Wer bewusst gelebt hat, der kann auch bewusst sterben. (Joh 14,19)

Joh 14,19
Ich lebe und ihr sollt auch leben.

[78jährige Frau nach schwerer Krankheit]

Das Bibelwort für diese Stunde des Abschieds hat sich die Verstorbene selbst ausgewählt. Es steht im Evangelium des Johannes in Kap. 14, Vers 19. Dort lesen wir: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Lieber Herr N.N. , liebe Trauergemeinde, mit wenigen Worten haben wir auf ein Leben von 78 Jahren zurückgeblickt.

Vieles blieb unausgesprochen und es ist auch nicht möglich, in so einer Stunde des Abschieds ein ganzes Leben zu erfassen. Der Lebenslauf will uns eine Hilfe sein, darüber nachzudenken, wo sich unsere Wege mit denen der Verstorbenen gekreuzt haben.

Wenn der Sarg eines Menschen mit dem wir eng verbunden waren, vor unseren Augen steht, dann ziehen viele Erinnerungen wie ein Film an uns vorbei.

Viele Gedanken sind plötzlich wieder da, vielleicht auch der, lieber Herr N.N., dass es eigentlich nicht gedacht war, dass Ihnen Ihre Frau diesen Weg vorausgeht.

In Ehen, wo der eine Partner dem anderen ein paar Jahre voraus ist, da fließt dies natürlich in alle Überlegungen ein und Lebenspläne werden danach ausgerichtet. Doch die letzten beiden Jahre haben Ihr Leben verändert und seit ein paar Monaten wussten Sie und Ihre Frau, dass Ihnen nur noch eine kurze Zeit des gemeinsamen Glücks geschenkt ist.

Und obwohl der Abschied nicht unvorbereitet kommt ist er dennoch schmerzlich, weil er endgültig ist und einen tiefen Einschnitt in Ihrem Leben bedeutet.

Nichts ist mehr so wie vorher, aber gerade dieses Vorher – die vielen glücklichen Jahre, die Sie gemeinsam verbringen durften, die Erinnerung an das was war, ist ein Geschenk, das Sie im Herzen tragen und Ihnen niemand nehmen kann.

Dazu gehören auch die letzten gemeinsamen Wochen in denen Sie voneinander Abschied nehmen konnten.

Bewusst Abschied nehmen können, ist eine Gabe, die nicht jedem Ehepaar gegeben ist und für diese Wochen meine ich, dürfen Sie trotz allen Schmerzes auch dankbar sein.

Ihre Frau hat bewusst gelebt und sie ist bewusst gestorben. Sie hat dieser Situation bewusst ins Auge geschaut, sie hat diese Stunde nicht einfach verdrängt, wie es ja auch oftmals gemacht wird.

Dieses bewusst Abschiednehmen können voneinander und von der Welt ist es, was man eigentlich jedem Menschen wünscht, der weiß, dass sein Weg hier auf Erden zu Ende geht.

Lieber Herr N.N., Ihre Frau war ein tief gläubiger Mensch, das hören wir auch aus dem Bibelwort, das Sie sich selbst für diese Stunde des Abschieds ausgesucht hat.

Jesus spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“.

Dieser Satz ist entnommen aus den Abschiedsreden Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger.

Jesus spürt, dass sein Leben zu Ende geht und er möchte seinen Jüngern noch etwas mitgeben, das ihnen hilft, wenn er nicht mehr unter ihnen ist. „Ich lebe und ihr sollt auch leben“.

Auch wenn es ein Abschiedswort ist, sollten wir nicht den Fehler machen und sofort an das Danach denken.

Jesus ist in diese Welt gekommen, um den Menschen hier Leben zu bringen. Sein Ziel war diese Erde zu verwandeln, er wollte, dass die Menschen in Liebe und Frieden miteinander leben, das heißt glücklich werden. Das hört sich vielleicht banal an, ist es doch nicht.

In Liebe und Frieden miteinander leben ist die hohe Kunst des Miteinanders und wo dies in einer Familie, in einer Ehe möglich ist, spüren Menschen Glück und Erfüllung, auch in schwierigen Situationen des Lebens.

„Ich lebe und ihr sollt auch leben“.

Jesus wollte, dass seine Nachfolger das Leben als ein Geschenk Gottes sehen und nicht nur als ein Durchgangsstadium in eine andere Welt.

„Ich lebe und ihr sollt auch leben“.

Vielleicht stimmt der Satz, den ich einmal gehört habe: „Wer bewusst gelebt hat, der kann auch bewusst sterben.“

Vielleicht ist das auch das Geheimnis Ihrer Frau, lieber Herr N.N., die ohne Angst dem Tod entgegensehen konnte.

Sie hat bewusst gelebt und war sich sicher, dass die Worte Jesu über dieses Leben hinaus Gültigkeit haben.

So sicher wie die Jünger und Jüngerinnen wussten, dass Jesus immer bei ihnen sein wird.
Wir vertrauen wir darauf, dass Ihre Frau nun das sieht, was sie geglaubt hat.

Für uns alle ist der Moment des Abschiednehmens eine Stunde des Innehaltens.

Er lädt ein, das eigene Leben zu überdenken:
• sich zu fragen, wie möchte ich einmal von dieser Welt gehen,
• was muss ich tun, damit mein Leben zum Segen für andere wird – mein eigenes Leben gelingt.

Damit wir bewusst unser Leben leben, und wenn die Stunde des Abschieds kommt auch bewusst darauf vorbereitet sind.

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