Feines essen, jemanden lieb haben zum Beispiel. Aber auch etwas mit den eigenen Händen arbeiten und schaffen, gehört dazu. Etwas lernen, Durchblick gewinnen, Fähigkeiten entwickeln, das kann richtig Spaß machen. Genauso wie ausruhen und einmal faul rumliegen mit dem Gesicht in der Sonne. Alles ist euer. Ihr habt die Freiheit dazu.

Lasst euch diese Freiheit nicht nehmen. Auch nicht auf die christliche Tour. Von Leuten, die aus Gott den Knecht Ruprecht mit dem großen schwarzen Sack machen, in den die kommen, die nicht hören wollen. Wenn man euch mit Gott droht, damit ihr so werdet, wie andere wollen, dann hört genau hin. Geht es hier um Gottes Willen, oder wird hier Gott benutzt um den Willen von Menschen durchzusetzen. Leider gibt es viele, die das nicht auseinanderhalten können. Deshalb schärft der Apostel Paulus ein paar Zeilen weiter ein: Werdet nicht der Menschen Knechte (1.Kor 7,23).

Auch die anderen Menschen fallen nämlich unter die Freiheit eines Christenmenschen. Alles ist euer, es sei Paulus oder Apollos oder Petrus. Das waren damals sehr bekannte und sehr wichtige Leute. Aber sie sind auch nur Menschen, wie alle bekannten und wichtigen Leute. Ihr habt die Freiheit ihren Rat, ihre Gemeinschaft und ihre Hilfe zu suchen.

Damals in Korinth war das nicht so einfach. Jeder von den wichtigen Leuten wie Paulus, Apollos und Petrus hatte seine Anhänger, die auf ihren Führer schworen. Unser Chef hat recht und sonst keiner. Wer zu einem anderen ging, wechselte die Fronten und hatte mit Konsequenzen aus der eigenen Fraktion zu rechnen. Schief angeschaut zu werden ist ja manchmal auch schon schlimm genug.

Leider ist das in der Kirche oft auch so. Und in der großen weiten Welt gibt es so viele Religionen und Konfessionen, dass man sie gar nicht zählen, geschweige denn alle verstehen kann.

Aber das soll euch nicht hindern, das Wort und die Gegenwart Gottes in viele Richtungen zu suchen, vieles zu sehen und zu prüfen, um dann das Gute zu behalten (1.Thes. 5,28). So hat es Paulus selbst gemacht. Und so sollt ihr es als freie Christenmenschen auch machen. Bildet euch euere eigene Meinung. Werdet Menschen, die selber denken und selber glauben. Nur so werdet ihr freie Menschen werden und bleiben. Und für die sind alle Menschen Geschwister, und alle Geschwister Menschen, wie prominent, wichtig und mächtig sie auch sein mögen. Einer ist euer Meister, hat Jesus seinen Jüngern gesagt. ( Mt. 23,8)

Und weil Paulus ein Apostel unseres Herrn Jesus Christus ist, sagt er genau das gleiche: Alles ist euer, ihr aber gehört Christus. Alles steht euch offen, ihr aber gehört zu Christus.

Aha, werdet ihr denken, jetzt kommt doch noch der Haken an der großen Freiheit eines Christenmenschen. Falsch gedacht! Jetzt kommt das Fundament auf dem die große Freiheit eines Christenmenschen steht! Für jede Freiheit, die der Mensch hat, braucht er ein Standbein. Man kann ein Spielbein nur haben, wenn man auch ein Standbein hat. Wer mit beiden Beinen gleichzeitig spielt fällt auf die Schnauze.

Nehmt zum Beispiel einen Sklaven. Ein Sklave hat keine Freiheit. Er bekommt in allen Dingen seines Lebens gesagt, was er zu tun und zu lassen hat. Warum soll er darüber nachdenken, was er mit seinem Leben anfangen will und aus welchem Grund. Er braucht sich über den Grund, über das Fundament seines Lebens nicht den Kopf zerbrechen. Das besorgen schon andere für ihn. Wer kein Spielbein hat, braucht auch kein Standbein.

Vor 25 Jahren, als ich in euerem Alter war, kam ich mir manchmal wie ein Sklave vor. Ich bin ziemlich christlich und streng erzogen worden. Tu das nicht und mach das nicht und um 10 bist du Zuhause. Und wenn ich heimkam, dann wurde ich gefragt: Wo warst du und mit wem, und was habt ihr gemacht? Diese ganze kleinbürgerliche und christliche Moral stand mir bis hier! Ich wollte nur raus, endlich frei sein. Später haben meine Eltern nachdenklich gesagt: Wir wollten dir das Evangelium nahe bringen, aber was bei dir ankam, das war nur das Gesetz und die Verbote.

