Wenn sie doch geschwiegen hätten… (zu Hiob 19, 19-27)

Bin ich ratlos, kommen die gutgemeinten Ratschläge schnell. Sind sie aber gut?

Quälen mich bohrende Fragen, haben einige immer schnelle Antworten parat. Nur sind die einfachen Antworten, auch die richtigen, die mich durch schwere Zeiten hindurch tragen?

Hiob gewährt uns einen tiefen Einblick in sein Bangen und Hoffen, da ist er gerade dabei, die gutgemeinten Ratschläge und einfachen Antworten seiner Freunde hinter sich zu lassen, weil sie nicht wirklich aus Freundesherzen kommen, obwohl er gerade jetzt wahre Freunde gebraucht hätte…

Wir hören als Predigttext einen Abschnitt aus dem Buch Hiob aus Kap. 19  die Verse 19-27:

Meine engsten Freunde verabscheuen mich. Sogar diejenigen, die mir am liebsten sind, stehen mir feindselig gegenüber.

Meine Haut klebt nur noch an den Knochen. Nur das nackte Leben ist mir noch geblieben.

Habt Mitleid, habt Mitleid mit mir, ihr seid doch meine Freunde!

Denn Gott hat mich mit diesem Unglück geschlagen.

Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut? Wann hört ihr endlich auf, mich zu zerfleischen?

Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte, dass meine Verteidigungsrede aufgeschrieben wird – wie bei einer Inschrift, die man in den Stein ritzt!

Mit einem Meißel soll man sie in den Fels hauen und ihre Buchstaben mit Blei ausgießen.

Ich weiß ja doch, dass mein Erlöser lebt. Als mein Anwalt wird er auf der Erde auftreten und zum Schluss meine Unschuld beweisen.

Mit zerfetzter Haut stehe ich hier. Abgemagert bin ich bis auf die Knochen. Trotzdem werde ich Gott sehen.

Ich werde ihn mit meinen Augen sehen, und er wird für mich kein Fremder sein. So wird es sein, auch wenn ich schon halb tot bin.“

Das lässt sich medial gut verkaufen:

Vom Tellerwäscher zum Millionär,

die Liebe der Stars und der Sternchen,

das wilde Treiben des verwöhnten Jetsets,

das Leben, Lieben und Leiden in den bekannten Königshäusern,

der tiefe Fall ehemalig Erfolgreicher,

das vermeintliche Schicksal der im Scheinwerferlicht Stehenden, 

der Sumpf von Intrigen und Skandalen und sei es nur der B-Promis…

Die ganzen bunten Blätterwälder und entsprechenden Fernsehformate sind voll davon…

Mit einem Schlag allen Besitz, allen Reichtum, alle Kinder verloren zu haben, unheilbar krank an Körper und Seele zu sein, von der Sonnenseite des Leben in die allertiefsten Abgründe gestürzt zu werden ohne jedes Zutun – auch das geht zu Herzen, erregt Aufmerksamkeit, findet Leser und viele Meinungen dazu. Dazu hat jeder eine Meinung, davon erzählt das ganze Hiobbuch: 

Der Ärmste, die Ärmste, womit hat er oder sie das verdient?

Wie kann Gott das zulassen?

Das Leben kann ganz schön grausam sein…

So schnell kann es gehen…

Da sieht man wieder einmal, dass Reichtum allein noch nicht glücklich macht. Aber morgen dreht sich das Gespräch dann schon wieder um ganz andere Dinge. Wenn es zu viel wird, kann man die Zeitschrift weglegen, das Programm umschalten und auf andere Gedanken kommen. Schicksale erregen und langweilen nach einer Weile.

Im besten Fall erscheint mir mein kleines privates Glück wie paradiesische Glückseligkeit, denn es könnte ja viel schlimmer kommen und ich bin froh, wenn solche Kelche an mir vorübergehen…

Zwischendurch taucht am Horizont die Ahnung auf: gerecht geht es im Leben nicht zu, und verstehen lässt sich auch nicht, warum es wem wann wo wie lange gut geht oder eben schlecht…

Gefühlt treffen Glück und Unglück immer die Falschen: die Übeltäter oder Frommen, Ganoven oder die Gutmenschen. Warum muss der Gerechte leiden, während es dem Übeltäter gut geht? Aber es bleibt  lange Zeit eine theoretische Frage ohne wirklich überzeugende Antwort.

