Wann wird es Tag?

Liebe Gemeinde!

Es wird erzählt, dass ein weiser Rabbi von einem Schüler gefragt wurde: Meister, woran erkenne ich, dass die Nacht zu Ende ist und der Tag beginnt? Ist es dann, wenn es hell genug ist, dass ich ein Schaf von einem Hund unterscheiden kann oder dann, wenn es hell genug ist, dass ich einen Dattelbaum von einem Feigenbaum unterscheiden kann? Woran also erkenne ich, wann der Tag beginnt? Der Rabbi antwortete: Der Tag beginnt nicht wenn du einen Hund von einem Schaf unterscheiden kannst oder einen Dattelbaum von einem Feigenbaum. Der Tag beginnt, wenn Du in das Gesicht eines Menschen blickst und in ihm deinen Bruder erkennst.

Sehr eigenartig, wirklichkeitsfremd und vielleicht wenig ernst gemeint mag uns diese Frage nach der Unterscheidung von Tag und Nacht vorkommen. Eine solch „läppische“ Frage trauen wir doch eigentlich keinem Grundschüler und erst recht keinem jungen, ernsthaftem Erwachsenen mehr zu. Wie viel klarer, wie viel eindeutiger wäre doch die Frage, warum es Nacht und warum es Tag ist. Ich sehe noch meine Mutter, die mir als kleinem Jungen diese Frage mit zwei Bällen, von denen der eine sich um seine eigene Achse drehte, sehr anschaulich zu erklären verstand. Trotzdem: Ich greife die Frage dieses Schülers an seinen Rabbi auf nach der Unterscheidung von Nacht und Tag, indem ich frage: Wann ist Nacht? Wann bin ich von Finsternis umgeben? Und ich bin an keiner physikalisch korrekten Antwort interessiert, die kenne ich nämlich seit meinen Kindertagen. Aber, wie ist es denn um uns herum, wenn wir den Partner, die Partnerin verloren haben durch Tod oder Verlassenwerden? Wie geht es uns, wenn wir von heut auf morgen arbeitslos sind? Wie fühlen wir uns als Vater, als Mutter, wenn wir unser kleines Baby im Arm halten und nicht wissen, ob es den nächsten Tag noch erleben wird? Wie fühlen wir uns, wenn wir auf der Intensivstation am Bett unseres Kindes stehen und sein Leben nach stundenlanger Operation auf des Messers Schneide steht? Dann ist doch stockfinstere Nacht in unserem Herzen – oder etwa nicht?

Finster ist es mit Sicherheit nicht nur draußen gewesen damals in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die als Datum herhalten muss für tagelange, organisierte Randale gegen alle jüdischen Mitbürger in Deutschland, sondern finster ist es ganz bestimmt auch für all diese Angegriffenen gewesen, als die Fensterscheiben und Lampen all ihrer Häuser eingeschlagen und ihre Geschäfte zugleich ausgeplündert wurden. Finster war es in Deutschland, als in dieser zynischerweise sogenannten Reichskristallnacht die Synagogen geschändet und anschließend abgebrannt und zugleich viele jüdische Männer verhaftet und in die Konzentrationslager abgeführt wurden. Wie finster mag es damals auch in jenen deutschen Nachbarn dieser jüdischen Mitbürger gewesen sein, so dass sie nichts gesehen, nichts bemerkt haben wollen, weil die einen schlicht Angst hatten, den Zerstörungen und Misshandlungen entgegen zu treten, und den anderen es gerade recht war? Als Kind und Jugendlicher hatte ich von meinen Eltern, die als Jugendliche zusammen mit ihren Eltern die Gottesdienste der Bekennenden Kirche besuchten, immer zu hören bekommen, genaues habe man nicht wissen können und wenn, dann nur irgendwelche Gerüchte. Gerne würde ich heute meine Eltern fragen und dann genauer als damals vor rund 40 Jahren: „Was habt ihr in dieser ‚Reichskristallnacht’ mitbekommen? Wie habt ihr euch dabei verhalten?“ Doch leider sind sie vor mehr als 10 Jahren gestorben und können mir nun nicht mehr antworten.

Ich will nicht glauben, dass man nichts wusste, nichts bemerkt haben will. Dagegen sprechen zu viele Berichte von Zeitzeugen, die sehr deutlich gespürt und erkannt hatten, was sich neben ihnen abspielte, und deshalb auf die ihnen gemäße Weise Widerstand leisteten. Ich denke, diese hatten sehr deutlich empfunden, dass sie nun in ganz besonders gefordert waren, dass sie nicht wegsehen durften und eindeutig Partei gegen das Unrecht und für die Schwachen zu ergreifen hatten. Die Ereignisse jener Tage und Nächte rund um den 9. November 1938 gehören eindeutig zu denen, die uns die Frage stellen: Wo stehen wir? Auf der Seite brutaler, menschenverachtender Machthaber oder Seite an Seite bei den Gequälten, den Gefolterten, bei den zu Unrecht Verfolgten und Misshandelten. Genau dies ist die Stunde, genau dies ist der Augenblick in unserem Leben, von der der Apostel Paulus schreibt, dass sie kommen wird wie ein Dieb in der Nacht, also total überraschend. So kennzeichnet der Apostel mit dieser nicht vorhersagbaren Stunde den Tag, an dem Gott von einem jeden von uns Rechenschaft über unser Tun und unser Nichtstun fordern wird.

