Wahrheits-Liebe (1. Joh 3,18)

1 .Joh 3,18
Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

hat irgendjemand von Euch oder Ihnen noch nicht den Namen Robert Hoyzer gehört? Ich kann’s mir eigentlich nicht vorstellen, aber trotzdem noch einmal kurz zusammengefasst:

Robert Hoyzer ist der Schiedsrichter, der beschuldigt wird, durch bewusste Fehlentscheidungen Fußballspiele manipuliert zu haben, um so Wettgelder abkassieren zu können.
Er hat also betrogen, wir haben früher gesagt: „Schiebung!“

Das hat einen großen Aufschrei gegeben, in ganz Deutschland. Ein Fußballer, der einen Schiedsrichter mit „Du Hoyzer“ beschimpft, kann dafür die rote Karte bekommen.

Mich hat es ein wenig erstaunt, wie groß die Empörung war und immer noch ist. Im Vergleich zu anderen Skandalen, die wir aus Politik und Spitzen-Management kennen, ist der Hoyzer doch eigentlich nur ein kleiner Fisch. Wir regen uns zwar über hohe Politiker auf, die dienstliche und private Aufwendungen durcheinanderbringen, aber so richtig empören??? Oder die Manager, die sich höhere Gehälter bewilligen, während die Angestellten und Arbeiter kürzer treten sollen. Na ja, das wurmt uns schon. Aber da ist auch eine ganz leise Stimme, die sich in uns zu Wort meldet, und die sagt: “Sei mal ehrlich, würdest du es nicht auch nehmen, wenn du könntest?“ …

Hand auf Herz: ein bisschen Unehrlichkeit, ein bisschen durchlavieren, ein bisschen für sich selbst das Beste rausholen, – das ist doch ganz ok, oder sogar notwendig, um im Leben einigermaßen etwas zu werden – oder sehr Ihr das anders?

Sogar auch im Fußball ist es so, dass betrügen nicht unbedingt was Schlechtes ist. Die Fußballfans werden sich erinnern: Nelson Valdez von Werder Bremen hätte vor zwei Wochen im Spiel gegen Bayern München einen sicheren Elfmeter herausholen können. Er hätte sich nur im Strafraum über den Münchner Keeper Oliver Kahn fallen lassen brauchen, der Elfer wäre ihm sicher gewesen und hätte Werder Bremen höchstwahrscheinlich ein Unentschieden gegen die Bayern eingebracht. Aber nein: Nelson Valdez spielte fair. Eigentlich gut, oder? Aber was ist passiert: Nelson Valdez wurde dafür vom Verein und von Klaus Allofs, Mitspielern, Sportpresse doch ganz sachte kritisiert. Der Tenor der Reaktionen war so: Das ist ja ganz löblich, fair play. aber dann hieß es eben doch: der kleine muss noch ein bisschen was lernen …, er muss „gewitzter“ werden in der Chancenauswertung, hieß es da. Im Klartext: Nelson Valdez hätte lieber einen Elfer schinden sollen als ehrlich Fußball zu spielen – immerhin geht es ja auch um viel Geld.

Ein bisschen Unehrlichkeit oder Gewitztheit ist ok, entnehme ich diesen Beispielen. Aber beim bestechlichen Schiedsrichter hört’s auf: Einer, der wie niemand anders für Fairness und Ehrlichkeit einstehen soll. Das ist offensichtlich immer noch ein großer Tabubruch: Der Unparteiische, der als Mensch für ein gerechtes Spiel eintreten muss, der muss doch über allen Zweifel erhaben sein. Ich selbst war auch entsetzt und habe gedacht: wie kann ein Mensch sich nur so furchtbar verbiegen, absolut unverständlich.
Um Hoyzer kümmern sich jetzt die Gerichte – und um die anderen Beteiligten auch. Sie können sicher damit rechnen, ein faires Verfahren zu bekommen – wir haben ja einen Rechtsstaat – aber beim deutschen Fußballfan sind die Schuldigen wohl für immer unten durch …

Mir hat dieser Aufruhr um Robert Hoyzer und sein Fehlverhalten etwas gezeigt: Die Liebe zur Wahrheit und zu redlichem Handeln (ganz altmodisches Wort!) ist offensichtlich ein hoher Wert, auch heute noch. Wir Menschen wollen uns aufeinander verlassen können, wollen vertrauen können.

