was heißt, jemanden annehmen?

Liebe Gemeindeglieder,

0. Einstieg
Jesus soll die Losung sein, haben wir gesungen.
Dann wollen wir mal schauen, was uns das 2015 bedeuten könnte – konkret anhand der Jahreslosung.

Schön sieht sie aus in dem Bild, das Jörgen Habedank dazu gestaltet hat.
Hier in der Kirche: Wie das Licht des Weihnachtsbaumes herüber genommen in das neue Jahr und für das neue Jahr.

Die Jahreslosung klingt für kirchengewohnte Ohren sehr eingängig: Nehmt einander an.
Aber was heißt das eigentlich, jemanden annehmen?
Man kann ein Päckchen annehmen. Oder die Annahme verweigern.
Aber was ist damit gemeint „einen Menschen annehmen“?

Wenn man den Begriff wörtlich auf Latein übersetzt wird aus an-nehmen ak-zeptieren.
Einen Menschen akzeptieren, das ist eine erste Bedeutung.
Aber ist es nur das?
Eine englische Bibel übersetzt unsere Stelle: „welcome one another“.
Also „heißt Euch gegenseitig willkommen“ – das ist deutlich mehr.
Die seltsame Lebensweise eines Nachbarn zu akzeptieren ist eine Sache, ihn willkommen zu heißen geht weit darüber hinaus.
Und das Wörterbuch zum Neuen Testament übersetzt sogar: „in die eigene Gemeinschaft aufnehmen“. Das wäre noch mal schwieriger in Bezug auf den seltsamen Nachbarn.

Aber ist überhaupt der Nachbar gemeint? Das ist die zweite Frage: Wen können oder sollen wir in diesem Jahr 2015 annehmen, akzeptieren, willkommen heißen, oder sogar in die Gemeinschaft aufnehmen?

Bevor wir dazu das Bild betrachten, lad ich sie ein, nachzuforschen, was Paulus damals meinte….
1. Die Bedeutung bei Paulus
Dazu müssen wir eintauchen in die ganz frühen Anfänge der Christenheit.
In die Geschichte der unglaublich rasanten Verbreitung des Christentums.
Die Jahreslosung stammt aus dem Brief des Paulus an die Christen in Rom, geschrieben im Frühjahr des Jahres 57. Da war der Tod Jesu also gerade mal so lange vorbei, wie für uns heute der Fall der Mauer: 25 Jahre.
In diesen 25 Jahren hatte sich das Christentum schon vom hintersten Winkel des Reiches bis nach Rom verbreitet.
Dabei waren Glaubensfragen entstanden, die die junge Christenheit in zwei Lager zu spalten drohten.
Diese Fragen entstanden dadurch, dass Jesus und seine Jünger Juden waren, die ganz selbstverständlich die jüdischen religiösen Gebote hielten. Sie aßen natürlich nur koschere Speisen.
Es bekehrten sich nun aber auch Nichtjuden zu Jesus Christus. Mussten die nun nicht erst mal die Beschneidung nachholen als Zeichen dafür, dass sie Jesu Glauben teilten?
Ein erstes Konzil der Apostel in Jerusalem hatte entschieden: Nein. Die Beschneidung ist für den Glauben an Jesus Christus nicht notwendig.

Was aber war mit den übrigen religiösen Geboten, an die Jesus sich doch gehalten hatte? Durften diese neuen Christen weiter wie bisher unreine Speisen essen? Oder sogar Fleisch, das zu ehren der römischen Götter geschlachtet worden war, Götzenopferfleisch? Eine Unvorstellbarkeit für die jüdischen Christen.

Und in Rom war dieser Konflikt besonders dramatisch. Denn Kaiser Claudius hatte im Jahr 49 alle Juden aus Rom verbannt. (Hier unerwähnt gelassen: Wegen der als innerjüdisch (miss)verstandenen Konflikte um den Glauben an Jesus) Alle Juden mussten Rom verlassen, also auch alle Christen, die geborene Juden waren.

Dadurch wurde die Gemeinde in Rom wohl die erste christliche Gemeinde, die zu 100% aus ehemaligen Haiden bestand. Und entsprechend entwickelte sich auch deren Glaube weiter.

5 Jahre später erlaubte der neue Kaiser Nero die Rückkehr der verbannten Juden – und also auch der Christen mit jüdischen Wurzeln.

Und die nun Zurückkehrenden fanden eine Gemeinde vor, die nicht mehr die war, die sie verlassen hatten. Nicht nur, dass die religiösen Gebote des Judentums nicht mehr beachtete wurden, die Zurückgebliebenen fühlten sich nun sogar als die besseren Christen, weil sie z.B. die Geltung die Speisegebote überwunden hatten.
Durch die fünfjährige Trennungszeit waren in Rom wirklich zwei Lager entstanden.

Paulus versucht im Römerbrief zu vermitteln und schließt dann sozusagen mit unserer Jahreslosung:

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“

Und wie dieses „Nehmt einander an“ gemeint ist, kann man aus dem erkennen, was Paulus zuvor geschrieben hatte:
Er zeigt, dass beide Seiten – je auf ihrem Hintergrund – den christlichen Glauben auf ihre Weise leben.

Nehmt einander an heißt also als erstes: Hinsehen! Nicht nur meine Meinung sehen, sondern mich in die Sichtweise des Anderen hereinversetzen und prüfen, ob sein Denken und Tun im Rahmen seiner Lebenssituation nicht auch eine Weise ist, den christlichen Glauben zu leben.

