Weihnachtsgottesdienst-Besucher sind Glanz-Sucher

Predigt an Heiligabend zum 1. Tim 3,16: Weihnachtsgottesdienst-Besucher sind Glanz-Sucher
1. Der fehlende Glanz der Welt
2. Weihnachtsgottesdienst-Besucher sind Glanz-Sucher
3. Das Geheimnis des Glaubens bringt und bewahrt den Glanz
4. Christus bleibt Geheimnis

1. Der fehlende Glanz der Welt
Liebe Gemeinde,
unserer Welt kommt der Glanz abhanden.
Wir zünden mehr und mehr Lichter an als je zuvor. Alles glänzt schon seit Wochen in den Geschäften, in der geschmückten Innenstadt, in den Werbesendungen im Fernsehen.
Alles glänzt. Ganzjährig, nicht nur in der Vorweihnachtszeit.
Wie kann ich da dann behaupten: Der Welt kommt der Glanz abhanden?

„Wenn die Dinge keinen Glanz mehr haben, steht ihre Zerstörung unmittelbar bevor.“* Was keinen Glanz hat, das hat auch keinen Wert mehr, verliert seinen Nutzen. Es kann entsorgt werden. Das gilt und galt für Sachen ebenso wie für Menschen. „Eine Gegenerfahrung hierzu ist das Leuchten im Angesicht der Kinder oder der verheißungsvolle Glanz, der am Morgen über dem noch frischen Tag liegt, der zumal von den Sonn- und Feiertagen her erneuernd auf Raum und Zeit fällt.“
Doch „angstvoll registrieren wir heute den Schwund des Glanzes aus unserer Welt. Mit bestürzender Geschwindigkeit scheint sich alles zu verbrauchen scheint der Mensch alles zu vernutzen.“
In Europa ist diese Angst zur Zeit stark.
Signale der Zerstörung der Welt, wie wir sie kennen und wie sie über Jahrhunderte hin gewachsen ist, werden wahrgenommen. Und diese Signale beschränken sich keinesfalls auf das, was manche evangelische Pastoren gern von den Kanzeln predigen: es sind nicht unbedingt mangelnde Solidarität mit Schwächeren oder die Umweltverschmutzung, es ist auch nicht unbedingt die Bedrohung von Islamisten oder einer vermeintlichen allein auf Konsum orientierten Gesellschaft.
Die Signale liegen begründet im Auseinanderbrechen des Weltbildes, das für nunmehr zwei Jahrtausende den Ton angegeben hat.
Dies gilt für Europa, von dem dieses Weltbild in die Welt herrschaftlich hinausgetragen wurde.
Es gilt aber grundsätzlich auch für die gesamte Welt.
Gott ist verblasst.
Und mit ihm scheint sich der Glanz zu verabschieden, der die Welt umfangen hatte, als das noch anders war.
Egal, wieviele Lichterketten über die Weihnachtsbäume geworfen werden.
Egal, wieviel Lack aufgetragen wird.

Der Glanz in der Welt scheint sich zu verabschieden.

„Darum liegt eine allgemeine Dringlichkeit in der Frage: Kann es für uns eine Wiederkehr des Glanzes geben? Ist ausgerechnet das Christentum, selbst tief verstrickt in den Prozess des postmodernen Niedergangs, dennoch ein Quell der Hoffnung?“

2. Weihnachtsgottesdienst-Besucher sind Glanz-Sucher
Das Christentum als Quell der Hoffnung?
Zunächst ist dazu anzumerken, dass sich das Christentum in der Welt als ziemlich zerzaust und zersplittert zeigt.
All die verschiedenen Kirchen!
All die vielen unterschiedlichen Erscheinungsformen des Christentums!
Welche Erscheinungsform ist gemeint, wenn es als Quell der Hoffnung für den Glanz der Welt angegeben wird?
Unsere evangelische Kirche mit all ihren Macken, Streitereien auf Nebenkriegsschauplätzen und der ihr nachgesagten Verniedlichung der Botschaft?
Oder doch vielleicht eher die katholische, allzumal hier in Fulda, mit ihrem neuen und endlich auch von Presse und Weltöffentlichkeit beliebten Papst Franz?
Oder sind die Quelle der Hoffnung für den Glanz der Welt einfach die Kirchgänger?
Oder der Bibelgesprächskreis?
Oder die mir sehr hoch geschätzte Gruppe von manchen meiner Kollegen abfällig als Weihnachtschristen bezeichneten Menschen, die unserer Kirche die Treue halten, obwohl sie nur einmal im Jahr einen Gottesdienst besuchen?

