Was bringt uns der olle Luther heute?

Es ist Abend. Die Straßen der Stadt Wittenberg sind menschenleer. Der beißend kalte Herbstwind pfeift unerbittlich um die Häuser, in jede kleine Gasse dringt er ein und rüttelt an den Fensterläden. Die Pechfackeln an den Hauswänden flackern im Sturm, und als der Himmel seine Schleusen öffnet und sich ein eiskalter Regenguss in den Herbststurm mischt, verlöschen die meisten von ihnen und bleiben als qualmende Stumpen zurück. Irgendwo in der Stadt öffnet sich eine Haustür und ein Mann tritt heraus auf die Straße. Die eine Hand hält seinen dunkelbraunen Mantel fest zusammen, in der anderen Hand, unter dem Mantel, hält er ein großes, zusammengerolltes Pergament. Mit entschlossenen Schritten eilt er Richtung Stadtmitte. Eine plötzliche Windböe reißt ihm die Kapuze vom Kopf. Unbeirrt setzt der Mann seinen Weg fort. Er hat sein Ziel bereits vor Augen: Die Schlosskirche von Wittenberg. Schwarz und majestätisch thront ihre Silhouette über der Stadt. Als er an dem weitläufigen Kirchplatz angelangt ist, beschleunigt er seinen Schritt und eilt die steinernen Stufen zum großen Eingangsportal hinauf. Dort angelangt, holt er mit zitternden Händen das Schriftstück, das er unter seinem Mantel vor dem Regen geschützt hat, und einen Hammer hervor und nagelt das Pergament an das massive Eichentor. Die Hammerschläge hallen über den verwaisten Kirchhof …

Liebe Gemeinde, Sie ahnen vielleicht, worum es geht. "Die Hammerschläge, die die Welt erschüttern", so wird dieses Ereignis genannt, das ich Euch gerade, vielleicht in etwas dramatischer Weise, geschildert habe und dessen wir uns morgen, am Reformationstag, erinnern: Am 31. Oktober 1517 veröffentlicht der deutsche Theologe und Mönch Martin Luther seine 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg. Er sagt damit der mächtigen Kirche Roms den Kampf an, weil er offen und entschlossen den Ablasshandel kritisiert, diesen Verkauf der Gnade Christi an die gut Gläubigen, der mit dem Schlagwort "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt" in dieser Zeit seinen Höhepunkt findet.

Um die Reformation sollte es also heute in diesem Gottesdienst und in dieser Predigt gehen, genauer gesagt um die Frage: Was bedeutet die Reformation heute? Natürlich, wegen der Reformation sind die einen evangelisch, die anderen katholisch, aber warum sollte ich, als Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts, den Reformationstag feiern? Ganz platt ausgedrückt: Was bringt uns der olle Luther heute?

Sehr zufrieden mit mir selbst, dass ich so schnell so eine schöne Ausgangsfrage für die Predigt hatte, habe ich mich dann mit einem leeren Blatt Papier an meinen Schreibtisch gesetzt. Und dabei blieb es dann auch erst einmal, also bei dem leeren Blatt Papier, weil mir leider keine großartigen Antworten einfallen wollten. Im Gegenteil, mir fielen immer wieder Dinge ein, die mir die Lust am Reformationstagfeiern eher noch vermiesten: Ich dachte an das Lutherjubiläum 1933 und die Staats- und Kirchenmänner der Nazis, die Luther als den "Deutschesten aller Deutschen" feierten. Ich dachte an Nordirland, wo sich Protestanten und Katholiken immer noch gegenseitig die Köpfe einschlagen. Ich dachte an Dinge, die Martin Luther gesagt hat, über Juden und Bauernaufstände, die aus damaliger wie heutiger Sicht einfach Mist sind. Um es kurz zu sagen: Ich wusste nicht, wie ich diese Frage beantworten sollte.

Unerwarteter Weise kam mir aber der heutige Predigttext zu Hilfe, wir haben ihn vorhin in der Lesung gehört. Unerwartet deswegen, weil dieser Text in Matthäus 10 nicht gerade zu den Bibeltexten gehört, die man sich als Prediger so unbedingt wünscht – dieses ganze Gerede von "Schwert statt Frieden", "Familien entzweien", "Leben verlieren", das scheint auf den ersten Blick (und auf den zweiten auch nicht) so gar nicht mit unserer Vorstellung von einem liebenden, barmherzigen Gott überein zu stimmen. Überhaupt- "Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert"- steht das nicht im krassen Gegensatz zum vierten Gebot, "du sollst Vater und Mutter ehren"?

… Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein …

Liebe Gemeinde, dieser Bibeltext provoziert, er fordert unsere Reaktionen heraus – und die harte und drastische Wortwahl täuscht uns vielleicht darüber hinweg, dass es eigentlich in diesem Text unter anderem um eine ganz normale und wichtige Sache im Leben eines jeden Menschen geht. Damit meine ich jetzt nicht den Streit mit der Schwiegermutter, der ja auch in dem Text vorkommt, sondern die Ablösung von den Eltern. Beispiele dafür kennen wir zur Genüge aus unser aller Leben: die ersten Machtkämpfe während der Pubertät, der Umzug in die erste eigene Wohnung, das Gründen einer eigenen Familie. Sogar am Anfang der Bibel, im Schöpfungsbericht im ersten Buch Mose, kommt das schon vor: "Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und sich an seine Frau binden" (Gen 2,24). Auch, wenn das immer mit einigen Reibereien und ein paar Tränen verbunden ist, so würden wir es doch alle als eine ganz natürliche und gute Sache sehen.

