Was bleibt ist die Liebe (1. Kor 13,13)

1. Kor 13,13
[13] Nun aber bleiben, Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde,

vom Bleiben spricht der Apostel Paulus, wo wir doch Trennung,
Abschied und das Ende des Weges mit einem vertrauten Menschen vor Augen haben. Da kommt der Glaube ins Wanken, da scheint all das zu enden, was an Liebe erfahren und gegeben wurde, da ist Hoffnung nur schwer zu sehen, gerade, wenn der Tod einen so plötzlich und damit brutal überfällt. Da war XXXXX – wie jeden Morgen – aufgestanden, war ins Bad gegangen … der Laut eines Falles und dann liegt ein Menschenleben tot am Boden. Alle Versuche der Rettungsärzte und des Schwiegersohns, ihn ins Leben zurückzuholen, scheitern und wir wissen nicht, ob ein Erfolg zu einem Leben, das diesen Namen verdient, zurückgeführt hätte.

Was bleibt von XXXXXXXX, so fragen wir? So fragen gerade Sie, liebe
XXXXXX, die sie gestern vor 43 Jahren seine Frau geworden sind. So fragen seine Angehörigen. Was bleibt … wenn wir so fragen, dann spüren wir: nein, da ist nicht alles auf einmal weg, verschwunden, versunken. Da kommen Erinnerungen in uns hoch. Da bleibt das Bild eines Menschen in unserem Herzen und wir fangen an zu erzählen, so, wie XXXXXXX es getan hätte, der so gerne
von den reichen und bunten Erfahrungen seines Lebens erzählte. Von seiner frühen Kindheit in Hamm, der Zeit in Holland, wohin die Familie
ausgewandert war, weil man Arbeit in Deutschland auch damals nur schlecht
bekam. Von seiner Malerlehre, die ihn wieder nach Deutschland führte. Von
Krieg und Gefangenschaft. Mit 19 war er eingezogen worden, 4 1/2 Jahre nach dem Krieg kehrte er zurück. Noch an seinem 82. Geburtstag vor 14 Tagen, da hat er davon erzählt, wie er das Kriegsende erlebte. Da war auch von Lebensgefahr die Rede, aber in der Rückschau war da keine Bitterkeit, sondern die Erfahrung, in allem bewahrt worden zu sein. Und dann konnte er in der Rückschau sogar lachen über diese oder jene Begebenheit. Nein – Wunden waren nicht zurückgeblieben.

Weil das Ruhrgebiet für Zuzug gesperrt war und er nicht wusste, wohin, ging
er zu seiner Schwester, die in Aurich lebte. Hier fing er in seinem erlernten Beruf als Maler wieder an zu arbeiten,
machte die Meisterprüfung, gründete einen eigenen Betrieb. Er heiratete ein erstes Mal. 5 Kinder wurden geboren aber nach 10 Jahren scheiterte die Ehe.
Danach lernte er Sie, liebe XXXXXXX, kennen, sie verlobten sich, heirateten. Nach einiger Zeit zogen Sie nach Westerstede. Er arbeitete in seinem Beruf, machte sich wieder selbständig, Sie gingen als Pflegekraft in ein Altenheim. Das Wichtigste aber war, dass Ihre Tochter in ihm einen Vater fand, an dem sie bis zuletzt hing. Als die Tochter in die USA verzog, da waren zwar die Kontakte eingeschränkt, aber es gab das Telefon, manchmal wöchentlich, zuletzt täglich, es gab mehrfache Besuche von hier nach dort und umgekehrt. Dazu auch die Kontakte zu seinen Kindern, die Freude an 11 Enkelkindern. Auch in Westerstede arbeitete er in seinem erlernten Beruf bis zu einem schweren Herzinfarkt im Jahr 1976, der ihn in den Ruhestand zwang.
Aber einer wie er, der konnte doch nicht untätig bleiben. Nach dem Tod Ihrer Mutter 1993, liebe XXXXXXX, da begannen Sie auf dem Grundstück im Plaggenburger Moor ihr Haus für den Ruhestand zu bauen. Noch einmal entfaltete er all seine handwerklichen Fähigkeiten, das Meiste machte er selbst. Vor allem die Malerarbeiten zeugen von dem großen Geschick, das er in diesem Beruf gewonnen hatte. Eine letzte große Kraftanstrengung. 1997 zogen Sie nach hier, schlossen sich unserer Gemeinde an, sangen im
Singkreis mit, waren ständige Gäste im Altennachmittag. Und da stießen wir auf eine weitere Begabung von XXXXXXX: es war die Liebe zur Musik. Aus dem Elternhaus hatte er auch sie mitbekommen, hatte die verschiedensten Instrumente gespielt, am liebsten wohl die Orgel. 17 Jahre hatte er nebenher in Westerstede den Organistendienst der
Methodistengemeinde versehen. Selbst noch in seiner letzten Phase der
Schwachheit, seine Orgel hatte er schon lange unserer Gemeinde hier für die Kapelle überlassen, da spielte er mit einem kleinen flötenähnlichen
Instrument noch das ein oder andere Lied.

