Wein der Lebensfreude

Isoliert und alleine leben viele Menschen in diesen Tagen. Wir halten großen Abstand zueinander, denn Nähe könnte gefährlich werden für mich und andere. Wann wird das vorbei sein? Wir hören bisweilen nur von Hochzeiten. Feiern dürfen wir sie nicht.

„Die Stunde ist noch nicht gekommen“, könnten wir mit einem leicht gewandelten Vers aus unserer Bibelstory antworten. Und dennoch ist das Heil mitten unter uns.

Wir sind isoliert und dennoch sind vorhin sicherlich viele Zeichen geschehen: Sie haben einander zugelächelt, zu genickt. Haben die Hand zum Gruß erhoben. Haben auch miteinander gesprochen – mit gutem Abstand.

Aus Wasser wird Wein.

Wer in Christus lebt, der darbt nicht dahin unter den Zeichen der Nacht. Wer in Christus lebt, hat der Sorge, sich anstecken zu können, heute nicht die Vorfahrt gelassen. Was ja nicht heißt, dass wir unvorsichtig sind. Wir gehören nicht zu denen, die Gefahr und Tod leugnen. Wir haben Angst und Hoffnung zugleich. Letzteres möge stets stärker sein.

Darauf liegt der Akzent, das ist die Botschaft: Wer in Christus lebt, der wandelt in Hoffnung und Zuversicht. Wer in Christus lebt, trägt Freude ins Leben. Wer in Christus lebt, wandelt dem Licht entgegen.

Ich finde es so passend, dass Johannes das erste Zeichen der kommenden Herrschaft Jesu mit einem Hochzeitsfest verbindet. In kaum einem anderen Fest liegt soviel Hoffnung auf gute Zukunft. Hochzeiten waren mir die liebsten Feste, die ich als Pfarrer begleiten durfte.

Zwei Menschen feiern das größte Glück ihres Lebens, weil sie einander gefunden haben, sich lieben, dem Leben darum Zukunft geben werden in ihren Kindern.

Zum Fest gehört Wein „der des Menschen Herz erfreue“,  wie in Psalm 104 gesungen wird. Natürlich wissen wir um die Gefahren des Alkoholismus. Wir sind ja nicht dumm. Aber darum geht es ja nicht: Wir sind von Herzen froh und dazu mag Wein passen. Umgekehrt führt es stets in den Abgrund, wenn erst der Wein da sein muss, damit überhaupt Freude ins Herz komme.

Aus Wasser wird Wein. „Das kann ich auch“, sagte mir mal ein Winzer, als er bei einer Weinprobe mitbekommen hatte, dass ich Pfarrer bin. Ihm fiel natürlich gleich unsere Bibelstory ein….

Das Mirakel „Aus Wasser wird Wein“  haben zeitgenössische Zauber-Künstler im Repertoire.

Die Griechen kannten den Gott des Weins, Dionysos. In Mainfranken lebt er als Traubensorte „Bacchus“ mit seinem römischen Namen weiter.

In seinem Tempel wurde ebenfalls dieses Mirakel aufgeführt. In einem versiegelten Raum stellte man Krüge mit Wasser  auf, das sich im Lauf des Festes in Wein verwandelte. Dionysos war ein Gott der Unterwelt, der zyklisch ins Leben trat. Wild und ekstatisch müssen seine Feste gewesen sein, voll Rausch um dann doch im Tod zu enden.

An derartige und in damaligen Zeiten weit verbreitete Mythen knüpft Johannes an mit seiner Erzählung vom „ersten Zeichen“. Seine damaligen Leser mögen sofort verstanden haben, worum es geht, nämlich darum Christus als Gott des Lebens, zu erkennen, dessen Kult uns nicht berauscht, sondern befähigt zum Leben in Liebe und Versöhnung. Darum geht es: In Christus das Leben zu erkennen. Mit Mirakeln und Zaubertricks hat das nichts zu tun. Aber sehr viel mit Glauben.

Was für ein Mensch bist du? Mehr der Lebensfreude oder mehr dem Todesernst zu gewidmet?

Christen, insbesondere diejenigen der reformatorischen Kirchen standen bzw. stehen im Verdacht, freudlos und gebückt, stets vergrämt der eigenen Sünden wegen durch das Leben zu schleichen. Überall erblicken sie Sünde, spüren ständige Gefahr durch Genuss, Lust und Tanz auf Abwege geführt zu werden.

Noch heute wehren sich Hugenotten (die aus Frankreich stammenden Anhängerschaft Calvins) dagegen, als derart freudlose Gestalten abgestempelt zu werden („Hugenotten“, Jahrgang 73, 2009).

Noch heute wird gerne der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche als Zeuge dazu aufgerufen, wie sehr Menschen durch das düstere „Wir-sind-alle-Sünder-Gefühl“ des Pietismus belastet worden sind. Der Philosoph und Pfarrerssohn, der sich im Alter ganz vom Christentum losgesagt hatte, unterschrieb einige seiner letzten Briefe mit Dionysos.

Lebensfreude, so die Pointe, gibt es nur jenseits des Christentums, nicht in ihm.

Dem widerspricht Johannes mit seiner so humorvoll lebenslustigen Erzählung vom „ersten Zeichen“, mit dem Christi Offenbarung als Sohn Gottes, als Licht der Welt, beginnt. Hochzeit war damals ein Sinnbild, ein Signalwort für die kommende Herrschaft Gottes, für die Ankunft seines Reiches.

Darum geht es, dass wir diese Signalwörter des Glaubens in unseren düsteren, einsamen, isolierten Tagen und Wochen nicht verlernen, nicht vergessen.

Die „Hochzeit zu Kana“ ist ein Geschichte gegen unsere Vergesslichkeit. Sie ist eine Geschichte gegen unseren Missmut, unsere ständige Angst und Sorge. Es ist eine Erzählung von kommender Freude, vom Miteinander, vom Leben.

Und obwohl unser Leben von allen möglichen Seiten bedroht ist, so freuen wir uns dennoch und feiern das Fest des Glaubens. Wir leiden in dieser Zeit und dennoch:  Wir freuen uns des Lebens. Denn Lebensfreude, das ist Gottes Wille für uns.

Gottes Zukunft kommt. Daran zu glauben ist bisweilen schwer. Wir leben in einer Spannung: Wir leben im Hier und Jetzt, einsam bisweilen und isoliert.

Und nun könnten wir das Klagelied singen:

Oh weh, wie schlimm sind unsere Zeiten.

Oh weh, wie verrückt sind manche Menschen in diesen Tagen.

Oh weh, wie irrsinnig gebärden sich Menschen, die dennoch viel Verantwortung tragen.

Ach, lassen wir das. Wir leben in einer Spannung. Wir leben im Hier und Jetzt. Und unsere Seele, unser Glaube hebt uns aus all dem heraus in die Zukunft Gottes.

Hochzeit, das Fest mit Gott, das ist Ziel des Lebens jenseits des Todes. Um der Kürze willen schauen wir auf die Wegweiser:

Friede und Versöhnung, das ist das Ziel, zu dem wir uns hinziehen lassen.

Nähe, Umarmung und ein Kuss. Das alles wird wieder kommen.

Das ist das erste Zeichen. Das ist frohe Botschaft: Gott ist in Christus bei uns.

Jesus wandelt uns das Wasser des Lebens hin zum Wein der Lebensfreude.

Amen

Übertragung des Gottesdienstes mit dieser Predigt:

https://www.youtube.com/watch?v=6V5pVBPKgsA

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