Die Situation ändert sich schlagartig, wenn die Betroffenen zu meinem Leben, zu meinen Verwandten oder Freunden gehören, erst recht, wenn es mich trifft:

Die Diagnose des Arztes durchkreuzt alle Zukunftspläne, in denen es eben noch ums berufliche Durchstarten ging.

Der Unfall raubt Kinder oder Partner.

Die eigene Firma geht pleite und es bleibt einzig der riesige Schuldenberg zurück.

Mit dem Sturm, der Flut, dem Blitzschlag hat keiner gerechnet. Alles liegt in Trümmern – auch das eigene Leben.

Der Ruhestand hat doch gerade erst begonnen und sie hatten sich auf so viele aufgeschobene Unternehmungen gefreut. Der Tod war nicht eingeplant…

Hiobsbotschaften ohne Ende, auch wenn wir nicht Hiob heißen, aber wie Hiob sind…

Was soll man machen, wenn einem das Heft des Handelns aus der Hand genommen wird, man zum Spielball des Schicksals oder Gottes wird?

Es ist schwer allen von Leben gebeugten, allen Getriebenen, allen Vertriebenen, allen leidenden gerecht zu werden. Es gibt auch nicht wirklich den einen Trost oder Rat, der die Situation erträglicher macht. Ich habe früh gelernt, dass auch Ratschläge am Ende Schläge sind und mehr verletzen als heilen.

Hiob macht wohl das einzig richtige: Er verschweigt nicht, wie es ihm geht. Er beschönigt nichts.  Er klagt, er beklagt sich auch über die gefühlte Abwesenheit derer, die er für Freunde hielt und die nur Ratschläge, aber kein Mitgefühl parat haben. Er fühlt sich nicht ernst genommen. Die Ratschläge seiner Freunde vergrößern eher noch sein Leid. Er fühlt sich eher verspottet als verstanden.

Er klagt, er beklagt. Aber es ist eher ein versteckter Hilferuf nach Gott wie einem guten Freund, nach Freunden, die ihm selbst- und absichtslos beistehen, wie hoffentlich Gott auch.

Es braucht Zeit und  Raum zur Klage, wenn Klage dran ist.

Das eigene Leid, das eigene Erleben und Empfinden, die Traurigkeit und Hilflosigkeit lassen sich nicht endlos verschweigen, verdrängen oder schön reden. Sie müssen zu Wort kommen dürfen und diese Klage muss ausgehalten und stehen gelassen werden. Schweigen ist wertvoller als manch gutgemeinter Rat; Zuhören und Schweigen und Beistehen, wenn einer seine Wunden und seine Verletztheit zeigt und stöhnt: „Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Ich stehe völlig nackt dastehen, ausgemergelt und am Ende!

Schaffe mir recht Gott und führe meine Sache…

Wohin sollte ich fliehen, wenn nicht zu dir Herr!“

Und wo soll denn sonst der Ort sein, wenn nicht hier, in einer Kirche, wo alle meine Klagen und meine Sorgen, all meine Fragen und all meine Verzweiflung unter das Kreuz gelegt werden können. Hier ist immer schon gebetet, geklagt, geschwiegen, geweint und gehofft worden. Hier kann ich mich anlehnen an das Kreuz Jesu, es kann mir Halt geben, dass ich nicht den Boden unter den Füßen verliere und unendlich tief falle. 

„Du bist der Gott meiner Stärke (Psalm 43, 2)“    KURZE PAUSE

Wie gehen wir eigentlich mit den Schicksalsschlägen im Leben um?

