Wachsen lassen (Ps 31,9b)

Ps 31,9b
[9b] Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

[Anmerkung: Ich habe mir Anhänger mit Füßen auf weitem Raum vom Rauhen Haus dazu bestellt, die ich an die Konfirmandinnen und Konfirmanden bei der Einsegnet verteilt habe.]

Liebe Konfirmanden und Konfirmanden, liebe Konfirmationsgesellschaften und natürlich liebe Gemeinde.

Ja, meine lieben Konfirmandinnen und Konfirmanden, da sitzt ihr nun und seit gespannt, was ich euch heute so zu sagen habe. Ich dachte mir, um am Anfang die Anspannung etwas zu lockern, erzählte ich zunächst einmal einen Witz. Also: Klein Fritzchen kommt am Montagmorgen ganz aufgeregt in die Schule. Sofort nach dem Klingeln, noch bevor der Unterricht richtig anfangen kann, erzählt er ganz aufgeregt, dass ihre Hündin Junge geworfen hat. „Vier junge Hunde haben sie nun“, sagt er nicht ohne Stolz. „Das ist ja toll“, sagt die Lehrerin und fragt ihn dann, „wollte ihr die alle groß ziehen?“ „Nein“, sagt Fritzchen, „die lassen wir wachsen.“ Die lassen wir wachsen, oder besser, euch haben wir wachsen lassen. Damit ist auch schon gesagt, worum es uns in den zurückliegenden Jahren gegangen ist.

Liebe Konfirmanden und Konfirmanden, ich bin mir sicher, dass es nicht nur mir in der Zeit des Konfirmandenunterrichts darum ging, euch wachsen zu lassen. Die Menschen, die euch wachsen lassen wollten und noch immer wachsen lassen wollen sind viele. Das sind zunächst eure Eltern und dann all die vielen anderen Menschen die Anteil an eurem Werden und Wachsen genommen haben. Onkel, Tante und Paten, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrer und Lehrerinnen, und in den zurückliegenden 20 Monaten auch ich, euer Pastor. Wir wollten euch nicht groß ziehen – nein, wir wollten euch wachsen lassen. Ihr solltet hineinwachsen in die Welt der Erwachsenen.

Für den Konfirmandenunterricht heißt das, Ihr solltet lernen, dass der Glaube für euch eine Hilfe zum Leben sein will; Ihr solltet soviel vom christlichen Glauben mitbekommen, dass Ihr euch über diesen Glauben ein Urteil erlauben könnt. Wir wollten es euch ermöglichen, eure Umwelt mehr und mehr kennen zu lernen, so dass ihr euch immer mehr mit dieser Umwelt vertraut machen könnt. Vor allem aber solltet Ihr euch mit immer mehr Menschen vertraut machen. Raum wollten wir euch geben, den ihr für euch erkunden könnt.

Ich denke, teilweise ist es gelungen. Und manchmal ist es misslungen. Vielleicht, weil ihr mit der Freiheit nicht umgehen konntet, die wir euch angeboten haben – oder, weil wir euch gar keine Freiheit geboten haben. Doch überwiegend ist es wohl gelungen. Außerdem, ihr seid ja noch zugange! Ihr seid heute noch nicht erwachsen, sondern ihr seid dabei Erwachsene zu werden. Ihr werdet noch wachsen. Zum einen wirklich körperlich auf jeden Fall die Jungen werden noch wachsen, in zwei oder drei Jahren werdet ihr bestimmt einen Kopf größer sein als heute. Doch nicht nur körperlich werdet Ihr noch wachsen auch geistig werdet Ihr weiterhin wachsen. Ja, ich hoffe dass das geistige wachsen niemals aufhört.

Geistiges wachsen bedeutet ja, dass ich immer wieder neu versuche mir andere Gedanken und dann auch die Menschen, die diese Gedanken denken vertraut zu machen. Es müssen dann nicht meine Gedanken werden, ich kann ganz Entgegengesetztes denken, doch ich muss versuchen den anderen und das andere zu verstehen. Diesen Freiraum zum wachsen habt ihr. Ihr habt ihn nicht nur von uns, den Erwachsenen, die euch begleitet haben und weiterhin begleiten werden. Nein Ihr habt ihn auch von Gott.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum. So haben wir es vorhin im Psalm gehört. So hat es dieser Mensch erfahren der den Psalm als erstes gebetet hat. Er hat Gott nicht kennen gelernt als einer der ihm gesagt hat, was er soll und muss; Gott war für ihn keiner, der ihm gesagt hat, dass darfst du und das darfst du nicht. Nein er hat Gott erfahren als einen, der ihm immer wieder neue Lebensmöglichkeiten geschenkt hat. Gerade weil er sich von Gott begleitet und gehalten wusste, konnte er die Freiheit die ihm von Gott gegeben war, bewusst erleben. Er erlebte die Freiheit als eine Freiheit, in der Bindung an Gott, in der Zuwendung Gottes an ihn, den Menschen. So konnte er beten: beschützte und bewahre mich, bei dir bin ich sicher geborgen wie in einer Burg. Du ergreifst meine Hand und eröffnest mir Freiräume, mich zu entfalten.

