Wer aber beharrt bis ans Ende … (Mt 24,13)

Mt 24,13
[13] Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.

[95jähriger Mann nach schwerer Erkrankung]

Liebe Gemeinde,

wir sind hier zusammen gekommen, um Abschied zu nehmen von N.N, der am Freitag letzter Woche zu seinem Herrn berufen wurde. Mit N.N. wird eine Lücke in unser Dorf gerissen, die vielen schmerzlich bewusst sein wird, denn N.N. hat sich gerne – solange er noch konnte – am Dorfleben beteiligt und er war gesellig mittenmang dabei.

N.N. wurde bereits im X in X geboren, so dass er ein stolzes Alter von 95 Jahren erreichen konnte. In dieser sehr langen – fast ein ganzes Jahrhundert umfassenden Zeitspanne – hat er viel gesehen und viel miterlebt. Prägend wird wohl u.a. die Anfangszeit gewesen sein, in der er mit seiner Familie viel herumreiste. Wer mit N.N. zu tun hatte, wird von ihm immer wieder Teile seiner eigenen Geschichte gehört und über die Bilder seiner Ahnen auch gesehen haben. Dazu gehört u.a. die Gastwirtschaft in der Familie, die Konfirmation in X und vieles mehr. Vielleicht hat N.N. über diese Anfangszeit gelernt, wie wichtig es ist, auf Menschen zuzugehen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und gleichzeitig auch, sich um seine eigenen Wurzeln zu kümmern. Beide Richtungen hat er ja auch hier in X, wo er schließlich den größten Teil seines Lebens verbracht hat, verfolgt. In Gesprächen wurde mir berichtet, dass er früher mit Leidenschaft Posaune gespielt hat, wie er überhaupt die Musik sehr geliebt hat. Mir wurde bestätigt, dass er viel unter die Leute gegangen ist, Besuche gemacht hat und gerne zu Scherzen aufgelegt war. Ein Mensch, der gerne mit anderen Menschen zusammen war. Ich selbst konnte ihn nur noch die letzten zwei Jahre seines Lebens erleben, in dem vieles schon stark eingeschränkt war. Aber dennoch: auch dort sah ich, wie sehr er sich über jeden Besuch gefreut hat – im Sommer sogar, wo es ihm möglich war auf der kleinen Bank vor seinem Haus zu sitzen – wie glücklich er war über die Menschen aus unserem Dorf, die sich eine Weile zu ihm setzten und mit ihm plauderten.

Unser Bruder in Christo jedoch hat auch eine andere Linie stark erfahren müssen – und auch diese Linie hat sich wohl durchgezogen in seinem Leben. Es ist die Linie des Verlustes – des Aufgeben- und Loslassen-Müssens: und das gilt für geliebte Menschen ebenso wie für Dinge oder Vorstellungen, die man einst erstrebt hatte. Schon im frühen Kindesalter ist seine Mutter verstorben, später, als er selber Vater war, musste er erleben, wie eine seiner Töchter dem Leben durch eine schwere Krankheit entrissen wurde. Auch seine eigene Frau überlebte N.N. um fast 8 Jahre. Hinzu kamen der Verlust an materiellen Gütern durch die Inflation, der Verlust an Wünschen und Hoffnungen, z.B. bezogen auf sein eigenes Berufsleben – einst wollte er Schlosser werden, bekam aber keine Lehrstelle, so dass er auf den Bau gehen musste und schließlich in den letzten Jahren der immer größer werdende Verlust an Fähigkeiten, die er so gerne einsetzte: die Arbeit an seinen Holzintarsien war nicht mehr möglich, weil die Hände und das Augenlicht nicht mehr mitspielten, die Arbeit an der großen Ahnentafel und in der Ahnenforschung überhaupt konnte nicht so weit getrieben werden, wie er es sich gewünscht hätte. So wurde das Leben einsamer: Fernsehen und Lesen waren keine möglichen Alternative mehr, das Gehen und Laufen wollte nicht mehr so recht funktionieren und auch das Gedächtnis spielte N.N. in der letzten Zeit immer öfter die Erinnerungen durcheinander. Ja selbst seine Leidenschaft, die wohl manchmal auch recht fordernd sein konnte: nämlich das Spazierengefahrenwerden im Auto, verstummte in den vergangenen Monaten. Die letzten drei Wochen war N.N. im Krankenhaus, weil sich durch Schlaganfälle sein Zustand immer mehr verschlechterte. In dieser Zeit wurde ihm auch noch die Fähigkeit zum Reden genommen.

Es sind zwei beachtliche Linien, die sich so durch das Leben von N.N. gezogen haben und ich wage es, in diese Situation hinein den Konfirmationsspruch unseres Bruders in Christo zu verlesen. Obwohl sich N.N. – auch mir gegenüber – nie groß kirchlich geäußert hat, so wurde mir doch berichtet, dass ihm sein Konfirmationsspruch wichtig war, ja vielleicht sogar als Begleiter im Leben eine Rolle gespielt haben mag. Das Bibelwort findet sich beim Evangelisten Matthäus im 24. Kapitel, der 13. Vers: „Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.“

