Was für ein Geist macht sich breit?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

ein böser unheilvoller Geist macht sich zuweilen unter uns breit und wir spüren erst einmal gar nicht, wie zerstörerisch er ist. Erst stumm geworden, wird uns das Ausmaß seiner zerstörenden Kraft deutlich.

Es beginnt meist ganz harmlos. In einem Anflug von vermeintlichem Realismus wird die gegenwärtige Lage analysiert. Erste Sorgenfalten machen sich breit. Die Analyse belegt ganz eindeutig: die Zahlen gehen zurück. Weniger Mitglieder, weniger Teilnehmer, weniger finanzielle Mittel, weniger Veranstaltungen, noch weniger Teilnehmer, immer geringere Akzeptanz, weniger Einfluss, nachlassende mediale Aufmerksamkeit. Es muss gehandelt, schnell die Initiative ergriffen werden.

Die einen propagieren die Kehrtwende zum Kerngeschäft, die anderen nehmen die Kundenorientierung in den Blick und möchten marktgerechter operieren, erlaubt ist, was gefällt. Aber die Bilanz nach einer gewissen Zeit zeigt: der Abwärtstrend ist allen guten Ansätzen zum Trotz nicht gestoppt. Weder das eine noch das andere Rezept hat zu einer nachhaltigen Verbesserung geführt. Statt dessen wird das Treiben der Konkurrenz immer bunter.

Das Treiben wird immer hektischer, die Diskussion um den richtigen Weg immer lauter, die Sachzwänge immer stärker und am Ende bleibt stummes Entsetzen, ängstlicher Kleinmut und resignativer Rückzug. Wir ergeben uns in unser Schicksal: der böse Geist des Zweifels und des Misstrauens, die Skepsis und die Hoffnungslosigkeit haben ganze Arbeit geleistet.

Halt: Wenn ich genau hinschaue, entdecke ich: so stimmt das ja gar nicht. Gerade eben war doch noch Stimmengewirr aus dem Gemeindehaus zu hören. Die Kinder der Christenlehre stürmen die Treppe hinunter, haben noch das Lied, das sie eben gesungen haben auf den Lippen. Im Jugendkeller brennt Licht und einige singen die Gesänge aus Taize. Ein ganzer Bus voll mit jungen Leuten war eben erst in den Herbstferien in Burgund und sie haben ganz intensive Erfahrungen mit anderen Jugendlichen im Singen, Meditieren ,Beten und Reden von Gott gemacht. Im Frühjahr auf dem Kreiskirchentag, da sind doch viele gekommen und stehen geblieben und ich dachte bei mir: da hat sich doch trotz aller Organisationsschwächen die Mühe gelohnt. Mir fällt der Konfirmationsgottesdienst ein, wie engagiert Junge Leute da von ihrem Glauben erzählen konnte. Ich muss an das Kreiserntedankfest denken, wo spürbar war, ohne den Erntedank an den Schöpfer hätte die Erntefreude der Menschen keinen wirklichen Anhalt, ohne die Menschen des Glaubens wäre uns unsere Gesellschaft ein orientierungsloses Schiff in den Stürmen der Gegenwart. Es gibt eine erstaunliche Rückkehr der christlichen Motivation junger Politiker vieler Parteien.

Es gibt ein neu erwachendes Fragen nach dem Leben vor und nach dem Tod angesichts des Sterbens eines altgewordenen Papstes, eine beeindruckende Sehnsucht nach Orten, an denen Begegnungen mit Gott greifbar werden und das nicht erst seit der Auferstehung der Dresdner Frauenkirche, sondern auch schon, seit dem unsere Dorfkirchen offen stehen, Menschen „ihre“ Kirche, der sie oft schon den Rücken zugekehrt haben, wieder entdecken.

Es ist uns gar nicht so fremd, was Lukas berichtet: „Jesus trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Als aber der Geist ausfuhr, konnte der Stumme sprechen.“ Der Geist der Resignation und des Kleinmutes kann uns stumm machen, aber ebenso kann Jesus Christus in unsere Mitte treten und diesen Geist vertreiben, so dass alle Verzagtheit ihre Bedeutung verliert und klein und unwichtig wird. Ich will die Probleme nicht weg reden. Wir müssen uns vielleicht auch von einem lieb gewordenen Bild von Gemeinde trennen, wenn wir die Lebens- und Glaubenserfahrung Jesu und seiner Jünger ernst nehmen.

Es ist der Gemeinde nicht ins Stammbuch geschrieben, das ihre Situation oder ihr Profil immer der eines Wellnestempels oder einer Kuschelecke entspricht. Menschen sollen sich in der Gemeinde wohlfühlen, Geborgenheit und Heimat erleben, sie sollen eine Anlaufstelle für die Fragen und Sorge ihres Lebens haben. Es sollen Räume für Gottesbegegnungen da sein. Aber da wo sie sich zu gemütlich in der Welt einrichtet und sich auf Erlangtem, Geschenktem oder Verdientem ausruht, da wird es gefährlich.

Jesus benutzt deshalb Bilder aus der Kriegssprache: vom Kämpfen und Überwältigen, von Starken und Schwachen redet er, von Eindeutigkeit oder Gegnerschaft. Es sind Bilder, die mir zugegebenermaßen fremd sind. Ich wünsche mir schon eine sich einmischende, aber nicht eine in endlose Kämpfe verstrickte Gemeinde und Kirche auf ihren verschiedenen Ebenen. Aber ich wünsche mir eine Kirche, die deutlich macht, wo der Glaube an die Menschengüte Gottes, der Glaube an den Schöpfer und Bewahrer, der Glaube an das menschgewordene Angesicht Gottes im Sohn, der Glaube an den Versöhner und Tröster, der zugleich Motor des Trostes und der Versöhnung ist, Konfliktlinien zum gängigen Meinungsbild deutlich macht.

Unser Glaube kann zum Beispiel die Ökonomisierung des Menschen und seines Lebens nicht hinnehmen. Der Mensch ist in seinem Wert nicht das, was er auf dem Markt erwirtschaften oder nicht mehr erwirtschaften kann. Er ist auch nicht das, was er an volkswirtschaftlichen Kosten verursacht. Er ist Gottes Geschöpf, Ebenbild Gottes und hat damit eine unwiderrufliche Würde, die es zu verteidigen gilt und die kein Mensch in Frage stellen kann. Sie gilt jenseits aller Begabung oder Behinderung in jedem Alter. Die Würde des Menschen berührt Leben und ganz genauso den immer noch verdrängten und tabuisierten Tod. Unser Glaube widerspricht jeder Einteilung der Welt in arm und reich, schwarz und weiß, jung und alt, da sind alle eins in Christus.

Vielleicht spüren sie ja, wie sehr es letztlich doch in unserer Welt kämpft, wie die Geister und Prinzipien darum streiten, wer sich am Ende durchsetzt und wie viel Leid und Schmerz und Elend dieser Kampf auslösen kann. Deshalb ist es wichtig, dass Jesus auch in unsere Mitte wieder tritt und den Geist vertreibt, der uns verstummen lässt. Es ist an der Zeit, dass die Lieder wieder zu hören sind, die von Gottes Reich und seiner Welt singen. Nur diese Lieder öffnen den Blick für das Wesentliche und lenken ob von allem oberflächlichem Zahlenwerk, das hilfreich zu sein scheint, aber nicht die alleinige Wahrheit ist. Nur diese Lieder lenken ab von aller Selbstbezogenheit und Selbstgenügsamkeit.

Gott ist die Wahrheit und sie will uns leiten und von ihr zu zeugen ist unsere Berufung und unser Auftrag.

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