Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? (Röm 8,34-39)

Röm 8,34-39
[34] Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. [35] Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? [36] Wie geschrieben steht (Psalm 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« [37] Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. [38] Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, [39] weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

[k.A.]

Liebe Frau N.N., liebe Angehörigen, werte Trauergemeinde,

und von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr wie es war. Innerhalb weniger Tage und Stunden kann sich das Ende abzeichnen und kann eintreten, was wir ganz allgemein als Abschied benennen. Von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr wie es war. Diesen Satz kann man denken und kann man getrost aussprechen, wenn man das Ende unseres Verstorbenen bedenkt. N.N. hat zu Ihnen gehört, er ist eine weite Strecke Ihres Lebens mit Ihnen gegangen und hat sicherlich auch Ihr Leben mit geprägt. Sein Leben hat überwiegend auf der Schattenseite stattgefunden und dieses Leben, das am 13. Juli zu Ende gegangen ist, war alles andere als leicht, denn es hatte mit vielen kleinen, aber auch großen Abschieden zu tun, mit Vergeblichkeiten, mit dem Aufgeben von Träumen und Sehnsüchten – es war schwierig dieses Leben und obwohl das so war, es war aber auch ein Leben, das durchsetzt war von der Gegenwart Gottes. Das habe ich Ihren Schilderungen entnehmen können.

N.N. wurde in Stettin geboren. Er war gerade mal 5 Jahre alt, als die Familie Pommern verließen, um nach W. zu gelangen. Der Vater war Stellmacher und fand Beschäftigung auf dem Hof von N.N.

N.N. hat nach der Schulzeit als Bauhelfer gearbeitet. Diese Tätigkeit führte ihn in die Gegend von H., wo er auch seine Frau kennerlernte, eine Familie gründete und wo er aber auch lernen musste, dass etwas in die Brüche gehen kann, dass man loslassen können muss und das wir alle in unserem Leben eben doch nur krumme Linien schreiben können. Nichts ist so sicher wie die Tatsache, dass wir alle schon zu Lebzeiten loslassen müssen, dass unser aller Leben gekennzeichnet ist von Verlust und von dem Bewusstsein: Wir können auf Dauer eben doch nichts und niemanden halten.

Das ist – ich weiß es selber ganz gut -, eine schwere Lektion, die wir alle immer wieder anfangen müssen zu lernen.

Unser Verstorbener hat aber trotz allem dieses sein Leben bestanden.

Lange Zeit war er später als Krankentransportfahrer der MHH tätig und kam später mit Ihnen und den Ihren zusammen nach E.

N.N. hat zu Ihnen gehört und dieses Gefühl zu jemanden zu gehören ist gerade in schwierigen Lebensabschnitten nicht mit Gold aufzuwiegen. „Wir waren immer zusammen. Er ist immer bei uns gewesen. Wir haben ihn nie ausgelassen; er war wie mein 7. Kind,“ so sagten Sie es im Trauergespräch.

Das ist beispielhaft, das ist christliches Verhalten und das wiegt mehr als vieles, was in unserer Kirchengemeinde sonst so passiert, was da so geredet, gelästert und gelogen wird. Christliches Denken lässt sich eben doch am Handeln messen und wird da schön, glänzend und wunderbar, wenn Menschen wie Sie, liebe N.N. leben. Heißt es doch in der Heiligen Schrift: Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Traurigen! Oder an anderer Stelle: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Und das sind Worte, die Gott sagen lässt durch Paulus und durch seinen Sohn Jesus Christus.

Wunderbar, so kann man auch das beschreiben, was sie in der letzten Phase des Lebens Ihres Angehörigen miterleben durften. Zwei Jahre lang hatte er nicht mehr gesprochen und dann auf dem Kranken- und Sterbebett haben Sie es selber gehört, als er laut und deutlich Ja sagte. So als hätte ihn jemand gefragt: Bist Du bereit?

Oder denken Sie an jene Augenblicke, als er versuchte, sich aufzusetzen und wie er seine Hand ausstreckte, so als würde er die Hand eines Engels Gottes ergreifen – wunderbar ist das, denn so etwas begegnet eben nur dem, der an Gott glaubt. Da, in dem Augenblick berühren sich Himmel und Erde, da in dem Augenblick ist nur Gott zu denken, nur Liebe, Nähe und Wärme – eben alle die Eigenschaften, die N.N. in seinem Leben oft nicht von seiner Familie bekommen hat. Gottes Nähe kann einem dann vorkommen, wie wenn einer friert und jemand kommt und legt dem Frierenden einen Mantel um, damit er sich wärme.

Es ist so gut, dass Sie ihn zum Schluss nicht alleine gelassen haben, dass Sie mit ihm gebetet haben und er bis zu seinem letzten Atemzug Ihre Stimme hören konnte. Nichts ist wohl schlimmer, als wenn ein Mensch alleine und für sich in einer Abgeschiedenheit sterben muss.

Es hat mich schon angerührt, die Todesanzeige mit den Zeilen von Rainer-Maria Rilke oben drüber:

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Aus: Rilke: Das Buch der Bilder, S. 35. Digitale Bibliothek Sonderband: Meisterwerke deutscher Dichter und Denker, S. 36973 – vgl. Rilke-SW Bd. 1, S. 400).