Auf eine interessante Art und Weise, liebe Gemeinde, haben wir bisher gewissermaßen den ersten Teil dieses Wortes nachverfolgen können: ein Ausharren, ein Beharrlich-Sein im Leben, das mehr bedeutet als nur auf etwas beharren. Freilich – so wurde mir berichtet – ist wohl auch N.N. sehr konsequent gewesen: hatte er einen Plan gefasst, so musste er auch erfüllt werden. Auch das ist eine Form von Beharrlichkeit. Aber das biblische Wort, welches den Konfirmationsspruch umgreift, ist größer in seiner Bedeutung. Denn dieses Beharrlichsein, von dem Matthäus spricht hat auch zu tun mit der Gnade, sich auf etwas einlassen zu können. Beharrlich-Sein bedeutet dann mehr als einfach nur mit dem Verstand zu sagen: ja, ich will dies oder das so tun, sondern es bedeutet auch, die Dinge, die einem im Leben widerfahren als gegeben anzunehmen und sich auf sie einzustellen. Damit ist kein Fatalismus gemeint, der einfach willenlos alles auf sich nimmt, was ihm in den Weg kommt, sondern es ist etwas gemeint, was für den Christ ein ganz wesentlicher Moment seines Christ-Seins darstellt: es geht dabei um das aktive Gestalten der Dinge, die einem von Gott geschenkt oder auferlegt werden. Jeder und jede von uns hat schon die Erfahrung machen müssen, dass im Leben Dinge geschehen, sich Entwicklungen ergeben, die man sich wirklich gerne anders gewünscht hätte – z.B. eben berufliche Möglichkeiten, wie wir bei N.N. sehen konnten. Aber es gibt mehrere Möglichkeiten damit umzugehen. Und die eine, von der Matthäus redet, ist das aktive Gestalten im Glauben. Es ist ein Hoffen auf Gottes gerechtes Wirken, das den Menschen seinem Ziel zuführt, obwohl der Mensch es vielleicht selber gar nicht sehen kann. Es ist ein Zutrauen darauf, dass Gott einen Plan mit, der über unsere eigenen Plänen hinausreicht und uns so gebraucht in seiner Schöpfung als seine Mitarbeiter, als seine Mittäter des Wortes und der Liebe. Für uns, die wir zurückbleiben und noch nicht so weit blicken können, wie es N.N. jetzt kann, bleibt vieles wirr und unzusammenhängend. Vieles lässt sich nicht deuten oder nicht erkennen. Mit dieser Spaltung müssen wir Christen in dieser Leben leben – und wir werden auch den Hohn ertragen müssen, der deshalb oft über uns ausgeschüttet wird: denn, wir können es nicht beweisen – wir haben keine nachprüfbaren, wissenschaftlichen Tests standhaltenden Aussagen, die wir machen könnten. Wir können aber unser eigenes Leben im Rückblick deuten, können manchmal im Nachhinein feststellen, dass es etwa gut war, den einen oder den anderen Weg so oder so zu gehen. Und wir lernen, Gottes Wirken an uns in Bilder zu kleiden und zu beschreiben, was wir mit ihm erlebt haben. Wie es N.N. getan hätte, weiß ich nicht. Wie er seinen Konfirmationsspruch gelebt hat, lässt sich nur vermuten. Vielleicht hat ihm die matthäische Beharrlichkeit geholfen, über manches hinwegzukommen, manches anzunehmen und in sein Leben zu integrieren. Seine Abfolge der Tätigkeiten, die ihn ausgefüllt haben, angefangen vom Pflegen des Grabes am Friedhof bis hin zu seiner Forschertätigkeit im Ahnenbereich, lässt dies zumindest vermuten.

Der erste Teil des Spruches von Matthäus kann aber nur gedacht werden, wenn der zweite Teil berücksichtigt wird: denn, wer beharrt und zwar konkret bis zu seinem Ende, der wird einst selig werden. Es ist wie eine Zusage, wie ein Versprechen. Ein Versprechen Gottes übrigens, an das wir uns halten können – nur deswegen beerdigen wir unsere Mitmenschen, weil wir glauben, dass die Geschichte Gottes mit uns Menschen noch nicht aus ist, dass da noch etwas folgen wird, was wir von hier aus nicht überblicken können. In diesem Glauben legen wir auch den toten Leib unseres Bruders in die Erde, darauf vertrauend, dass Gott seine Zusage an diesem einen bestimmten Menschen, an N.N. erfüllen wird, dass er ihn annehmen wird und ihn aufnehmen wird in sein Reich und in seine Seligkeit. Und diese Seligkeit übersteigt unser Wissen, unsere Vorstellungskraft, unseren Intellekt. Dort wird zusammengefügt werden, was wir in unserem Leben nicht verstehen können. Dort werden wird abschließend erkennen und nachvollziehen können, warum diese oder jene Wendung in unserem Leben wichtig und notwendig war. Unser Bruder N.N. ist uns diesen Schritt bereits voraus. Er wird das, was er im Leben angefangen hat, vollenden können.

Wir, die wir zurückbleiben haben als Gedenken an ihn einen Stein auf dem Friedhof, zu dem wir nachher gehen werden. Es ist ein Stück Erde und ein Schriftzug, die nur diesen einzigen Grund haben: uns, die wir noch hier sind, zu erinnen und uns zu mahnen: „Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.“

In diesem Glauben dürfen wir N.N. ziehen lassen, denn wir wissen ihn aufgehoben in Gottes Wirklichkeit. Zum Beharren in diesem Leben aber gehört, dass wir uns annehmen derer, die um ihn trauern, sie stützen und helfen, soweit es uns möglich ist. Tochter, Bruder und Familie so weit beistehen, wie wir es selber können und damit zeigen, was Beharrlichkeit in Jesu Sinne immer vorausgeht: das Eingebettet-Sein in Gemeinschaft, ob in lustiger Geselligkeit, wie es N.N. selber mochte, oder in stiller Begleitung durch traurige Stunden, damit wir hier ein wenig abbilden von dem, was wir einst erwarten: die Gemeinschaft all derer, die uns lieb und teuer sind. „Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.“

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