Niemand kennt diesen Tag. Nur Gott allein weiß ihn. Umso aufmerksamer, umso bewusster müssen wir unser Leben führen, damit wir nicht völlig überrascht und tatenlos von schlimmen Ereignissen überrollt werden. „Lasst uns wachen und nüchtern sein“, fordert der Apostel seine Thessalonicher, fordert Paulus auch uns auf. Denn wer sich sorglos dem Schlaf überlässt, der liefert sich dem Dieb aus, der zu einem nicht erwarteten Zeitpunkt kommen wird, um das Haus dieses Schläfers auszurauben. Nun meint Paulus ganz sicher nicht, wir dürften nicht mehr schlafen, damit uns kein Dieb überraschen kann. Aber gegen das unbemerkte Eindringen eines Diebes können wir wirksame Vorkehrungen treffen. Bezogen auf „den Tag des HERRN“, auf den Tag, an dem Gott uns zur Rechenschaft ziehen wird, heißt das für uns, aufmerksam unser Leben zu leben. Uns ist unser Leben nicht geschenkt worden, damit wir so in jeden Tag hinein leben wie die Tiere, sondern wir haben von Gott einen Auftrag: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“(Gen 1,28) So heißt es im ersten Schöpfungsbericht und Gott segnete uns Menschen. Konkret heißt das für uns: Wir haben Verantwortung nicht einfach nur für uns selbst, sondern für die Welt um uns herum, in die wir hineingestellt sind – sie ist uns anvertraut worden von Gott.

Der Auftrag, sich die Erde untertan zu machen und über alles Getier, was auf dieser Erde lebt, zu herrschen, heißt nichts anderes, als dafür die Verantwortung zu übernehmen. Dazu hat uns Gott als sein Ebenbild geschaffen und uns das Gebot über den Geboten gegeben: die Nächstenliebe. Darum haben wir achtsam mit allen uns Anvertrauten umzugehen, nicht nur mit der Natur sonders ganz besonders auch mit unseren Mitmenschen, angefangen mit unseren Nachbarn. Denn Gott will durch uns als sein Ebenbild, den Kindern des Lichtes, wie Paulus sagt, in dieser seiner Welt erkennbar sein. – Wenn wir aber in unserer Achtsamkeit nachlassen, sie vernachlässigen und nur noch uns selbst und unseren Bedürfnissen leben, dann treten wir aus dem Licht heraus in die Finsternis der Nacht hinein und werden überrumpelt, wenn dann von uns Rechenschaft gefordert wird.

Darum mahnt Paulus: „So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.“ Was heißt das nun für uns? Ich verstehe die Aufforderung des Apostels, zu wachen und nüchtern zu sein, so, dass wir uns zwar liebevoll aber nicht unkritisch unseren Mitmenschen zuwenden, uns für sie interessieren, sie uns nicht gleichgültig sind. Zur Wachsamkeit gehört auf jeden Fall auch, dass wir uns erinnern, was in der Vergangenheit geschehen ist – Gutes und Schlechtes. Welcher Tag könnte besser geeignet sein als der heutige 9. November. Er ist für uns Deutsche ein besonders geschichtsträchtiger Tag. Zu Beginn unseres Gottesdienstes habe ich darauf hingewiesen. Dieser Tag heute fordert uns regelrecht dazu heraus, uns zu erinnern: an die millionenfachen Ermordungen durch die Nazis von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen sowie körperlich und geistig behinderten Menschen. Zugleich dürfen wir uns aber auch dankbar daran erinnern, dass z.B. heute vor 19 Jahren sich der „eiserne Vorhang“ öffnete, der auf eben die gleiche menschenverachtende, grausame Weise unser Land in West und Ost teilte.

Seien wir also dankbar für solch einen Tag der Erinnerung, weil er uns hilft, wachsam zu bleiben, weil er uns hilft, als Kinder Gottes im Licht zu bleiben und nicht in die Finsternis hinein zu tappen. Erinnern wir uns an den Rabbi und seinen Schüler: Wann ist noch mal die Nacht dem Tag gewichen? Genau dann, wenn wir im Gesicht unseres Gegenübers das unserer Schwester, unseres Bruders erkennen! Dazu verhelfe uns der gnädige, barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der HL. Geist.

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