Ein Mensch voller Kreativität. Davon zeugen auch die Bilder die er gemalt hat, in großer Genauigkeit und Präzision. Bis in die letzten Tage hinein, auch wenn das Sehvermögen schon stark eingeschränkt war, versuchte er noch zu zeichnen. Vor drei Jahren erlebte er ein deutlicher Schwächerwerden des angeschlagenen Herzens. Mehrfache Krankenhausaufenthalte folgten. Es schien, als würde er nicht mehr auf die Beine kommen. Aber mit der Kraft, die in ihm wohnte und mit Ihrer nimmermüden Pflege und Hilfe, liebe XXXXXXXX, kamen doch noch Jahre hinzu, denen Sie beide noch gute Seiten abgewannen. Geschenkte Jahre … und so hat er sie auch gesehen und verstanden und er
lebte sie in großer Dankbarkeit, zufrieden und hin und wieder auch fröhlich. Nun ist das alles vorbei.
Und nichts bleibt?

Ich denke, XXXXXXX hätte das so nicht sagen können. Warum sonst hätten ihm die Worte des Apostel Paulus “Nun aber bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, die Liebe aber ist die größte unter ihnen.” etwas bedeutet, warum sonst hätte er sich in ihnen wiedergefunden. Er hatte eine Ahnung von dem, was bleibt. Von Kind auf an war er in unseren Glauben hineingewachsen. Gottesdienst
und Kirche waren wichtiger Teil seines Lebens. Den Tag begann er mit einem Gebet, gemeinsam mit seiner Frau, und so endete er ihn auch. Nur wenn er die Kraft dazu nicht hatte, fehlte er im Gottesdienst, aber noch zum Passionsgottesdienst einige Tage vor seinem Tode war er gekommen. Er hatte eine Quelle gefunden, aus der er Kraft zum Leben schöpfte, gerade wenn das Leben schwer war. Und es war schwer in diesen letzten Jahren. So vieles noch tun zu mögen und es nicht zu können. Schmerzen zu erleiden, Krämpfe, wie im letzten halben Jahr so oft. Und doch nicht zu verzagen.

Als er vor 28 Jahren bei seinem ersten schweren Herzinfarkt in das Leben zurückgeholt werden musste, da hat er erfahren, wie dies Abgleiten aus dem Leben nicht schmerzhaft, sondern schön war, hell und licht und aufgehoben. Seitdem gab es keine Angst mehr vor dem Tod. Eher die Sorge um die, die zurückbleiben, um seine Frau vor allem. Gewachsen war das tiefe Wissen, bei Gott auch über den Tod hinaus geborgen zu sein. Er wusste von dem, was bleibt.

Paulus nennt als Wichtigstes davon: die Liebe. An anderer Stelle sagt er von ihr: “die Liebe vergeht niemals”. In einem Buch, das ich las, wird dieser Gedanke weitergeführt. Da heißt es “Bald aber werden wir alle sterben. Und alles Andenken wird dann von der Erde verschwunden sein, und wir selbst werden für eine kleine Weile geliebt und dann vergessen werden. Doch die Liebe wird genug gewesen sein. All diese Regungen von Liebe kehren zurück zu der einen Liebe Gottes, die sie entstehen ließ. Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe. Das einzig bleibend, der einzige Sinn.”

Von dieser Liebe, die von Gott her zu uns kommt, die in Jesus Christus
Gestalt angenommen hat, hat XXXXXX
gewusst und gelebt. In dieser Liebe hat er sich aufgehoben gefühlt. In diese Liebe ist er nun zurückgekehrt … das war sein Glaube, das ist unser Trost, das ist die Hoffnung für uns, damit aus der Trauer der Dank wachsen kann, Dank für das Geschenk dieses Lebens unter uns.

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