Wer ist der Verräter?

Liebe Gemeinde,

das Abendmahl: Tausendmal haben wir die alten Texte gehört, tausendmal das Mahl gefeiert. Und dennoch: Immer, wenn ich die alten Berichte darüber höre, treffen sie mich in mein Herz. Jedesmal entdecke ich etwas Neues.

Diesmal bleibe ich schon am dritten Satz hängen. Jesus sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.“

Ja, es wäre leicht für mich, das als alte Geschichte abzutun. Wir wissen ja, dass Judas der Verräter war. Damals, als Jesus noch lebte. Wir wissen, dass Jesus zwar den Verrat ankündigen, jedoch Judas nicht bloßstellen wollte. Wir wissen aber nicht, warum Judas überhaupt den Verrat plante. War er mit Jesus unzufrieden? Wollte er das Reich Gottes beschleunigen? Dann hätte er sich ausgemalt, dass Jesus spätestens mit seiner Festnahme die himmlischen Heerscharen zu Hilfe holen würde. Oder war er ganz profan nur auf das Geld aus, das er für seinen Verrat einheimste? Wir wissen es nicht, denn niemand hielt die Gründe von Judas für so bedeutend, dass sie uns überliefert würden.

Zu der alten Geschichte gehört auch, dass alle Jünger, wirklich alle, behaupten, dass sie zu Jesus stehen würden. Und alle Jünger, auch wieder ausnahmslos alle, flüchten um ihr Leben, als Jesus verhaftet wird. Und Petrus, dieser Fels, auf den Jesus seine Kirche bauen will, Petrus wiederum gibt vor, Jesus nicht zu kennen, und verleugnet ihn.

Ja, das ist eine alte Geschichte. Und was hat sie mit mir, was hat sie mit uns zu tun?

Ich könnte es mir wiederum einfach machen. Wichtig ist doch die Sache mit dem Abendmahl. Wichtig ist zu wissen, dass Jesus am Ende ganz allein war. Wenn ich heute Abendmahl feiere, dann schwingen diese Aspekte in der Feier mit.

Sie merken schon, das kann es nicht gewesen sein. Das ist etwas dünn. Was hat die Geschichte mit mir, mit uns zu tun?

Jesus sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.“

Unwillkürlich frage ich: „Bin ich‘s, Herr?“ Ja, ich war damals nicht dabei. Ja, ich konnte Jesus gar nicht verraten. Und wenn ich mir überlege, wie ich reagiert hätte damals, wenn ich doch dabei gewesen wäre, dann natürlich ganz anders als die Jünger! Das will ich zumindest glauben, dass ich anders reagiert hätte. Ich will glauben, dass ich mich gegen den Verrat gestemmt hätte. Aber stimmt das wirklich? Hätte ich diese innere Stärke besessen?

Es ist vergebliche Liebesmüh, darüber zu spekulieren, wie wir damals reagiert hätten. Die eigentliche Frage, die sich stellt, lautet: Wie reagieren wir heute?

Normalerweise macht es uns ja nichts aus, unseren Glauben offen zu bekennen. Doch es gibt manche Situationen in unserem Leben, wo wir – genauso wie Judas oder Petrus oder die anderen Jünger damals – lieber unseren Glauben verschweigen oder sogar verleugnen. Adrian Plass hat so eine Situation beschrieben:

Er selbst ist ein sehr engagierter Christ in einer freikirchlichen Gemeinde. Zusammen mit seiner Frau Anne und seinem Sohn Gerald besucht er jeden Gottesdienst und jede Veranstaltung in seiner Gemeinde. Natürlich kennt er auch jeden und jede dort, den Pastor, die Gemeindeältesten und viele andere noch. Und natürlich, nicht jeder in dieser Gemeinde ist ein Vorzeigechrist! Der eine führt einen Gemüseladen – bestimmt nicht zu seinem Nachteil. Der andere hat ein kleines Alkoholproblem. Und so weiter, es sind alles ganz normale Menschen mit den üblichen Problemen.

Und Adrian versucht auf seiner Arbeit seinen Glauben zu leben. Leider gibt es da ziemlich viele Nicht-Christen, die sich einen Heidenspaß daraus machen, ihn auf Widersprüche in seinem Glauben aufmerksam zu machen.

Eines Tags, als wieder einmal die Rede auf den Glauben kommt und Adrian versucht, das Tolle herauszustellen, sagt einer seiner Kollegen zu ihm: „Du neulich habe ich deinen christlichen Freund Thynn sternhagelvoll vor dem Goldenen Hirsch gesehen. Der war so voll, dass ihn zwei Polizisten vom Gehweg abkratzen mussten. Zeigt sich so etwa das Christentum, dass ich mich jeden Tag vollsaufen muss?“

Und dann lehnt er sich zurück und wartet darauf, dass Adrian den christlichen Glauben zu verteidigen versucht, in dem Wissen, dass das gar nicht gelingen kann. Adrian überlegt sich währenddessen, was er darauf antwortet. Da fallen ihm mehrere Möglichkeiten ein: „Der Thynn ist gar nicht mein Freund!“ Oder: „Das war ein einmaliger Ausrutscher von Thynn!“ Oder: „Das darfst du mich nicht fragen, dass geht mich doch nichts an!“

Hätte Adrian eine dieser Antworten gegeben, wäre der Kollege in Gelächter ausgebrochen und hätte wahrscheinlich gesagt: „Christsein bringt gar nicht, Christen sind auch keine besseren Menschen, und die Welt machen sie auch nicht besser!“

Aber während Adrian noch überlegt, sieht er plötzlich vor seinem innere Auge die traurigen Gesichter von Thynn, von Menschen in seiner Gemeinde, von Jesus. Und so antwortet er: „Ich wusste das mit Thynn. Er hat ein Alkoholproblem. Ich habe ein Problem mit meiner Tollpatschigkeit. Jeder von uns Chjristen hat irgendwelche Probleme. Aber das Tolle ist: Gott verzeiht uns unsere Probleme und Unarten. Haben Sie jemanden, der ihnen regelmäßig verzeiht?“

Der Kollege wurde nachdenklich und schwieg. Adrian hatte Thynn nicht verraten. Er ist ihm beigestanden. Und damit hat er auch Jesus nicht verraten.

Und wir? Stehen wir jederzeit zu Jesus? Zu unserem Nächsten? Bekennen wir frei unseren Glauben, auch wenn uns das selbst Nachteile bringen könnte?

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir das oft genug nicht tun. Dass wir uns wie Judas oder Petrus verhalten. Wenn wir z.B. bei den Flüchtlingstrecks wegschauen und sagen: „Was geht mich das an?“ Wenn wir den Hunger in der Welt ausblenden, weil wir ja doch nichts bewirken können. Wenn wir zusehen, wie in der Schule oder im Alltag oder auf Facebook jemand gemobbt wird. Immer geht es um andere Menschen und um Jesus. Stehen wir zu ihm oder verraten wir ihn?

Wie wir diese Frage auch beantworten, das Gute daran ist: Gott vergibt uns. Immer und wieder. Jedesmal, wenn wir Abendmahl feiern, kriegen wir zugesprochen: „Dieses Brot ist der Leib Christi, und dieser Wein ist das Blut Christi. Für uns vergossen zur Vergebung unserer Sünden.“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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