Nehmt einander an heißt dann zweitens: Akzeptieren! Dass die Meinung des Anderen so wie meine möglich ist.

Nehmt einander heißt drittens: Lieben! Nicht nur muffelig akzeptieren, sondern gemäß dem christlichen Liebesgebot liebevoll begegnen, Gemeinschaft stiften und Gemeinsamkeit fördern.
Paulus schreibt: Ihr müsst doch nicht gerade Götzenopferfleisch essen, wenn die anderen dabei sind und euch vielleicht sogar noch damit brüsten, dass das das bessere Christentum sei. Wörtlich schreibt er: „Wenn wegen einer Speise, die du isst, dein Bruder oder deine Schwester betrübt wird, dann handelst du nicht mehr nach dem Gebot der Liebe.“ Lieber nicht mehr dieses Fleisch essen.
Denn, so Paulus: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“ (Rm14,17)

2. Bildbetrachtung
Auf diesem Hintergrund würde ich nun gerne mit Ihnen die Karte der Jahreslosung betrachten, die sie bekommen haben.
Der Künstler Jörgen Habedank hat die Bedeutung der Jahreslosung – wie ich finde – sehr schön umgesetzt.

Man kann dieses Bild sehr schön meditativ betrachten und dabei über sich selbst nachdenken.
Z.B. wo bin ich auf dem Bild? Was ist für mich wichtig an dem Thema „andere Menschen annehmen“?

Ich möchte mit ihnen gemeinsam das Bild anschauen.

In der Mitte des Bildes die Menschen, die in sehr dünnen Linien gestaltet sind.
Sie wirken als eine Gemeinschaft,
aber doch nicht eine Gemeinschaft aufgrund persönlicher Freundschaften.
Das ist kein Gruppenbild, wo einer den anderen umarmt.
Es ist kein geschlossener Kreis.
Es ist auch keine Gemeinschaft, wo alle gleich sind. Es gibt rote, orangene, weiße, gelbe.

Dennoch wirken sie wie eine Gemeinschaft.
Eine Gemeinschaft sind sie, weil sie beieinanderstehen.
Aber da müssen auch nicht alle gleich nah beieinander stehen. Da gehört auch der hinten rechts noch dazu, der weiter weg steht.
Wieso wirken sie als Gemeinschaft?
Weil sie alle von einem Licht angestrahlt werden.
Nehmt einander an – WIE CHRISTUS EUCH ANGENOMMEN HAT.
Ihr seid schon hineingenommen in die Gemeinschaft.
Ein Gemeinschaft sind sie vor dem Hintergrund des Fischsymbols, das ich hinter der Gruppe erkenne und das für Jesus steht.
Und eine Gemeinschaft sind sie geformt durch den Kelch, der sie umschließt.

Und sie werden eine Gemeinschaft durch den Impuls der vorderen Figur, die die Hände den Nachbarn reicht.

Die Verschiedenheit der Menschen kann bleiben. Da müssen nicht alle Rot oder Gelb oder Weiß werden.
Es reicht, wenn sie ihre Verschiedenheit stehen lassen können und sich dennoch als Gemeinschaft begreifen.
Wenn sie sehen, dass sie so von Gott gesegnet sind – so verstehe ich den weißen Bogen über der Gruppe.

Und auf dem Bild haben sie doch als Verschiedene eine Ausstrahlung nach außen. Das Licht in ihrer Mitte tragen sie als Gruppe weiter.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat ZU GOTTES LOB.

3. Unser Jahr mit der Jahreslosung
Womit wir bei dem wären, was die Jahreslosung für uns bedeuten kann.

Für Paulus war diese Aufforderung wichtig angesichts der Streitpunkte innerhalb der römischen Gemeinde und der damaligen Christenheit insgesamt.
Sie gilt daher zuerst innerhalb unserer Gemeinde – wo wir in der glücklichen Lage sind, dass es solche großen Streitpunkte gar nicht gibt.

Das Nehmt einander an gilt dann ganz sicher unserem Verhältnis zu den katholischen Christen.

Die Aufforderung, den Streit zu überwinden und das Gebot der Liebe umzusetzen, gilt aber auch für die vielleicht festgefahrenen Streitsituationen in unserem Leben.
Vielleicht kann die Jahreslosung da für sie eine besondere Bedeutung bekommen und sie verwahren diese Karte auf als Erinnerung daran.
Nehmt einander an. Versetzt euch mal richtig in die Lage des Anderen.

Und weil das Leben in Liebe ein Grundcharakteristikum des christlichen Glaubens ist, hat die Jahreslosung aber auch eine Bedeutung für unseren Umgang mit anderen Menschen überhaupt.
Das betrifft in diesen Tagen wohl besonders das Flüchtlingsthema.
Es ist gut, das wir als Christen in Essen uns bewusst und aktiv für Flüchtlinge einsetzen, die in unsere Stadt gekommen sind.

Und es ist gut, wenn unsere Mitchristen die Beleuchtung des Kölner Dom ausschalten, wenn Menschen vor dieser Kulisse gegen Flüchtlinge demonstrieren wollen.
Um deutlich zu machen: Ihr habt das Wesen des Christentums, die Liebe und gegenseitige Annahme nicht verstanden und ihr zerstört gerade die Fundamente des christlichen Abendlandes, das ihr angeblich verteidigen wollt.

Die Jahreslosung aber kann uns ermutigen, für die Werte des Christentums einzustehen. Und gerade so dem Christentum seine Ausstrahlung zu erhalten.

Genauso, wie es auf dem Bild zur Jahreslosung ausgedrückt ist.

Amen.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen