Weihnachtslied

Liebe Gemeinde,

frohe Weihnachten, das wünschen wir uns heute und davon singen und sagen wir in der Heiligen Nacht. Denn die frohe Weihnachtsbotschaft will nicht doziert und diskutiert, sondern gesungen werden. Kein Wunder, dass dieses Wunder an diesem Abend nicht vorrangig vom Pfarrer, sondern durch die Kehlen der Sänger und mit Instrumenten und Orgelpfeifen gepredigt wird – bis auch die übers Jahr religiös Unmusikalischen mitsummen und die Melodien Geist und Herz zum Klingen bringen.

Aber jedes ordentliche Lied hat auch einen Text. Und der Vers aus dem Timotheusbrief ist ein solcher Liedtext. Als wäre dem Apostel Paulus, als er diesen Brief an seinen Mitarbeiter und Freund schrieb, der Gedankenfluss durch einen unvermittelt in ihm aufsteigenden Gesang unterbrochen worden. Und so steckt in diesen kurzen Zeilen eine gewaltige Symphonie, die vom Himmel herabsteigt zur Erde und wieder hinauf und wieder hinunter und wieder hinauf. Und wie in allen guten Liedern wird ein Geheimnis besungen. Die Liebe ist eins. Das Leben ist eins. Gott und sein Christus sind eins. Und von letzterem handelt dieses Weihnachtslied.

Es besingt nichts Geringeres, als dass an Weihnachten der Himmel zur Erde und die Erde zum Himmel kommt. Es besingt nichts Geringeres, als dass Gott ein Mensch wird; ein Gott mit menschlichem Gesicht; ein Gott mit Hand und Fuß sozusagen. Welch eine Ehre für das Fleisch, wie Paulus den Menschen nennt. Gott ist offenbart im Fleisch. Und da bleibt keiner, was er vorher war. Nicht Gott und nicht wir. An Weihnachten wird alles anders.

Wir haben auch im vergangenen Jahr viele garstige Lieder hören müssen über den Menschen und über das, was sich Glauben nennt. Grausige Attentate von religiösen Fanatikern gehören zum alltäglichen Nachrichtenbestand und bringen nicht nur den Islam, sondern den Glauben überhaupt in Generalverdacht. Solange es Religionen gibt, wird es solche Untaten geben, tönt es selbstvergessen aus dem Munde so mancher Religionsverächter. Selbstvergessen, weil die Millionen Opfer des letzten Jahrhunderts auf das Konto atheistischer und religionsfeindlicher Ideologien wie dem Kommunismus und dem Faschismus gingen, gegen deren menschenverachtende Menschenverherrlichung mit ihren entfesselten Gewalten die Kreuzzüge wie Kaffeekränzchen erscheinen. Und die Opfer des Kapitalismus, dem der Strom des Geldes alles und der Hunger, die Armut, die Ungerechtigkeit, unter denen Menschen weltweit leiden, nichts gilt, sind noch nicht gezählt. Die Decke der Zivilisation erweist sich auch im 21. Jahrhundert als erbärmlich dünn und löcherig.

Nein, wir wollen nicht verschweigen, dass die 2000jährige Geschichte der Christenheit unheilvolle Kapitel hat. Dass im Namen des Glaubens auch in der Christenheit gemordet wurde. Dass der Glaube missbraucht wurde, um im Namen Gottes Angst und Schrecken zu verbreiten. Dass die Kirche den Versuchungen der Macht erst in ihrer jüngsten Geschichte gründlich abgeschworen hat. Dass Menschen die Kirche und die Gemeinde als Podest benutzen, auf das sie steigen, um sich in ihrem eigenen Glanz zu sonnen. Dass eben auch sie „Fleisch“ sind und ihr eigenes Evangelium nötig haben, wie die ganze Welt. Gepredigt den Heiden, wie sie auch in der Kirche in großer Zahl vorkommen.

Aber was um Himmels willen wäre die Welt ohne dieses Weihnachtslied? Ohne die Heilige Nacht? Ohne die Botschaft, dass Gott den ausweglosen Menschen nicht mit sich selbst allein lässt, sondern ihm zeigt, was er eigentlich ist?

Nein, der Stall von Bethlehem liegt nicht in Harry Potters Hogwarts oder in Frodos Mittelerde. Schön sind die alten und modernen Märchen, solange sie nicht zum Refugium eines Eskapismus werden, der mit der Welt nichts mehr anfangen mag und mit der Wirklichkeit endgültig fertig ist. Dagegen singt und sagt uns das Weihnachtslied, dass Gott, Gott sei Dank, mit uns und unserer Welt noch nicht fertig ist. Und so legt er sich auf Heu und auf Stroh und zeigt der Welt sein Gesicht – blickt die aufgerüstete und hasserfüllte Menschheit entwaffnend an aus einem Kindergesicht. Allah mag groß sein und ewig groß bleiben. Unser Gott kann sich klein machen. Das ist der Unterschied. Auf den können und wollen wir nicht verzichten. Denn der Gott als Menschenkind ist der Grund und Anfang des Menschen als Gotteskind. Auf dass der Mensch nach Hause gebracht wird und zurückkehrt in seine gottgewollte Bestimmung. Dieser Weg des Christus zur Welt ist gerechtfertigt im Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn.

Und schon befinden wir uns mitten in der Dreieinigkeit Gottes, die sich nicht als geschlossene Gesellschaft erweist, sondern noch Platz hat für Dich und für mich, ja für die ganze Welt. Die Mission des Christus ist es, die Welt, die von Gott ausging, wieder dorthin zurückzubringen, wo sie hingehört. Wenn das Christuskind in der Krippe die Augen aufschlägt, hat es sich die ganze Schöpfung schon auf Herz und Schultern geladen. Und ihr Bild erscheint auf einmal nicht länger nur vor Teufel und Tod, sondern im Angesicht der Engel. Menschheit und Schöpfung werden wieder eingemeindet in die himmlische Gesellschaft. Der Vorgeschmack der Hölle weicht dem Ausblick auf das Himmelreich.

Und davon muss doch auch unsere Kirche und Gemeinde etwas haben. Ja, noch sind wir von dieser Welt. Wenn wir aber an der Krippe des Christuskindes stehen und verstehen, was da beginnt, dann können wir uns nicht länger abfinden mit allem, was unmenschlich und menschenverachtend ist. Dann können wir uns nicht abfinden mit Gleichgültigkeit und Geistlosigkeit. Strukturen und deren Reform waren in den letzten 10 Jahren das große Thema einer mit sich selbst beschäftigten Kirche. Aber die Kirche wird von der Verwaltung verwaltet und eben nicht geleitet. Was in der Kirche zu geschehen hat, bestimmt nicht die Geschäftsordnung, sondern Gottes Wort und sein Heiliger Geist. Gerechtfertigt im Geist, das sollte die Richtschnur für unser geistliches und unser weltliches Leben als Christenmenschen sein.

Damit nicht nur das Kind in der Krippe, sondern auch unser Denken, Reden und Tun etwas von der Fleischwerdung Gottes erzählen kann. Gott offenbart sich im Fleisch. Gott wird dem Menschen ein Mensch. Und genau das ist auch der Weg seiner Jüngerinnen und Jünger. Geglaubt in der Welt – das zeigt sich nicht in zur Schau gestellter Frömmigkeit und Heiligkeit, sondern in wahrer Menschlichkeit. Wer Gott sucht und ihm nahe sein will, braucht sich gerade nicht auf den Weg in den Himmel machen, sondern auf den Weg in die Welt, auf den Weg zu den Menschen und allen Geschöpfen. Denn dort ist Gott angekommen in der Heiligen Nacht. Und deshalb darf Weihnachten auch ein ganz weltliches Fest sein. An Weihnachten dürfen wir unsere Welt im Glanz der Lichter mit anderen Augen sehen. Banal ist die Bosheit, Gleichgültigkeit und Geistlosigkeit der Welt. Aber schaut, seit Weihnachten hat sie ein Geheimnis. Gott ist auf ihr unterwegs, um uns als seine Kinder nach Hause zu bringen, damit auch wir aufgenommen werden in die Herrlichkeit.

Das ist der Schlussakkord unseres Weihnachtslieds und darauf singen wir: Amen.

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