Weihnachten beginnt im Dunkeln

<i>[Anmerkung: Die Luis-Geschichte lässt sich noch kürzen, die Anwendung des Gleichnisses noch ausweiten.]</i>

Liebe Gemeinde,

Weihnachten beginnt im Dunkeln. Draußen ist es dunkel. Und auch in der Kirche brennen nur die nötigsten Lichter. Wir feiern den Heiligen Abend, die Heilige Nacht. Und zunächst tappen wir wirklich im Dunkeln: „Ihr kennt Gott nicht“, sagt Jesus.

Wir Menschen wissen zwar viel. Aber es gibt Bereiche, da tappen wir im Dunkeln. Jemand hat den Unterschied zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie folgendermaßen erklärt: Die Naturwissenschaftler sind wie Menschen, die in einem stockdunklen Raum eine schwarze Katze suchen. Die Philosophie … das ist wie wenn jemand in einem stockdunklen Raum eine schwarze Katze sucht, die gar nicht drin ist. Und die Theologen? Die suchen in einem stockdunklen Raum eine schwarze Katze, die gar nicht drin ist – und rufen plötzlich: Da ist sie!

Ob Naturwissenschaftler, Philosophen, oder Theologen wie mich: Wir kennen Gott nicht. Jesus sagt es! Und doch suchen wir immer wieder nach ihm wie nach einer schwarzen Katze: wir meinen ihn zu kennen; wir haben feste Vorstellungen, wie er sein müsste. Sollten wir damit vielleicht aufhören, die Suche nach der schwarzen Katze aufgeben, und lieber abwarten, was uns das Dunkel von sich aus geben und finden lassen wird?

Hören wir den Erfahrungsbericht eines Mannes, der dies probiert hat:

»Ich war plötzlich wie ein Kind zu Weihnachten! Atemlos, mit klopfendem Herzen und weit offenen Augen habe ich die Dunkelheit mit ihrem Geschenk empfangen. Ich weiß nicht wie lange ich in der innigen Stille der Dunkelheit geblieben bin (vielleicht Stunden, vielleicht einen kurzen Augenblick). „Renne nicht hinter der Erkenntnis her, Luis, die Erkenntnis ist da, wo du bist.“ Das hat mir die Dunkelheit gesagt. „Ich, die Dunkelheit, werde dir helfen, innerlich wach zu bleiben. (…) Immer wenn du es willst, werde ich deine faulen Gewissheiten von dir abwaschen, ich werde dich lehren, ‚weiter, weiter, weiter‘ zu sagen, und ich werde dich immer tiefer in die Geheimnisse des Lebens hinein führen.“ So hat sie zu meinem Körper gesprochen, zu der Luft, die ich atmete, zu meinem ausgebreiteten Gehirn. Als ich den Ort verließ, war ich im Frieden mit der Welt, und sauber wie ein neues Geldstück.« (Henri Gougaud, Les sept plumes de l’aigle, Paris 1995, S.110f.)

Ehe Luis dies erleben konnte, hatte er viele Nächte stundenlang im Dunkeln auf einem Stein gesessen. Jedes Mal kamen die Angstvorstellungen: Wilde Tiere, Schlangen, Gespenster – all die unheimlichen Gestalten, von denen man ihm als Kind erzählt hatte. Er konnte sie nicht loswerden. Was ihn gerettet hat:

»Eines Nachts ist mir eine Kindheitserinnerung eingefallen. (…) An einem Winterabend war ich auf dem Heimweg von der Schule. (…) Ich war vor einem Geschäft mit religiösen Bildern stehen geblieben. Im Schaufenster war ein Christus-Gesicht. Seine Sanftheit hatte mich tief bewegt. An ihn habe ich mich in dieser Nacht erinnert. Ich schloss die Augen. Ich versenkte mich in dieses Gesicht, mit ganz nacktem Herzen, ohne Befürchtung, ohne irgendeine Theorie, mit dem einzigen Wunsch, dasselbe bewegende Gefühl noch einmal zu empfinden, das ich an jenem Winterabend vor dem Schaufenster empfunden hatte. Ich spürte in mir eine Art Widerhall, ein Lied, eine unendlich leichte Melodie. Ich wollte diese Musik atmen. Zum ersten Mal spürte ich die kalte Luft, die in mich eindrang. Ich spürte den Temperaturunterschied zwischen Drinnen, in mir, und Draußen, außerhalb von mir. Ich spürte das, weil (…) ich wirklich in meinem Inneren war, in der Herzenshöhle, dem Ort von Zärtlichkeit, Güte und Liebe. (…) Und während ich die kalte Luft ruhig ein- und ausatmete, überkam mich ein unermessliches Gefühl der Dankbarkeit.« (S. 46)

Soweit Luis‘ Bericht. Warum hat ihm gerade das Gesicht von Jesus Christus geholfen? Warum hat Jesus Christus die Kraft, uns Herz und Sinne zu öffnen für die Geheimnisse des Lebens? Ich finde eine Antwort in einem Gleichnis (Quelle unbekannt):

Ein König hatte drei Söhne. Die Zeit rückte näher, dass einer von ihnen den Thron übernehmen sollte. Der König zeigte seinen drei Söhnen seine reich gefüllten Schatzkammern. „All dies soll mein Thronfolger bekommen.“ „Und wer wird das sein? Der Älteste?“ fragten die Söhne. „Nein“, antwortete der König und schloss eine weitere Kammer auf. „Derjenige von euch, der in dieser Kammer drei Nächte zubringt. Denn dazu muss ein König in der Lage sein, wenn er seine Schätze gut verwalten will.“ Die Kammer war vollkommen leer.

Zwei der Söhne versuchten zwar, in der Kammer zu übernachten, aber die Leere und die Dunkelheit wurden ihnen schon bald unerträglich. (Können wir es ihnen nachfühlen? Für viele Menschen, vielleicht auch für manche unter uns, ist Weihnachten wie so eine leere Kammer… – Weihnachten allein, oder im Krankenhaus … ) Der dritte Sohn dagegen hatte nach drei Nächten in der Kammer einen wachen, offenen, klaren Blick. Da gab ihm der König den Thron, die Krone und die Schlüssel zu allen Schatzkammern.

Dieser Sohn ist Jesus Christus. Er hat die Nacht und die Leere, die Gottverlassenheit und sogar den Tod durchlebt. Deshalb kann er sagen: „Es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.“

Alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis sind ihm anvertraut; er kann uns aus seinen Schatzkammern die Geheimnisse des Lebens und die Erkenntnis Gottes austeilen, so wie wir es brauchen.

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