Schwieriger wird die ganze Angelegenheit, wenn die Kinder Wege gehen, die so überhaupt nicht mit den Vorstellungen der Eltern übereinstimmen -und umgekehrt. Wenn zum Beispiel der junge Mann seinem Vater erklären muss, dass er später nicht den Familienbetrieb weiterführen will. Oder wenn die Tochter den Eltern gesteht, dass sie sich in eine Frau verliebt hat. Oder wenn der Vater seinen erwachsenen Kindern mitteilt, dass er nach dem Tod seiner Frau eine neue Partnerin hat. In diesen Beispielen werden unter Umständen Werte des Anderen zurück gewiesen, Erwartungen enttäuscht- und Standpunkte klar gemacht. Und es gibt im Leben nun einmal Punkte, an denen wir einsehen müssen, dass die Erwartungen und Forderungen anderer nicht das sein können, wonach wir unser Leben ausrichten. Punkte, an denen wir all unseren Mut zusammen nehmen und mit Traditionen brechen müssen, wenn man uns selbst nicht untreu werden wollen. Wie der dänische Theologe Sören Kierkegaard einmal sagte: "Sich zu trauen bedeutet, für einen Augenblick den Halt zu verlieren- sich nicht zu trauen bedeutet, sich selbst zu verlieren". Oder, mit Blick auf unseren Bibeltext: Man muss manchmal ein Leben aufgeben, um ein anderes zu gewinnen.

Apropos mit Traditionen brechen – damit sind wir auch, nach diesem Bogen, wieder bei der Reformation, beziehungsweise bei Martin Luther angelangt: Denn Luther hat in mehrfacher Hinsicht mit Traditionen gebrochen und ist den Weg gegangen, der ihm richtig erschien: Zuerst als junger Mann, als Luther sich gegen den Willen seines Vaters, der ihn lieber als Juristen gesehen hätte, dazu entschied, Priester zu werden. (Und liebe Gemeinde, aus eigener Erfahrung kann ich Euch sagen: Das ist ein harter Kampf …) Und später, als er sich mit der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit (also nach seinem leiblichen Vater mit dem "Heiligen Vater in Rom) anlegt in seinem Bestreben, die Missstände der damaligen römischen Kirche zu beseitigen und die Kirche wieder zu dem zu machen, was sie sein soll und will: Und zwar kein selbstherrliches, korruptes Wirtschaftsunternehmen, das nach politischer Macht giert und sich mit Marketingstrategien aus der freien Wirtschaft einen Platz zu sichern sucht, der ihr nicht ansteht. Sondern der Ort, an dem das Evangelium verkündigt wird. Die Gemeinschaft, in der, im Namen und unter der Herrschaft dessen, der für alle das Kreuz trug, die einen die Lasten der anderen mit-tragen. In der auf diese Weise Gottes Gnade und Gottes Liebe in dieser Welt spürbar werden und das kommende Reich Gottes Kontur gewinnt.

Luther bricht mit Traditionen – und jedes Mal aus demselben Grund: Weil sein Glaube ihm keine andere Wahl lässt. Weil Luther, und mit ihm die unzähligen Männer und Frauen der Reformation, deren Namen die Geschichtsschreiber vergessen oder nie gewusst haben, überzeugt waren, dass das der Weg war, den Gott für sie in diesem Leben vorgesehen hat.

Der Weg, den Gott vorgesehen hat …

Liebe Gemeinde, Gott, der in der Schöpfung dem Chaos einen Sinn gegeben hat, und der jeden von uns einzigartig und damit unendlich wertvoll gemacht hat, und der uns besser kennt, als wir uns jemals selber kennen werden, hat etwas vor mit uns. Gott hat einen Plan, eine Idee, eine Vorstellung, wie unser Leben ablaufen kann, wenn es nach ihm geht. Das wird in den meisten Fällen keine Reformation sein, aber jeder von uns kann, mit Gottes Hilfe, auf seine und ihre ganze eigene Art und Weise ein Stück weit dazu beitragen, dass Gottes Wort ein bisschen deutlicher unter den Menschen zu hören ist und dass diese Welt ein bisschen mehr dem ähnlich wird, was Jesus uns als das "kommende Reich Gottes" versprochen hat.

Luther ist diesen Weg mit Gott gegangen, er hat "Jesu Kreuz" auf sich genommen- und Luther war nicht der strahlende Held, zu dem man ihn manchmal machen will und zu dem er auch leider allzu oft gemacht wurde, und auch kein Heiliger, sondern ein Mensch. Ein ganz normaler Mensch, ein "versoffenes deutsches Mönchlein", wie Papst Leo X. ihn nannte, behaftet mit Fehlern, schlechten Angewohnheiten, aus Fleisch und Blut, voll von Zweifeln und Ängsten, und Unsicherheit darüber, wohin ihn dieser Weg, dieser Plan Gottes führen würde.

Und gerade deswegen können wir den Reformationstag feiern, wenn wir Luthers Leben als ein Beispiel dafür sehen, wie Gott durch einfache Menschen Großes bewirkt.

Liebe Gemeinde, Gott hat für jeden von uns einen Plan. Und es ist unser gutes Recht, Gott danach zu fragen. Wenn wir diese Frage aber stellen, dann müssen wir auch mit einer Antwort rechnen. Und wenn wir eine Antwort hören und uns entscheiden, diesen Weg mit Gott zu gehen, egal, wo er uns hinführt- dann kann es sein, dass sich unsere Sicht der Dinge verändert, dass wir unsern Standpunkt neu bestimmen müssen, und dass wir uns von Menschen verabschieden müssen, die meinen, uns vorschreiben zu können, wo es langgeht. Und das kann sehr schmerzhaft sein. Doch wenn wir dann nichts weiter tun können, als mit Luthers Worten zu sagen: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir", dann will uns das Versprechen Jesu ein Begleiter sein: Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird Leben finden.

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