Es scheint, als sei Gott den Menschen so fremd geworden, so fern aller Erwartung, dass sie ihn anders als im Psalmgebet gar nicht mehr in die Pflicht nehmen. Uns ersparen sie damit unsere Sprachlosigkeit angesichts des Leids und der Ungerechtigkeit, auf die wir keine wirklichen Antworten haben.

Es sind eher wenige, die fragen: wo war Gott da?

Und Gott sei dank ist für viele in unseren Breitengraden das Leben gar nicht der Überlebenskampf, der es einmal war. Sterben und Tod sind uns erst durch die Pandemie wieder zu alltäglichen und allgegenwärtigen Erfahrungen geworden.

„Wenn jemand stirbt, dann mach ich das mit aus“ antwortete eine Zehntklässlerin. Wir wollen also auch die Deutung unseres Lebens und auch des Leidens lieber in der eigenen Hand behalten. Sonst wäre ich ja abhängig, auf Gedeih und Verderben abhängig von Gott und seinem Wohlgefallen, anfällig für einen Handel zwischen Gott und dem, den die Bibel Satan nennt, der austesten möchte, ob Hiob nicht wegen seines Erfolges und Wohlstandes so fromm ist.  Da fällt das Glauben schließlich leicht – auf der Sonnenseite des Lebens.

Aber es waren erstaunlicherweise in meinem Leben immer die, die kämpfen mussten, denen Glück und Zufriedenheit nie selbstverständlich waren, die sich immer strecken mussten und denen nichts in den Schoß gefallen ist, die mir sagten: „all das habe ich nur geschafft, weil ich meinen Glauben hatte.“ 

Da scheint eine Kraft zum Tragen, auch zum Ertragen verborgen zu sein, die Menschen durchhalten lässt und  Flügel verleiht.

Da scheint ein Trotz möglich, der sich widersetzt – der Situation, der Ausweglosigkeit, der Resignation, auch der Verzweiflung und Sprachlosigkeit, die gute Freunde red- und ratselig zu übertönen versuchen.

Manchmal ist es auch die Erfahrung, dass ich im Fallen noch Gottes  Hand spüre – oder einfach der Trost, dass Gott mich aushält, mit mir schweigt und trauert und mir die Zeit und Ruhe dazu lässt.

Deswegen ist es so wichtig, dass wir alle zusammen im Jahr auch stille, gemeinsame Tage haben, wie den Karfreitag und den Ewigkeitssonntag oder den Volkstrauertag.

Stille braucht ihren Raum, ohne gleich übertönt zu werden.

Und in die Stille und in die Klage hinein kann dann die Hoffnung hineinwachsen, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, selbst wenn ich mich am Ende fühle.

Das dicke Ende kommt erst noch: „ich weiß, dass mein Erlöser lebt und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.“

Hiob wusste noch gar nichts von Ostern, aber an die Lebenskraft und den Lebenswillen Gottes konnte er sich klammern.

Was mit Kraft zum Tragen und Widerstehen gibt, was mir Mut macht, einen Augenblick auszuhalten und dann  aufzustehen, zu Schweigen und zu weinen, dann aber zu leben und zu hoffen, dass ist die feste Überzeugung, dass am Ende Gott das letzte Wort behält. Es gibt eine Gerechtigkeit, die allen widerfährt, das Unrecht kann nicht in alle Ewigkeit bestehen. Der Spott der Besserwisser oder derer, die immer oben schwimmen, kann nicht die letzte Wirklichkeit sein, jedes Leben ist Ausdruck von viel zu viel Phantasie und Reichtum, als das es dem Vergessen und Vergehen preisgegeben werden kann .

Darauf hoffe ich, darum glaube ich, daraus schöpf ich Kraft und Zuversicht: „ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“

Ich muss dazu gar nicht wie Hiob alles am Ende alles doppelt vergolten bekommen. Ich möchte nur nicht tiefer fallen als in Gottes Hand, im Leben und im Sterben. Ich möchte Licht am Ende des Tunnels sehen. Ich möchte beten können wie der Psalm: was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir? Harre auf  Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. Ich möchte glauben.       Amen

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