Quell der Hoffnung kann, das merkt ihr bei dieser kleinen und nicht hinreichenden Aufzählung bereits, „das Christentum“ als solches nicht sein.
Das Christentum: das setzt sich zusammen!
Das ist jeder einzelne Christ, jede einzelne Christin.
Du bist gemeint mit: Das Christentum.
Du in den Namen Jesu hinein getaufter Mensch bist gemeint, wenn es ums Christentum geht.
Und wie hoffnungsvoll das Christentum dann ist, dass weiß jeder und jede bei der Schau auf den eigenen Glauben.
Und diese Hoffnung konkretisiert sich dann in den Handlungen eines jeden Individuums aus Glauben heraus.
Und da ist er dann auf einmal wieder: Der Glanz der Welt!.

Nun seid ihr heute Abend hierher gekommen; in unsere Kirche.
Es mögen unterschiedliche Interessen sein, die euch hierher geführt haben.
Da ist die Seniorin, die guter Tradition folgt.
Da sind Angehörige von auswärts zu Besuch, die wurden einfach mitgenommen.
Da ist der Familienvater mit seinen Kindern, der für eine Stunde vor der anrückenden Verwandtschaft geflohen ist.
Und dazwischen sitzen andere mit weiteren Motiven.

Dass Weihnachten mehr ist als ein paar freie Tage und ein Haufen Geschenke, das wissen alle.
Doch all diesen verschiedenen Interessen-Gruppen ist gemein, dass sie hier das zu finden hoffen, was unserer Welt abhanden zu kommen scheint.
Ich behaupte: Fast Ihr alle seid heute Abend hier, weil Ihr hoffnungsvoll von der Wiederkehr des Glanzes in der Welt hören wollt.
Und es spielt keine Rolle, ob ihr regelmäßig einmal im Jahr hier seid oder versucht, jeden Gottesdienst im Bonhoeffer-Haus mitzunehmen:
Weihnachtsgottesdienst-Besucher sind „Glanz-Sucher“!

Werdet ihr den Glanz der Welt hier finden?
Nur spärlich sind die Kerzen angezündet, da würde auch noch mehr gehen!
Der Weihnachtsbaum zählt weniger Elektrolämpchen als eine Zweigbeleuchtung in einem durchschnittlichen Supermarkt.
Und der Weihnachtsstern könnte auch längst ausgetauscht worden sein.

Freilich: Die Stimmung ist feierlich.
Und das kann eigentlich nicht an den Äußerlichkeiten des Bonhoeffer-Hauses liegen.
Hier ist eine Sache entschieden anders als im Kaufhaus oder der bereits im Oktober durchgeführten Firmenweihnachtsfeier:
Hier ist der Christus.
Hier ist das Licht, das der Welt seinen Glanz erst verleiht.
Hier ist Heiligkeit, denn hier tritt die Gemeinschaft der Gläubigen zusammen und hört auf Gottes Wort.
Immer wieder.
Weil ihr verstanden habt, dass dieses „mehr“ in unserer Welt extra für Euch da ist!
Weil ihr begriffen habt, dass am Ende nichts den Glanz in der Welt vertreiben kann.
Weil ihr selbst Teil dieses Glanzes seid.
Ihr habt Anteil am Geheimnis des Glaubens!

3. Das Geheimnis des Glaubens bringt und birgt den Glanz
Aber warum denn noch Geheimnis?
Was soll denn das wieder heißen?
Rätselraten am Heiligen Abend?
Der Apostel Paulus schreibt über dieses Geheimnis des Glaubens im 1. Brief an Timotheus im 3. Kapitel den denkwürdigen 16. Vers, der nach meiner Übersetzung so klingt:
Lesung von 1. Tim 3,16 (eigene Übersetzung):
Groß ist unzweifelhaft das Geheimnis des Glaubens!
Das gezeigt wurde in einem menschlichen Körper,
das in die richtige Gottes-Beziehung gesetzt worden ist,
das von den Engeln geschaut wurde,
das den Völkern kommuniziert und
im Kosmos geglaubt wird
sowie aufgenommen ist in die Herrlichkeit, also: den Glanz Gottes.