Liebe Trauergemeinde, es kann durchaus so empfunden werden, wenn wir das Leben eines Menschen bedenken und dieses Leben in Korrespondenz zu diesen eben gehörten Zeilen denken: Menschliches Leben in dieser Welt und dieser Zeit beginnt mit dem ersten Atemzug, mit einem Schrei und es beginnt vor allen Dingen eben mit leeren Händen, mit Händen, die angefasst, gefühlt, gestreichelt und gehalten werden sollen. Leere Hände haben immer auch zu tun mit dem Gefühl: Ich bin auf andere angewiesen.

Und das ändert sich zwar im Laufe des Lebens, aber je älter ein Mensch wird, umso dringlicher wird dieses Bedürfnis und umso mehr sind wir, jeder einzelne von uns auf einander angewiesen.

Rilke redet auch darüber, denn er schreibt in seinem Gedicht:

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.

Hier geht nun nicht mehr um menschliche Hände, sondern um die Hände Gottes, der dieses Fallen in seinen Händen aufnimmt, der Angst und Schrecken von uns nimmt, wenn die letzte Stunde kommt.

Gott lässt uns dann auch nicht alleine, wenn Menschen, die eigentlich zu uns gehören uns längst den Rücken zugekehrt haben. Eine Erfahrung, die N.N. in seinem Leben gemacht hat.

Gott kümmert sich um uns, er geht uns nach, er verliert uns nicht aus den Augen, er stellt immer wieder Nähe her durch andere Menschen, die er sich zu diesem Zweck auswählt. Und Gott tut dies sicherlich nicht, weil wir es verdient hätten, dass er sich in dieser Weise um uns kümmert. Das Motiv, der Antrieb seines Handelns geschieht aus Liebe, einer Liebe, die uns nicht lässt. Diese Liebe kennt uns mit Namen, kennt unsere Schwächen und weiß auch um unsere Stärken.

Diese Liebe sucht uns. Diese Liebe wird uns hinüberführen in diese so andere Welt, die die Bibel mit dem Wort Ewigkeit umschreibt.

Liebe Trauergemeinde, liebe Angehörigen, der Apostel Paulus hat in unvergleichlicher Weise ähnliche Gedanken wiedergegeben in einem Abschnitt seines Römerbriefes. Diesen Abschnitt wollen wir uns einmal anschauen:

[TEXT]

Was für eine Gewissheit spiegelt sich doch in diesen Worten wieder, liebe Trauergemeinde. Hier spricht nun einer, der sich seiner Sache, ja, der sich seines Glaubens ganz gewiss ist. Würde man Paulus fragen: Hast Du Angst vor dem Sterben oder vor dem Tod, so würde er mit der ihm eigenen Arroganz aber eben auch mit seiner Gewissheit im Glauben antworten: Nein, ich habe keine Angst, denn ich glaube.

Und ich weiß, woran ich glaube.

Und in der Tat, liebe Trauergemeinde, genau das ist der Punkt. Stellen Sie sich doch bitte einmal nachher, wenn Sie wieder zu Hause sind, diese Frage: Habe ich Angst vor dem Sterben oder habe ich Angst vor dem Tod?

Und wenn Sie dann nur für sich diese Frage beantworten, dann kann es schon sein, dass dem einen oder anderen mulmig zu Mute sein wird. Denn was soll man auch antworten? Und ich denke, dass dem einen oder anderen mulmig zumute ist, liegt auch daran, dass wir mit dem Tod nichts zu schaffen haben. Das Sterben und auch der Tod wird ausgegrenzt, soll so nicht zu uns gehören und das mag ja auch eine Zeit gut gehen, dann aber eines Tages, früher oder später wird dieses Sterben nach uns grabschen und wird niemanden auslassen.

Das kommt für jeden und dann ist derjenige gut dran, der weiß, woran er zu Lebzeiten in dieser Welt und der ihm zugemessenen Zeit geglaubt hat.

Ich glaube an die Liebe Gottes. Ich glaube, dass Gott auf den krummen Linien unseres Lebens grade schreiben kann und dies auch tut. Ich glaube auch, dass das was wir in dieser Welt erleiden müssen federleicht ins Gewicht fällt, wenn es um die Herrlichkeit geht, die wir sehen werden.

Und ich bin froh darüber, dass im jüngsten Gericht nicht andere Menschen über uns das letzte Wort haben, denn Menschen können nur nach menschlichen Maßstäben urteilen und Menschen sehen zwar den Dorn im Auge des anderen, aber den Balken im eigenen Auge sehen sie nicht. Gottes Liebe ist dann das Maß aller Dinge.

Noch einmal: Wer will uns scheiden von seiner Liebe? Wer könnte uns scheiden? Niemand kann es, obwohl es viele wollen. Gott alleine, dessen Hände das Fallen seiner Geschöpfe auffängt und hält, Gott alleine hat das letzte Wort über uns und Jesus Christus, der einzige Mensch ohne Sünde, ohne Fehler, ohne die uns eigenen Bösartigkeiten, dieser Jesus wird eintreten für uns. Er wird der Wahrheit genüge tun und wird sagen: Dieser N.N. hat sich zu mir bekannt und ich werde mich zu ihm bekennen.

Lassen Sie uns für uns und unseren Verstorbenen beseelt sein von solchen Gedanken. Behalten Sie ihm ein wirklich gutes Andenken und denken Sie über sich selber und über Ihr Leben nach. Setzten Sie Ihre Hoffnung auf Gott, der die Liebe ist.

Wir lassen N.N. los. Er ist bei Gott in Guten Händen. Nichts und niemand wird ihn von Gottes Liebe trennen.

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