Was du brauchst, ist mehr (Ps 16,11)

Ps 16,11
Gott, du tust mir kund den Weg zum Leben.

[T., 24 Jahre, mit Motorrad tödlich verunglückt, er und Familie aus der Kirche ausgetreten]

Liebe Familie N.N.

Wenn man eine solche Nachricht erhält, wie die vom Tod von T., dann ist das in diesem Moment überhaupt nicht wirklich. Man fährt zur Unfallstelle, legt Blumen hin, sitzt und weint, aber was wirklich los ist, ist wie durch einen Nebelvorhang verborgen. Es kann einfach nicht sein, dass ein Menschenleben innerhalb von Sekunden zu Ende ist. Der Verstand hört die Nachricht, aber erst langsam kommt das Gefühl nach und es wird deutlich: ja, es ist mit ihm so passiert. Ja, die letzte Runde am Spitzberg war wirklich die letzte. Ja, auf einmal ist einer unserer Söhne tot. Ja, die junge Liebe ist kaum, dass sie begonnen hat, zu Ende. Und dann haben Sie Abschied genommen, haben ihn noch einmal gesehen und haben ein wenig Frieden empfangen.

Heute haben Sie alle am Sarg gestanden, seine Familie, die
Freunde, Nachbarn und jetzt sitzen wir hier, finden wenig Worte und hoffen darauf, dass wir da gut durchkommen durch den Schmerz, durch die Gedanken und Fragen. Denn es ist ja wirklich und kein böser Traum und das macht uns zu schaffen. Wir wissen,
dass täglich Menschen auf der Straße sterben und doch ist jedes Kreuz am
Straßenrand oft so fern. Das Kreuz vom Torsten aber ist unser Kreuz. Es wird uns
erinnern und mahnen und es wird uns noch lange weh tun – denn wir haben ihn
gekannt. Wir haben uns darüber unterhalten, liebe Familie N.N., was Ihnen über den T. alles einfällt. Und da haben Sie mir erzählt, dass er ein
lebenslustiger Mensch war, der das Leben geliebt hat und die Tiere. Er hat gern gefeiert mit seinen Freunden und Ihr Haus war wohl so etwas wie ein
Sammelpunkt bei den Feten. Er hatte ursprünglich Maurer gelernt und musste nach seinem ersten Unfall umschulen. Handwerklich war er geschickt und das kam ihm im Beruf als Techniker sehr zustatten. So trägt auch der Entwurf für den Umbau der Turnhalle in Spitzkunnersdorf mit seine Handschrift. Zwei große Hobbies hatte er, das war einmal die Modelleisenbahn und Eisenbahn überhaupt und natürlich dann das Motorrad. Und Sie haben gesagt, man kennt den T. von klein auf nur auf zwei Rädern. Erst wars das Fahrrad und dann kamen die Motorräder und wurden immer ein Stück größer. Vielleicht kam das seiner Natur entgegen, dass er kein Sitzfleisch hatte und ständig unterwegs war. Er war wohl ein Mensch, der die Bewegung und die Unruhe brauchte und ja auch an seinem letzten Tag immer noch eine Runde drehen musste.

Einerseits war er beschaulich, sicherlich auch durch die Zeit auf dem Bauernhof bei der Oma, er hatte Geduld, wenn er anderen helfen konnte und dann wohl wieder so unruhig, dass er das Tempo brauchte. Jemand hat gesagt, er war ein guter, aber auch ein schneller Fahrer. Er hatte Kurse besucht, um Motorräder zu beherrschen und hat sein Hobby ganz betrieben. Und ganz tief im Bewusstsein war wohl bei ihm und bei allen, die mit ihm zu tun hatten, auch der Gedanke, dass dieses Hobby nicht ohne Risiko ist. Vielleicht war er nur eine Sekunde zu schnell oder unaufmerksam und der Risikofall ist so tragisch eingetreten. Und wir müssen dankbar sein, dass nicht noch andere Menschen dabei verletzt wurden und ihm kein PKW entgegen kam. Der Unfall passierte, und das ist so unfassbar, als in seinem Leben alles zusammen passte. Er hatte einen guten Job bei der Firma S. in Berlin, gemeinsam wollte er mit der L. in Berlin wohnen und arbeiten, es war alles vorbereitet und es ging ihm selber so richtig gut. Und dann war Ihr Geburtstag, liebe Frau N.N., da war die Idee mit dem Blumenstrauß und dann brach die Leidenschaft wieder durch. Und nun müssen Sie, liebe Familie N.N., ihn hergeben. Sie müssen damit zurecht
kommen, dass das Leben Ihres Sohnes so frühzeitig zu Ende ist. Das ist für Eltern kaum zu verkraften und es wird wohl immer eine Narbe auf der Seele bleiben. Sie denken auch an die Sorgen, die Sie sich immer gemacht hatten und an die beiden Schutzengel, die schon einmal bei ihm sein mussten. Du, M., wirst auf einmal allein sein und die Eltern haben mir erzählt, dass Ihr ein gutes Verhältnis zueinander hattet. Ein großer Bruder ist vielleicht auch ein großer Freund. Es tut weh, an seinen Sachen vorbeizugehen. Für Sie, L., ist eine kurze Zeit zu Ende, wo Sie gemeinsam an der Zukunft gebaut haben. Jetzt bauen Sie ein Stück allein daran weiter und ich wünsche Ihnen, dass Sie mit viel Kraft daran gehen. Und da sind auch Sie alle, seine Freunde, ich verstehe nicht viel davon, aber ich vermute, Motorradfahrer sind so eine ganz eigene Gemeinschaft. Irgendwie gehören
Sie zusammen, irgendwie wissen alle um das Risiko, aber irgendwie ist da auch etwas, was Sie an diesem Sport fasziniert, was auch zusammenschweißt, auch ganz gewiss beim Bauen an den Maschinen, beim Fachsimpeln und dann beim Fahren. Wie
viele Touren haben Sie gemacht und manches Rennen gefahren. Da kann wohl keiner mitreden, der nicht richtig dabei ist. Und wenn dann einer ums Leben kommt, dann bricht die Runde auf, da kann man nur noch hinfahren und losheulen. Da wehrt sich alles in einem, dass es wirklich geschehen sein soll. Da ist der Abschied vom Freund, aber auch der Abschied von der Hoffnung, dass nichts passiert. Fortan werden Sie mit dem Gedanken daran fahren, dass ein so sicherer Fahrer wie der F. dort zum Ende gekommen ist, wo er viel Zeit seines Lebens verbracht hat.

