Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

Liebe Gemeinde,

„Weihnachten! Früher einmal, das habe ich schon an anderer Stelle gesagt, war Weihnachten das ganze Jahr über der Jubelschrei des Volkes für alle Feste. Man ruft so lange Weihnachten, bis es kommt! Wenn man an die Geheimnisse der Sprache glaubt, dann trägt dieser Glücksschrei unsere ewige Zukunft in sich. Das Reich des Kindes. Alles, was an die Macht auf Erden glaubt, stolziert einher und schmückt sich mit dem Firlefanz der Macht: Zepter, Ehrungen und Titel aller Art. Das Kind dagegen ist nackt, aber seine kleinen Hände strecken uns eine nicht greifbare, leuchtende Kugel entgegen: das Paradies.“

So weit der Schriftsteller Julien Green in seinen Tagebüchern 1990-1996.

Ich weiß nicht, ob Sie die Bescherung schon hinter sich oder noch vor sich haben. Sicher hängt es auch davon ab, ob Sie diesen Tag zusammen mit Kindern feiern oder nur mit Erwachsenen oder vielleicht ganz alleine. Vieles hat sich in den vergangenen Wochen um Geschenke gedreht, die heute ausgepackt werden.

Was sind die schönsten Geschenke? Doch die, in denen man sich durch die Person, die schenkt, noch ein Stück besser verstanden sieht, als man sich selbst versteht. In denen man sich vielleicht besser und deutlicher erkennt, als man sich zuvor gekannt hat. Geschenke, durch die man sich zugleich bestätigt und herausgefordert sieht und wo solches kein Widerspruch ist, sondern eine beglückende und sinnstiftende Erfahrung. Geschenke, deren Fülle und Üppigkeit den Empfänger nicht verlegen macht oder ihm peinlich ist, sondern die ihn froh und glücklich stimmt. Es sind wohl wirklich die Kinder, denen es am leichtesten fällt, Geschenke in dieser Weise zu empfangen. Ohne nachzurechnen, wann und wie sie ihrerseits schenken könnten und müssten, es sind die Kinder, die annehmen können und leben durch Geschenke. In dem Text, über den wir in diesem Jahr in der Christvesper nachdenken, geht es auch um ein Geschenk, um ein ganz besonders großes sogar:

[TEXT]

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er ihr etwas geschenkt hat, was ganz unaufdringlich und gar nicht in beschämender Prächtigkeit verpackt war. Seinen Sohn. Noch ein Kind mehr auf der Welt, ein armes noch dazu – darauf hätte man auch verzichten können – so ließe sich die Geschichte von Christi Geburt im Stall von Betlehem auch auslegen. So legen und legten es vielleicht diejenigen aus, die immer so sehr auf Verpackung achten. Nur, wo es viel drumherum gibt, da ist auch etwas dahinter. Ich habe in den letzten Wochen beobachtet, wie Verkäuferinnen unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte verpackt haben, in Buchhandlungen und Drogeriemärkten. Hauptsache, es sieht nach was aus – auch wenn der Inhalt dem Empfänger vielleicht gar nicht gefällt und dem Geber gleichgültig ist. Das ist eine Vermutung, beurteilen kann ich es nicht wirklich. Und vor dem, weswegen wir heute feiern, ist es auch unbedeutend 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Wer an ihn glaubt, der ist gerettet, das ist die Botschaft, um die es geht. „Das Licht ist in die Welt gekommen“, heißt es da. Und auch, dass die Menschen die Finsternis im Allgemeinen mehr lieben als das Licht. In unserem Predigttext spricht der erwachsene Jesus von Nazareth zu dem jüdischen Gelehrten Nikodemus, der im Schutz der Nacht zu ihm gekommen ist. Oberflächlich betrachtet scheint das zumindest heute nicht mehr zutreffend. An Beleuchtung fehlt es wirklich nicht, zumal in der Vorweihnachtszeit. Eher leiden wir unter Verblendung. Leuchtreklamen, Lichterketten, Laserstrahlen – bei so viel Licht scheint dieses eine Licht, das da vom Stall von Betlehem ausgeht, gar keine Chance zu haben. Obwohl ja künstliches Licht auch ein Versuch sein kann, eine tiefe innere Dunkelheit auszublenden.

Leicht hat es die christliche Botschaft heute bestimmt nicht. Ich gebe Religionsunterricht an einer Grundschule. Abgesehen davon, dass nur wenige Kinder von ihren Eltern da hingeschickt werden, bin ich manchmal erstaunt, was offenbar in den Familien an Botschaft noch übriggeblieben ist. „Jesus war a) ein Filmstar b)ein Zauberer C) Gottes Sohn d) ein Polizist“ – bei dieser Testfrage in einer Klassenarbeit waren der Filmstar und der Zauberer die beliebtesten Antworten. Da kommt man sich manchmal doch ganz schön verloren vor mit der Botschaft „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeboren Sohn gab“, und muss sich den zweiten Teil des Satzes: damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben, selbst noch einmal fest einhämmern. „mitten in der Welt der Sünde“, so heißt es in einer theologischen Erklärung von 1934, auf die wir Pastoren uns verpflichtet haben, „mitten in der Welt der Sünde“, sind wir aufgerufen, „als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein Jesu Christi Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.“ Das klingt schwierig. Es heißt aber nichts anderes, als immer wieder laut zu sagen: Es gibt eine Hoffnung, einen Lichtblick für jeden einzelnen Menschen. So sehr er auch in Schwierigkeiten steckt, so sehr ihm auch die Welt ungerecht und sein eigener Kummer, seine eigenen Probleme unüberwindlich scheinen: Jesus Christus, dieses nackte Kind im Stall, ist für ihn geboren, gestorben und auferstanden. Das ist die frohe Botschaft, die für jeden von Ihnen gilt.

„Und das ist alles? Ein Kind in einer Futterkrippe?“, so hätten ja auch die drei prachtvollen Könige aus dem Morgenland sagen können (oder die Hirten) – und dafür sind wir so weit gelaufen?“ Aber sie haben etwas erfahren, was ich Ihnen allen wünsche, heute und nicht nur zur Weihnachtszeit: dass ihr Blick sich verändert. Sie haben Augen für das Wunderbare bekommen, das Wunderbare, das mitten im Dunkeln dieser Welt seinen hellen und warmen Schein verbreitet. Einen Schein, der nicht erbarmungslos grell die besonders hässlichen Winkel des Stalles ausleuchtet, sondern direkt von dem Kind in der Krippe in unsere frierenden Herzen dringt. Dann ist die Welt gerettet, wenn wir mit den Augen der Liebe sehen können. Gott hat die Welt geliebt, er liebt sie weiter. Er hat uns seine Liebe ganz nackt und unverpackt geschenkt , damit wir sie weitergeben können, sie wird davon nicht weniger, wir werden nicht ärmer, und wenn wir sie hundertmal teilen. Wir brauchen sie nur einfach anzunehmen.

Ein Weihnachtslied aus unserer Zeit endet so: „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein. Nimm an des Christus Freundlichkeit, trag seinen Frieden in die Zeit. Schreckt dich der Menschen Widerstand, bleib ihnen dennoch zugewandt. Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht endlos sein.“ Ich wünsche Ihnen eine helle Christnacht. Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, der heute Mensch geworden ist.

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