Ohne die Zuwendung Gottes hätte dieser Mensch sich gar nicht getraut den weiten offenen Raum für sich zu erkunden. Nur die Bindung an Gott, nur das Vertrauen darauf, dass Gott ihn an der Hand halten würde, schenkten ihm den Mut, diesen Raum auch als Freiheit zu erkennen und zu erkunden. Das ist ja nicht so selbstverständlich, dass Freiraum als zu gestaltender Freiraum begriffen wird. Freier, weiter offener Raum kann ja auch Furcht einflössend sein, da ist es dann gut, wenn ich eine Orientierungshilfe, einen Halt habe. Und doch ist es für euch, dir heute konfirmiert werdet, momentan vielleicht gar nicht einzusehen, dass ihr irgendeine Hilfe brauchen könntet.

Ich seid gerade in dem Alter, in dem Ihr euch ganz bewusst von den Eltern und von allem was ein wenig nach Autorität riecht abwendet. Freiheit ist für euch momentan ein Wert an sich. Doch Freiheit ist niemals bestimmt als Freiheit wovon, sondern nur durch das Wofür! Wovon ihr frei seid, das ist schnell gesagt. Heute, nach der Konfirmation seit ihr befreit von dem Druck in die Kirche gehen zu müssen und von dem stressigen Konfirmandenunterricht. Irgendwann werdet Ihr dann befreit sein von der Schulpflicht und natürlich nicht zu vergessen von Jugendschutzgesetz.

Doch diese Freiheit müsst ihr gestalten. Deshalb ist Freiheit immer eine Aufgabe, Freiheit wozu. Ganz konkret müsst ihr mit dem Tag der Konfirmation in eigener Verantwortung euer Leben als freie Christenmenschen gestalten. Ihr werdet dazu befreit, eigenverantwortlich das christliche Leben zu gestalten. Und im Laufe der kommenden Jahre werdet Ihr immer mehr Bereiche eures Lebens eigenverantwortlich zu gestalten haben. Wer wird dann mit euch gehen? Woran werdet Ihr euch orientieren? Wer oder was kann euch helfen den weiten Raum nicht als Bedrohung zu erfahren, sondern als Freiheit, als Angebot zur Gestaltung durch euch.

Ich denke, teilweise haben eure Eltern noch die Möglichkeit euch zu begleiten. Der eine und die andere haben vielleicht in seiner Patin oder seinem Paten oder in irgendeinem anderen Erwachsenen solch einen Begleiter. Euch allen aber wünsche ich, dass Ihr nicht vergesst, Gott ist da um euch zu begleiten. Er will euch wahrnehmen mit all euren Sorgen und Problemen,
er will euch an die Hand nehmen, nicht um euch zu gängeln, sondern um euch zu stützen und wenn es sein muss auch mal zu beschützen. Er will mit euch gehen, damit ihr euer Leben bewusst entfalten könnt.

Für jede und jeden von euch gilt: Gott stellt meine Füße auf weiten Raum. Damit Ihr das nicht vergesst, bekommt Ihr von mir diesen kleinen Anhänger. Fußabdrücke am Rande eines Raumes, sie wollen diesen Raum gerade betreten. Wir sehen nur die Abdrücke der Füße, doch es ist klar, da hat ein Mensch gestanden, der einen ihm neuen Raum betreten hat. Den Menschen können wir nicht sehen und wir sehen auch Gott nicht, der diesen Menschen in den weiten Raum gestellt hat und ihn mit schützender Hand hält und begleitet. Doch genau so, wie die Spuren ja nicht ohne einen Menschen in den Raum gekommen sind, ist auch der Mensch nicht ohne Gott gewesen. Gott ist auch bei euch, wenn ihr in vertrauter Umgebung seid und vor allem, wenn ihr neue Lebensräume betretet. Gott will Euch nicht in eine bestimmte Richtung ziehen, er will euren Weg mit euch gehen.

Und wir, die wir euch begleitet haben während einiger Zeit auf eurem Lebensweg und auch die, die euch in Zukunft noch begleiten werden, wir wollen euch nicht in bestimmte Formen pressen. Wir möchten euch nur die Sicherheit und das Vertrauen vermitteln, das es euch erlaubt, euren eigenen Lebensweg vertrauensvoll zu gehen. Denn groß ziehen wollen wir euch nicht, wir lassen euch wachsen, mit Gottes Hilfe.

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