Wer hier klaut, stirbt

Predigt über Gen 3, 1-24

1.3. 2020, Sonntag Invokavit, Reihe II

 

 

Gnade sei mit euch und Friede

von Gott, unserm Vater,

und dem Herrn Jesus Christus.

         Phil 1,2

 

Liebe Gemeinde,

 

„Wer hier klaut stirbt“

So lautete ein Aufkleber auf der Heckscheibe des Autos vor mir. Ich las ihn, weil wir vor der roten Ampel warteten.

„Wer hier klaut stirbt“

Eine Drohung, dachte ich als erstes. Darf man das: so drohen?

Dann fiel mir auf, daß in dem Satz ein Komma fehlte. Machte das einen Unterschied? Veränderte sich die Bedeutung, wenn man das Komma mal hierhin, mal dahin setzte?

Nein. Das Komma gehört hinter „klaut“; alles andere macht keinen Sinn.

Die Ampel war immer noch rot.

Ich dachte weiter.

„Wer hier klaut stirbt“

Warum schreibt jemand so etwas an sein Auto? Ich schaute mir das Auto genauer an. Es war ein kleiner, dunkelroter Kastenwagen. Vielleicht das Autos eines Handwerkers? Vielleicht bewahrte er darin all sein Werkzeug auf und fuhr zu seinen Kunden? Wenn dann das Werkzeug aus dem Auto geklaut wird, ist das mehr als ärgerlich.

Dann war der Aufkleber vielleicht der Versuch sich zu wehren …

Immer noch rot.

Ich überlegte: Was wäre gewesen, wenn dieser Satz „Wer hier klaut stirbt“ am Baum der Erkenntnis angebracht gewesen wäre? Wäre die Geschichte von Adam und Eva dann anders weiter gegangen?

Konnten die beiden überhaupt lesen, damals im Paradies?

Die Ampel schaltete auf grün.

Das Auto vor mir setzte sich in Bewegung und fuhr davon.

 

„Wer hier klaut stirbt“

Adam und Eva haben die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen – was sie nicht durften. Gott hatte es Adam verboten: „Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ (Gen 2, 16 b-17) – so steht es kurz bevor unser Abschnitt beginnt.

Adam und Eva haben die Frucht gegessen. Aber gestorben sind sie nicht, jedenfalls nicht sofort. Sonst säßen wir alle nicht hier.

Doch sie wurden vertrieben, vertrieben aus dem Paradies.

Vertrieben aus dem sorglosen, unbeschwerten Leben, in dem sie sich gut eingerichtet hatten. Vertrieben aus der Unwissenheit. „Ignorance is bliss“, sagt man auf Englisch. Ich übersetze: Unwissend zu sein, ist Glückseligkeit.

 

Ich denke, wir werden alle irgendwann vertrieben aus dem sorglosen, unbeschwerten Leben. Wir werden immer wieder vertrieben aus dem Leben, in dem wir uns gut eingerichtet haben.

Eine der ersten Vertreibungen ist das Ende der Kindheit. Die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren beschreibt das in einer Biografie[1] so: „Ich erinnere mich noch an den Sommer, als ich dreizehn war und merkte, daß ich nicht mehr spielen konnte. Ich stellte es fest. Es ging einfach nicht mehr. Es war entsetzlich. Und traurig. Und ich glaube, das haben alle Kinder in diesem Alter erlebt.“

Vielleicht erinnern Sie sich auch daran … – so oder so ähnlich ?

 

Ein weiteres Mal beobachtete ich die Vertreibung aus dem Paradies im September 2001. Damals lebte ich in Kanada. Am 11. September stand ich auf, machte Frühstück wie immer, schaltete dabei das Radio an – und hörte von den Anschlägen in New York und auf das Pentagon. Ich schaltete den Fernseher an. Welcher Kanal, war egal, denn alle berichteten von den brennenden Türmen des World Trade Centers mitten in New York.[2]

Ich schaute eine Weile zu, wie gebannt. Dann merkte ich: Du kannst nichts tun. Die Bilder wiederholen sich, und es wird viel spekuliert. Das macht Angst, sonst nichts. – Beginn dein Tagewerk und schau nur hin und wieder in die Nachrichten.

Da fiel mir der Liedvers ein „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht’ das Deine nur getreu“[3]

Und daran hielt ich mich.

Ich hatte zuvor bereits mehrere Male die USA besucht, und auch nach dem 11. September 2001 besuchte ich das Nachbarland wieder. Der Unterschied sprang mir sofort ins Auge: Die unbefangene, fast kindliche Leichtigkeit war verschwunden. Ich spürte Angst, trotzige Verhärtung, Mißtrauen. Die US-Amerikaner waren aus dem Paradies vertrieben worden, dem Land der Freiheit, das unangreifbar war. Dem Land, das so groß ist, das es sich um den Rest der Welt nicht kümmern muß. Dem Land, in dem es keinen Terror gab – obwohl auch das ja nicht stimmte.