Das ist doch ein tolles Thema für eine Konfirmationspredigt. Da habe ich euch alle noch einmal sitzen und könnte euch so richtig ins Gewissen reden. Noch einmal die letzte Gelegenheit nutzen. Mir ist z.B. einer der Lieblingssätze von so manchem Konfirmanden eingefallen. Nämlich der Satz: „das war ich nicht!“ Wie Ihr wisst, könnt Ihr mich damit so richtig schön auf die Palme bringen (Insa?). – Aber wenn ich Euch da jetzt so sitzen sehen, am Ende unserer gemeinsamen Zeit, dann denke ich. gehört auch irgendwie dazu, deswegen will ich’s gar nicht auswalzen. Und jetzt im Rückblick finde ich manches ganz witzig, worüber ich mich in dem betreffenden Moment geärgert habe.

Nein, ich will Euch und auch nicht Euren Eltern und Familien gar keine großen Moralpredigten halten. Ich will euch erzählen, was mir vor gut einer Woche in Verden passiert ist.

Ich hatte einen kleinen Moment Zeit, und weil ich ein bisschen angestrengt und kaputt war, habe ich erst mal einen Kaffee getrunken. Neben mir in der Bäckerei saß eine laute Truppe. Vor allen Dingen der Wortführer ging mir ziemlich auf die Nerven, er führte große Reden über jugendliche Kriminelle und harte Strafen usw. Ich habe mich bemüht, wegzuhören. Aber irgendwann kriege ich mit, dass er über jemanden redet, den ich kenne, namentlich. Und er erzählte – übrigens in ungebrochener Lautstärke – etwas ganz Mieses über diesen Menschen, eine glatte Verleumdung. Ich wusste, dass das einfach nicht stimmt –
und ich habe nichts gesagt. Mein Kaffee war alle und ich habe zugesehen, dass ich schnell aus der Bäckerei verschwinde.

Dann habe ich mich geschämt, tue es heute noch.

Nichts gegen eine Lüge zu sagen ist eigentlich genauso schlimm wie lügen, oder? Ich hatte irgendwie Angst, dass dieser Unsympath sich über mich lustig macht vor allen Leuten. War einfach zu bequem: Bringt ja doch nichts, nur unnützer Stress …

Das waren so meine innerlichen Ausreden – aber ich wusste genau, dass das nicht stimmt. Das ich etwas hätte sagen müssen gegen die üble Nachrede, die da in aller Öffentlichkeit zu hören war.

Gar nicht so einfach mit der Wahrheit. Für Christen und Christinnen nicht. Auch nicht für eine Pastorin.

Jesus will nicht nur Wahrheit, sondern sogar Wahrhaftigkeit, es geht noch um viel mehr als nur „Papa und Mama nicht belügen und in der Klassenarbeit nicht schummeln“. Es geht um eine Ehrlichkeit, die mich vor Gott und vor meinem eigenen Gewissen gut dastehen lässt, wo ich mit mir und mit Gott im Reinen bin.

[TEXT]

Diesen Satz aus dem 1. Johannesevangelium haben sich gleich mehrere von Euch als Konfirmationsspruch ausgesucht:
„… lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“

Und ich schließe daraus: Auch bei Euch Konfirmandinnen und Konfirmanden steht die Wahrheit noch hoch im Kurs. Da sind wir Erwachsenen besonders in der Pflicht, Euch das vorzuleben: Ein Leben mit der Wahrheit.

Daran scheitere ich immer wieder. Mal bin ich zu feige, mal zu bequem, und manchmal ist meine Wahrheit auch lieblos:

„Das Kleid steht dir nicht, da siehst du echt fett drin aus.“ oder so.

Es geht um die wichtigen Dinge im Leben, und da sollten wir uns nicht drum herumschummeln. Ich hab es mir jedenfalls nach meinem Erlebnis in Verden noch einmal fest vorgenommen, mich nicht so schnell zu drücken, wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen: im persönlichen wie im gesellschaftlichen Bereich. Auch da gibt es ja viel Verleumdung – ich denke nur, wie die Neonazis gerade hier im Kreis Verden jetzt versuchen Euch zu ködern mit ihren Halbwahrheiten und ihrer Hetzpropaganda. „Mit der Wahrheit leben“, das kann dann auch mal bedeuten, sich gegen einen Türkenwitz zu wehren oder am 2. April beim Aktionstag gegen Rechtsextremismus mitzumachen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Ihr seid auf dem Weg Eures Lebens. Und heute wollt Ihr versprechen, dass Euer Weg in der Nachfolge Jesu geschehen soll. Das ist manchmal unbequem. Manchmal werdet Ihr trotz guter Vorsätze scheitern. Bleibt trotzdem auf diesem Weg, es ist der Weg des Lebens. Auch wenn Ihr mal etwas so richtig in verbockt habt: bei Gott sind neue Anfänge immer wieder möglich. Gott will mit Euch auf dem Weg bleiben, Euer Leben lang und noch weiter.

Und der Friede Gottes, der größer ist als unsere Vernunft, tiefer als unsere Verzweiflung und weiter als unser Unglaube, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

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