Später habe ich meine Eltern ganz anders erlebt. Sie haben sich das Rumnörgeln abgewöhnt. Sie haben mir Freiheit gelassen. Auch die Freiheit Fehler zu machen und auf die Schnauze zu fallen. Und genau dann habe ich gemerkt, dass ich über mein Leben nachdenken muss, dass ich jemand brauche, mit dem ich reden kann. Dass ich wieder Grund unter meinen Füßen, dass ich mein Standbein wieder finden muss. Manchmal gehe ich mit meinem Vater spazieren und erzähle ihm von mir und er erzählt mir, was er in einer vergleichbaren Situation gemacht hat, oder was er an meiner Stelle tun würde. Und das hilft mir, meinen eigenen Weg wieder zu finden, meinen Grund, mein Fundament. Deshalb kann ich heute sagen: Seht, hier sind meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde und Bekannten, die mir helfen ein freier Mensch zu sein und zu bleiben.

Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, wachst heute ganz anders auf, als ich. Ihr habt Freiheiten, von denen ich damals nur träumen konnte. Manche von euch können gehen, wann sie wollen; kommen, wann sie wollen; essen, wann sie wollen; machen, was sie wollen; sich kaufen, was sie wollen. Zwang, Bevormundung und Vorschriften sind heute megaout. Toleranz ist angesagt. „Wir und der liebe Gott lieben dich, egal ob du dich anstrengst, was lernst, was aus deinen Gaben machst oder dich wie die Wildsau aufführst.“ Ist doch prima! Wo kommt dann nur die Lustlosigkeit, die Traurigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Wut her, die ich manchmal in eueren Gesichtern sehe?

Kann es sein, dass hier große Wahrheiten am falschen Ort verramscht werden, um die eigene Hilflosigkeit und Untätigkeit zu verschleiern? Kann es sein, dass euere Eltern einmal sagen müssen: Wir wollten euch Toleranz und Freiheit nahebringennahe bringen, aber was bei euch ankam, das war, dass alles gleich – gültig, alles wertlos, alles scheißegal ist? Was ihr macht, was ihr werdet, was ihr seid, scheißegal. Ob ihr konfirmiert seid oder nicht, scheißegal.

Mit solchen Gedanken im Kopf werden Menschen sogar freiwillig Sklaven. Zum Beispiel Sklaven, die für Geld machen, was andere von ihnen wollen. Für Geld wäre die heutige Konfirmation für euch ein Schritt in die Sklaverei und nicht ein Schritt in die Freiheit eines Christenmenschen. Das Geld, dass ihr heute entgegennehmt, ist hoffentlich geschenkt und nicht die Bezahlung für treudoofe Dienste.

Treudoofe Sklaven anderer Menschen, dass wollt ihr doch nicht sein. Das ist unter euerer Würde. Und vielleicht versteht ihr, dass ich an dem Punkt manchmal ganz schön wütend werde. Nicht weil es mir um die Würde der Kirche, des Gottesdienstes oder euerer Konfirmation geht. Sondern weil es um euere Würde geht. Die ist Gott nicht scheißegal. Das habe ich euch zu predigen.

Hier in der Kirche, hier bei euerer Konfirmation gilt: Ihr seid freie Christenmenschen, alles ist euer, ihr aber gehört zu Christus. Und weil ihr Christus, weil ihr Gott gehört, seid ihr nicht käuflich, sondern unverkäuflich. Und ihr seid heute eingeladen, euere Freiheit ganz bewusst auf dieses Fundament zu stellen. Bei der Taufe hat Gott euch versprochen, das Fundament und der Garant euerer Freiheit und Menschenwürde zu sein. Heute fragt er euch nach euerer Zustimmung.

Mir ist das damals zu meiner Konfirmation nicht leicht gefallen. Zu sehr musste ich an all das denken, was davon von meinen Eltern bei mir ankam: Gebote und Verbote. Erst später habe ich begriffen, dass der Kirchturm kein erhobener Zeigefinger, Gott kein Nörgler und die Gemeinde keine Versammlung von besonders verklemmten Menschen ist. Kirche ist die Versammlung von Menschen, die ihre Freiheit auf ein festes Fundament stellen.

Und deshalb kann ich nicht nur mit meinem leiblichen Vater, sondern auch mit meinem Herrn Jesus Christus reden; und sein Wort sagt mir, was er in einer vergleichbaren Situation gemacht hat, oder was er an meiner Stelle tun würde. Und deshalb kann ich sagen: Seht, hier ist mein Gott, der mir hilft ein freier Mensch zu werden und zu bleiben. Damit ich meinen ganz eigenen Weg finden kann.

Jeder von euch muss seinen ganz eigenen Weg finden. Das nimmt Gott euch nicht ab. Aber er begleitet euch auf euerem Lebensweg, wie ein guter Vater, der euch liebt. Seiner Liebe ist nicht gleichgültig, nicht scheißegal, was ihr seid, was ihr werdet, was ihr macht. Er möchte, dass euere guten Gaben und Fähigkeiten frei zur Entfaltung kommen und ihr darüber glücklich und zufrieden werdet.

Darum prüft alles, und das Gute behaltet. Werdet freie Christenmenschen, die ihren eigenen Weg finden und gehen, die selbst denken und glauben. Und lasst Jesus Christus das Fundament euerer Freiheit sein. Und seinen und unseren himmlischen Vater, der euch liebt ohne Bedingung. Hier ist es an der richtigen Stelle gesagt. Nicht als freche und laue Entschuldigung für euere Schwächen, sondern als Begründung für eueren aufrechten Gang. Denn alles ist euer, ihr aber gehört Christus.

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