Das Geheimnis, liebe Gemeinde, um das es hier geht, ist von Euch wahrscheinlich jetzt oder beim Vorlesen bereits gelöst worden.
Es ist Jesus Christus, der Gottessohn, das Kind in der Krippe. Das ist schon das ganze Geheimnis des Glaubens.

Bloß verhält es sich mit diesem nun gelüfteten Geheimnis ein wenig so, wie mit dem verlorenen Glanz der Welt:
So wie es nichts nützt, mehr Kerzen anzuzünden um den Glanz in die Welt zurückzuholen, so wenig nützt es, das Geheimnis des Glaubens allein in der Weihnachtsgeschichte mit Maria und Joseph und einem schreienden Säugling zu suchen.
Da können wir Event-Weihnachts-Gottesdienste machen bis wir umfallen, können Mega-Krippenspiele aufführen und fromme Weihnachtsliedchen singen bis wir heiser sind.
Es wird dadurch zurückgehalten, ja fast erstickt, wenn man das Geheimnis des Glaubens auf eine – übrigens historisch recht zweifelhafte – Geburt im Stall von Bethlehem beschränkt und Ochs und Esel dazu muhen und i-a-en lässt.

Und so bleibt das „Geheimnis des Glaubens“ auch weiterhin „groß“, obwohl es heute Abend weltweit in aller Munde ist.
Es bleibt vielen ein ungelöstes Geheimnis, dass nach wie vor die Kirchen den gekreuzigten und auferstandenen Jesus predigen. –
Doch von diesen Dingen geht ein weit größeres Licht aus als von der – zweifellos hübschen – Erzählung von der Krippe in Bethlehem, den Hirten und einer Handvoll Astrologen, die seinen Stern gesehen haben wollen.

Groß ist das Geheimnis des Glaubens nach wie vor, wo nicht wahr gehabt werden will, dass dieses Kind in der Krippe zu uns geschickt wurde, um vor allem das Verhältnis Gottes zum Menschen zu klären und zum Ausdruck zu bringen:
Dass Gott eine liebende Beziehung zu uns hat, und wir nicht die Vollstreckungsgehilfen seiner Gebote sein sollen oder christliche Moralapostel zu sein brauchen, damit er uns anerkennt.

4. Gott bleibt Geheimnis
Dies Geheimnis kann freilich von uns Menschen niemals gänzlich durchdrungen werden.
Reden wir von Weihnachten, so sprechen wir immer auch von der Menschwerdung Gottes.
Und Gott bleibt Geheimnis der Welt bis zum Ende aller Tage.
Er hat dunkle Stellen, unser Herr, in die eben kein Licht fällt – auch nicht das Licht der Weihnacht.

Dass das so ist, das weiß jeder, der Verluste zu betrauern hat.
Oder über eine Trennung nicht hinweg kommt.
Jeder, der schon einmal ernsthaft krank war kennt sie, diese dunkle Seite Gottes.

Für uns heute – trotz säkularen Zeitalters – ist er aber nach wie vor sichtbar, der Glanz der Welt:
Indem wir auf die Krippe schauen erblicken wir die helle, freundliche, dem Menschen zugewandte Seite Gottes.
Und ihr, die ihr euch heute Abend aufgemacht habt, hierher, mit euren unterschiedlichen Interessen und Motiven, ihr seid doch längst an der Quelle des Glanzes angelangt.
In dem Moment, als ihr euch vom Licht der Weihnacht habt anstecken lassen, da habt ihr wieder Anteil an der Herrlichkeit Gottes erlebt!

Quelle der Hoffnung für den weiterhin sichtbaren Glanz in der Welt ist und bleibt das Kind in der Krippe.
Der uns lehrende Jesus von Nazareth.
Der für uns gekreuzigte und auferstandene Christus.

Auf ihn schaut gemeinsam mit den Engeln!
An ihn glaubt gemeinsam mit dem ganzen Kosmos!
Mit ihm lasst euch aufnehmen in den Glanz Gottes!
Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!

*Vgl. (auch im Folgenden): Christof Gestrich, Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt. Die christliche Lehre von der Sünde und ihrer Vergebung in gegenwärtiger Verantwortung, Tübingen 1989, S. 1ff.

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