Wer die Wahl hat…. (Deuteronomium 7, 6-12)

Sie trafen sich einmal die Woche am Nachmittag. Die Leiterin der Gruppe, im ersten Leben mit ganzem Herzen Reinigungskraft in der Gemeinde, bereitete immer alles liebevoll vor. Die Tische wurden gedeckt, Kuchen besorgt und auf den Tellern verteilt, Kaffee wurde gekocht. Sie brachte Geschichten und Spiele mit. Aber sie führte  trotz aller Herzlichkeit auch ein strenges Regiment. Sie konnte es nicht leiden, wenn sich Grüppchen bildeten und deshalb einzelne außen vor blieben und dann setzte sie ihre Senioren auch schon einmal um. Und erst recht war es nicht erlaubt, früh zu kommen, um sich den Platz mit Blick auf die Größe des Kuchenstückes auszusuchen. Hier wurde nicht ausgewählt! Alle sollten gleichbehandelt werden und sich auch gleichwertig fühlen. Beim ersten Mal habe ich ein bisschen geschluckt, beim zweiten Mal gelächelt und dann diese Frau für ihre Konsequenz und ihren Gerechtigkeitssinn bewundert. 

Aber ist es nicht normal „wählerisch“ zu sein und nach dem größeren Kuchenstück zu schielen und nach denen Leuten, die ich mag und mit denen ich mich verstehe, sie als Tischgesellschaft auszusuchen?

Ich kenne das Gefühl, nicht mithalten zu können oder aber zu kurz zu kommen. In der Schule prallten die sozialen Unterschiede der Familien schon in dem, was die Kinder hatten und sich leisten konnten, aufeinander. Bildungschancen hängen selbst heute noch von den sozialen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Familien ab. Da haben es einige Kinder leichter und andere schwerer, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen. Lange Zeit wurde nicht gefragt, ob das gerecht ist, sondern es galt als gottgegeben. Man hatte in dem Stand zu leben und sich zu bewähren, in den man geboren wurde. Keiner hätte wahrscheinlich von Erwählung gesprochen, wohl aber davon, vom Schicksal oder von Gott gut bedacht oder gefordert  zu sein. 

Wenn wir ehrlich sind, dann ist das Verfassungsgebot der Gleichstellung aller – unabhängig von Herkunft, Alter und Geschlecht und anderer Merkmale – noch nicht wirklich alt und erst recht noch nicht erfüllt. Unterschiede sind nicht nur Ausdruck von Vielfalt, sondern auch Ausdruck von ungleichen Möglichkeiten, an allem teilzuhaben. Standesdünkel ist zwar nicht mehr so verbreitet und kultiviert wie in der Vergangenheit. Aber keiner ist ganz frei davon, lieber unter seinesgleichen zu bleiben. 

Das DIW stellte 2019 wieder einmal fest: Die reichsten zehn Prozent besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens (56 Prozent). Die ärmere Hälfte hat dagegen nur einen Anteil von 1,3 Prozent (am Vermögen in Deutschland). Warum ändert sich daran nichts? Liegt es womöglich am Gefühl, es verdient zu haben, auf der vermeintlichen Sonnenseite des Lebens zu stehen und es genießen zu können, unabhängig von allen ungelösten Problemen der Welt?

Es redet zwar keiner mehr vom Gottesgnadentum, aber wir leben so als gäbe es dieses immer noch: was für ein Privileg, in der westlichen Welt beheimatet zu sein und in relativem Frieden und Wohlstand leben und seine Kinder und Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Aber wehe es kommen aus politischen, religiösen, und natürlich auch wirtschaftlichen Gründen Menschen aus aller Welt, die diese Privilegien nicht haben, und wollen auch in relativem Frieden und in relativer Sicherheit leben, wie wir.

Kann man es in ihnen in einer Welt, in der Reichtum und Chancen unterschiedlich verteilt sind, wirklich missgönnen?

Natürlich wähle ich. Ich wähle auch aus. Ich wähle, wer zu meinem Freundeskreis gehört. Sympathie, Vertrauen und gleiche Interesse spielen da eine Rolle. Ich wähle, mit welcher Auserwählten, mit welchem Auserwähltem ich mein Leben teilen möchte, Irrtum dabei eingeschlossen. Aber der Irrtum gehört eben zum Leben und zu jeder Entscheidungssituation dazu. Wohin der Irrtum führen kann ,auserwählt zu sein, wohin Rassen- und Größenwahn führen kann, gepaart mit dem Frevel, sich auserwählt und damit anderen überlegen zu fühlen, haben wir am eigenen Leib erlebt. Ein Volk, das sich auserwählt glaubt, über andere zu herrschen und anderen überlegen zu sein, wird wohl am Ende untergehen müssen. Jedenfalls darf es sich nicht auf Gott dabei berufen. Gottesgnadentum gibt es wohl, aber dann gilt Gottes Gnade für alle Menschen gleichermaßen. Denn alle sind gemeint, gerufen, angesprochen, ja einem liebevollen Gedanken Gottes entsprungen.