Aber: Ignorance is bliss. Doch nun konnte niemand mehr Unwissenheit vorschützen.

 

Ich glaube, wir werden gerade wieder aus dem Paradies vertrieben, in dem wir es uns so gemütlich eingerichtet haben.

Wir werden vertrieben aus dem Land, wo man für Geld alles kaufen kann, vieles so billig, daß ich mich frage, wie das sein kann und unter welchen Umständen diese Waren produziert werden. Doch: Ignorance is bliss.

Doch durch die Ausbreitung des Corona-Virus werden die Lieferketten brüchig. Lagerhaltung wurde schon lange abgeschafft. Viele Bauteile werden aus Asien geliefert – doch der Warenstrom droht abzureißen. Die Börsenkurse stürzen ab. Manche Güter – wie Hand-Desinfektionsmittel, Schutzmasken – sind ausverkauft und nicht mehr lieferbar. Schutzmasken werden in China hergestellt, schön billig. Doch jetzt kann nicht mehr geliefert werden.

Wir werden vertrieben aus einem Land, aus dem man überallhin verreisen kann, pauschal gebucht in die Sonne fliegt oder zum Ski fahren nach Südtirol und sich um nichts mehr kümmern muß. All inclusive – Rundum sorglos. Paradiesisch!

Ein Traumurlaub auf einem Traumschiff, den man sich einmal im Jahr leistet.

Doch das Wort „Traumurlaub“ bekommt auf einmal für einige einen ganz anderen Klang, wenn sie auf einem Kreuzfahrtschiff oder in einem Hotelkomplex in Quarantäne festsitzen.

Wir werden aus einem Land vertrieben, dessen Grenzen offen sind – für uns und für Besucher aus dem Ausland. Das macht vieles angenehmer und vermittelt ein Gefühl von Freiheit. Hat aber auch seine Schattenseiten, wie wir jetzt merken. Keine Freiheit ohne Risiko – das könnte uns bewußt sein.

Doch: Ignorance is bliss.

Wir werden aus einem Land vertrieben, in dem viele Menschen gefahrlos zusammen kommen können, zu Sportveranstaltungen, Messen, zum Karneval. In dem man dem fiebernden Kind ein Zäpfchen gibt und es zur Kita oder zur Schule fährt, damit man keinen Arbeitstag verpaßt.

Wir werden gerade aus diesem Paradies vertrieben, in dem wir es uns so schön eingerichtet haben.

Mir tun alle leid, die jetzt erkranken – in Deutschland sind es z.Z. 60 bestätigte Fälle, weltweit 83.000.

Mir tun alle leid, die sie jetzt pflegen – unter z.T. erschwerten Bedingungen.

Mir tun alle leid, die jetzt an dieser Viruserkrankung sterben – weltweit etwa 2.800 Menschen – das ist etwa ein Drittel der Menschen, die in Deutschland jedes Jahr an der Grippe sterben.[4]

Doch daß wir dieses Paradies verlassen müssen – dazu ist es höchste Zeit. Denn so kann es nicht weitergehen.

Denn auch das erzählt unser Predigttext: Das Leben geht weiter für Adam und Eva, für die Menschheit – auch außerhalb des Paradieses. Und bevor Gott Adam und Eva für immer aus dem Paradies vertreibt, kleidet er sie noch ein. Röcke aus Fellen (V. 21) sind ein Schutz. Und eine Geste, wie wenn Mutter oder Vater einem Schulkind morgens noch einen Schal umbinden. Zu Hause, im Paradies der Kindheit, kann es nicht bleiben. Es muß zur Schule, doch warm und geschützt und mit einer Geste der Liebe und Fürsorge.

 

„Wer hier klaut stirbt“ – So stand es auf dem Auto vor mir.

Mir wurde klar: Dieser Satz ist keine Drohung. Dieser Satz sagt etwas Selbstverständliches. Wir müssen alle sterben, ob wir nun klauen oder nicht.

Nur ob wir jetzt sterben oder irgendwann später – das wissen wir nicht.

Ignorance is bliss.

 

Amen

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinnen

in Christus Jesus.

Amen

         Phil 4, 7

 

 

Als Mutmachlied singen wir:

Lied: FT 178 Gott gab uns Atem

 

 

[1] Kerstin Ljunggren: Besuch bei Astrid Lindgren, Hamburg 1992, S. 65

[2] Knapp 3000 Menschen starben, etwa 6000 wurden verletzt. Mehr als 3200 Kinder verloren ihre Eltern. Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Terroranschläge_am_11._September_2001#Tote_und_Verletzte

[3] Georg Neumark, 1641 – EG 369, Vers 7

[4] https://www.nzz.ch/wissenschaft/coronavirus-weltweit-die-neusten-entwicklungen-nzz-ld.1534367

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