Sein Kreuz am Straßenrand wird uns noch lange daran erinnern, wie wertvoll das
Leben ist und wie sorgsam wir damit umgehen müssen. Wie schnell es zu Ende gehen kann und wie wichtig darum auch jeder Tag ist. In der Familie werden Sie an solche wichtigen Tage denken, Sie werden sich dankbar an all das erinnern, was er Ihnen war.

Vor knapp zehn Jahren habe ich den T. getauft. Ich weiß nicht mehr genau, ob
er sich seinen Taufspruch selbst ausgesucht hat oder ob ich ihn gewählt habe. Es ist ein Satz aus dem Psalm 16, der jetzt über diesen Tod hinausreicht und uns, die wir weiterleben dürfen, etwas sagen kann. Da heißt es: Gott, du tust mir kund den Weg zum Leben. Vielleicht ist das der Schlüssel dafür, wie wir unsere Sehnsüchte, unsere Anlagen, unsere Begabungen und auch Hobbies, unsere Unruhe und unsere Freundlichkeit, zusammenbringen. Denn wir sind auf der Suche nach dem, was Leben heißt. Wir sind auf der Suche, wie wir glücklich werden können. Es beschäftigt mich sehr, dass der T. noch einmal und noch einmal fahren musste, sich so schwer
lösen konnte. Vielleicht verstehe ich davon zu wenig, aber dieses noch einmal war auch das Ende. Das ist bei vielen Sportarten nicht anders und wer sein Auto tunt, ist in ähnlicher Gefahr.

T.s Taufspruch sagt: was du brauchst, ist mehr. Was du brauchst, sind Antworten, die nicht aus uns Menschen kommen. Was du brauchst, ist die Grenze, die dein Leben schützt. Die Stimme in dir, die einfach sagt: lebe. Darauf zu hören, ist schwer, darauf zu vertrauen, eine Lebensaufgabe. Damals habe ich dem T. die Hand auf den Kopf gelegt als ein Zeichen, dass Gott ihn lieb hat. Als ein Zeichen, dass Gott ihm den Lebensweg kund tun will. Und vieles ist ja gelungen. Da denk ich, hat es Gott gut gemeint. Und ich bin mir sicher, dass Gott dieses gut meinen nicht
beendet, auch nicht im Tod. Sondern dass bei Gott jetzt die Entscheidung liegt, was er dem Leben von Torsten geben wird. Denn zu Ende ist nur der Weg auf der Erde.

Und wenn Sie heute so bitter Abschied nehmen müssen, dann dürfen Sie den T. geborgen wissen, in Ihrem Herzen ganz bestimmt, aber auch und auch ganz bestimmt in den Händen von Gott. Und Sie sollen seine Taufurkunde nicht nur zu den Erinnerungsstücken legen sondern diesen Satz aus der Bibel ganz für sich gelten lassen. Gott, zeige uns den Weg aus dem Schmerz ins Leben zurück. Gott, löse die Lähmung und Erschütterung, die uns ergriffen hat. Gott lass uns an seinem Grab und an seinem Straßenkreuz neuen Mut finden. Gott, lass uns einfach getröstet sein, wenn die Tränen aufsteigen, lass uns weinen können, denn weinen heilt. So können
Sie beten und darauf vertrauen, dass dieser Gott, zu dem Menschen seit
Jahrtausenden beten, ganz für Sie da ist. Für die Familie, die Freunde und für
alle, die von diesem Tod erschüttert und betroffen sind. Zehn Jahre nach der Taufe vom Torsten wird auf einmal sein Spruch so wichtig und ich wünsche uns, dass er wichtig bleibt als Erinnerung an ihn und als Hoffnung für uns.

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