Gott erwählt also. Die Bibel erzählt eine Fülle von Erwählungsgeschichten. Wenn allerdings Gott wählt, dann werden  menschliche Vorstellungen und Erwartungen auf den Kopf gestellt! Gott erwählt nicht exklusiv die Starken, Reichen und Erfolgreichen, weil sie ja auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Das kleinste aller Völker sollte Gottes Volk sein. Aus der Knechtschaft in Ägypten musste es geführt werden, um als Gottes Volk im gelobten Land zu leben. Bis auf eine kurze verklärte Zeit war es immer Spielball der Großmächte und Schau- und Tummelplatz der selbsternannten fremden Weltenherrscher. Und es lebte immer von der Zuversicht, dass Gott sein Volk nicht fallen lässt und von der Hoffnung auf den guten Ausgang der eigenen und der Völkergeschichte.

Die eigene wechselvolle Geschichte bis in die Gegenwart hinein wurde nicht als Geschichte eigener Größe und weltgeschichtlicher Bedeutung erzählt, sondern als Zeichen der Treue Gottes gegen allen Augenschein.

Groß, wieder groß gemacht werden sollte nicht ein Volk a la“ make america great again“ oder „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, sondern Gott allein. Er erweist sich in seiner Liebe, in seiner Geduld, in seiner Aufmerksamkeit, in seinem Einsatz und in seiner Gegenwart als der Treue, als der Heilige, als Gott für sein Volk, für seine Menschen. Denn:

Er erwählt, nicht wir.

Er erwählt, nicht um über andere zu stellen, sondern dass die Erwählten für andere ein Zeichen der Fürsorge und Treue Gottes werden.

Wir wissen aber, sie schmerzhaft es sein kann, wenn Liebe und Treue nicht erwidert, sondern verletzt werden. Der Eifer sucht Antwort, die Kehrseite der Liebe kann Eifersucht sein. Gott ist ein liebender und eifersüchtiger Gott, einer, dem nichts und niemand gleichgültig bleibt.

Es gehört Mut dazu, Gott auch so zu denken: er, der liebt, sucht die Liebe seiner Menschen und wird enttäuscht. Was wird aus unbeantworteter, ausgeschlagene, ignorierter Liebe?

Der liebe Gott ist der nach Liebe suchende Gott, und damit auch der eifersüchtige, also leidenschaftlich ringende und werbende Gott.

Glaube ist  die Antwort auf Gottes Liebeswerben.

Glaube wächst mit der Erfahrung der Treue Gottes.

Glaube ist die Kehrseite der Erwählung. Weil Gott bei mir steht, mir beisteht, kann ich an der Seite Gottes stehen.

Glaube ist  Hoffnung gegen allen Augenschein: auch wenn ich nicht groß, reich und erfolgreich bin, sondern gerade voller Fragen, voller Zweifel, immer auf der Suche, im Auf und Ab des Lebens, im Angesicht des Todes voller Lebenshunger, vertraue ich auf Gottes Gegenwart und seine Treue.

Wenn die Zweifel nicht aufhörten, dann hatte Israel die Geschichten seiner Väter und Mütter.  Wir erzählen dazu auch die Geschichte Jesu weiter. Denn wir glauben: „Gott hat in erwählt, den Juden Jesus für die Welt. Der schrie am Kreuz nach seinem Gott, der sich verbirgt in Not und Tod“ (Singt Jubilate Nr. 48.2)

Wir können unsere, also deine und meine  Geschichte mit Gott erzählen, angefangen und noch lange nicht zu Ende im Zeichen der Taufe: du gehörst zu Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. 

„Man soll jeden Tag in die Taufe hineinkriechen, damit man frisch belebt wieder daraus hervorkommt“ hat Luther den Christenmenschen empfohlen. Darauf dürfen wir uns dann etwas einbilden: auf das Wasser des Lebens, das Licht des Glaubens und den Namen, der im Himmel aufgeschrieben ist. Diese Verheißung und diese Erwählung ist der Grund, auf dem wir stehen und glauben und das Band, das Menschen über Raum und zeit hinweg verbindet, denn: Gott hält, was er verspricht.

Und mit der alttestamentlicher Lesung des heutigen Sonntags heißt das: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! (Jesaja 43, 1)   Amen

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