Wächter sind keine Kirchenbeamten

Im alten Persien hielt der König einen Sklaven als Mahner, der nur die eine Aufgabe hatte, den König immer wieder zu erinnern: ‚Denk an die Athener‘. Eigentlich eine böse Geschichte, weil es um Rache ging für eine militärische Niederlage.

Aber eine böse Sache mit einem richtigen Kern: Ein Mahner, der uns immer wieder daran erinnert, was wichtig ist, könnte auch bei uns wesentlich sein. Ein Terminkalender, der uns nicht von Term in zu Termin hetzt, sondern der uns daran erinnert, dass es Wichtigeres im Leben gibt, als zu funktionieren, als Leistung zu bringen und dem Erfolg nachzujagen, ein Wecker, der uns aufweckt aus unserer Trägheit zu einem Leben in Gemeinschaft.

So ähnlich setzt Gott Mahner in sein Volk: Sie beten zu Gott und erinnern sein Volk an den Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Das ist die christliche Gemeinde, die Gemeinschaft Aller, die glauben, dass Gott nicht nur Vergangenheit ist, nicht nur eine Gestalt aus einem alten Märchenbuch, sondern hier und jetzt unter uns ist, derselbe gestern heute und in Ewigkeit. Tag und Nacht wachen sie – die Wächter auf der Zinne. Sie sorgen dafür, dass keine Ruhe ist in Jerusalem und bei den Menschen, die zu Gott gehören.

Sie fordern auf, nicht nur zu mahnen und zu rufen, sondern auch zu tun: Tore zu öffnen und Wege zu bereiten. Davon erzählt der Prophet Jesaja:

[TEXT]

Unser Text ist eine Heilsprophetie für ein heilloses Volk. Es ist ein Text gegen Entmutigung und Ermattung. Es ist aber zugleich eine Geschichte über die Aufgabe von Gemeinde und von einzelnen ChristInnen zu aller Zeit an allen Orten. Jerusalem als die hervorgehobene Stadt Gottes kann da nur als Beispiel setzen. Auf die Mauern dieser Stadt stellt der Prophet Wächter, deren einzige Aufgabe es ist, immer wieder zu rufen, den Mitmenschen keine Ruhe zu lassen, bis sie den Willen Gottes tun.

Ziel dieser Aktion ist es nicht, Jerusalem zu ärgern oder zu provozieren. Das käme einer Verhöhnung gleich; denn Jerusalem liegt am Boden, ist zerstört, ausgeblutet, ohne Hoffnung. Aber gerade in dieser Lage braucht Jerusalem das Wort Gottes, das Gebet, die Hoffnung, die Gott schenken will.

Die Stadt Jerusalem ist heruntergekommen, ausgeplündert, ihres Schmucks beraubt. Und gerade zu dieser schutzlosen gedemütigten Stadt, die am Boden liegt, kommt ein Prophet Gottes und versucht sie aufzurichten, ihr zu helfen, sich ihres Wertes bewusst zu werden.

Die von Jesaja aufgestellten Wächter, das sind die, die unaufhörlich nerven und Gottes Willen den Menschen in Erinnerung rufen. Das sind die, die die Sünden Sünde nennen auch dort wo es politisch nicht passt. Wir können zu solchen Wächtern werden, wenn wir das Erbe der Reformation nicht nur verwalten, sondern auch weiter entwickeln. Wir können heute als ProphetInnen leben, wenn wir den Willen Gottes sagen.

Denn heute zur Zeit der christlichen Kirche muss die Gemeinde diese Funktion übernehmen. Sie muss Tag und Nacht warnen. Sie darf auf ihre Wächterfunktion nicht verzichten. Wo sie zu enge Bündnisse mit der Politik eingeht, muss sie reformiert werden, ihre Distanz wiedergewinnen. Einer der großen Geburtsfehler der Kirche der Reformation – die zu enge Bindung an politische Mächte.

Das Wort Gottes – die Bibel ist das allein tragende Fundament des Glaubens. Wenn eine Gemeinde sich dieses Wort nicht dauernd neu sagen lässt, geht sie verloren. Es muss in jeder Situation des Lebens neu gehört werden. Eine Gemeinde, die aufhört, das Wort in seiner jeweiligen aktuellen Bedeutung zu gewinnen, hat bereits verloren. Evangelische Gemeinde unter dem Wort muss Bahn machen dem Wort Gottes in einer gottfeindlichen Welt. Alles muss sich dem unterordnen: Die Bahn frei machen für den Gott, der da war, der da ist und der da kommen wird.

Die aufgestellten Wächter sind keine Kirchenbeamten, auch keine PfarrerInnen, sondern alle Menschen, die sich rufen lassen dort zu widersprechen, wo der Wille Gottes Sachzwängen untergeordnet werden.

Die Geschichte von Jesaja spielt in einer Zeit, als Jerusalem nicht nur ausgeplündert war, sondern auch viele im Exil lebten, weit weg von der Heimat, verbannt von den Siegermächten. Auch daran sollen die Wächter erinnern. Das dauernde Erinnern hat Verheißung. Nur der wach gehalten Schmerz kann geheilt werden. Gottes Willen immer wieder neu anzusagen, bedeutet eben auch sich aufzumachen und den Weg zu bereiten, denen die heimkehren.

Die Menschen in der Stadt nehmen nur das Schweigen Gottes wahr. Sie erfahren den Gott ihrer Mütter und Väter als einen Gott, der weit weg ist und mit ihnen nichts zu tun haben will. Sie vernehmen zu leicht nicht das Reden in diesem Schweigen Gottes. Aber der Herr selber wacht über den Mauern. Sein da sein will verkündet sein.

Die Heilserwartung wach halten in heilloser Zeit – für Jerusalem und die Menschen. Das ist die Aufgabe aller, die sich um sein Wort versammeln. Es kann keine Gemeinde geben, die innerhalb der Mauern bleibt, sie muss die Mauern öffnen und denen die Bahn bereiten, die vielleicht gar nicht darauf warten. Damals denen, die sich im Exil eingerichtet haben, heute jenen, die in Distanz und Halbdistanz verharren. Jenen Menschen, die die Kirche verlassen haben, weil sie in ihr kein Heil mehr verspüren oder weil sie sich von dem Heil, das die Kirche verkündet nichts mehr erhoffen.

Für die muss christliche Gemeinde beten. Für die muss christliche Gemeinde aber immer wieder neu das Wort in die Welt senden, dass die Menschen der Frage nach dem Sinn in ihrem Leben nicht ausweichen können.

Kirche, die aufhört einladende Gemeinde zu sein, ist keine Kirche mehr. Kirche, die sich vor lauter Einladung schämt ein hartes Wort gegen Unrecht und Gewalt zu sprechen, hat genauso ihren Sinn verloren.

Kirche ist Kirche dort wo sie Abendmahl feiert und der Welt die Wahrheit Gottes sagt.

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