Wachet und betet (Ps 23,1-6)

Ps 23,1-6

[1] Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. [2] Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. [3] Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. [4] Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. [5] Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. [6] Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Liebe N.N., alle Angehörige, werte Trauergemeinde!

Die Erlebnisse der letzten Tage und Wochen sind für Sie alle noch sehr präsent. Sie haben aus nächster Nähe miterleben müssen oder auch miterleben dürfen, wie es war, als N.N. sich durch die Krankheit immer mehr veränderte und wie es zum Schluss um ihn stand. Das war sicherlich nicht leicht und besonders Ihnen, liebe N.N., spüre ich die Erschöpfung ab, denn es jetzt ja auch ein körperlicher Einsatz, der benötigt wird, wenn man bei dem Menschen, den man lieb hat, wachen und bleiben will.

Sie haben das getan, was Jesus für seinen Aufenthalt im Garten Gethsemane als Bitte an seine Jünger gerichtet hatte: Bleibet hier, und wachet mit mir. In dieser Bitte bekommt Sehnsucht eine sprachliche Ausgestaltung und im übertragenen Sinne natürlich haben Sie eben das getan, viel anders und besser als die Jünger damals, die ja bekanntermaßen einschliefen und sich durch den Schlaf entzogen haben. Sie, liebe N.N. waren bei ihrem Mann, er musste nicht warten, wenn er sie rief. Und ich denke, die Nähe, die Sie zu Ihrem Mann in den vielen Ehejahren, die Ihnen beiden beschieden wurden, hatten, hat ihre Vollendung in den letzten Stunden im Leben Ihres Mannes gefunden.

Erinnern wir uns: Heute vor einer Woche riefen Sie an und ich kam zu Ihnen und wir haben im Beisein von Ihren Kindern das Heilige Abendmahl gefeiert. Und das ging alles nur so gut, weil Gott selber anwesend war und seinen guten Geist dazu gegeben hat. Und – haben Sie es gespürt – wie Ihr Mann mit einem Male aufmerksamer wurde, als wir mit Worten des 23. Psalms gebetet haben? Ich wusste: Gott ist hier, weil wir die Verheißung haben, dass er uns nicht alleine lässt. Das letzte was ich zu N.N. gesagt habe, nachdem er den Segen zum seligen Sterben empfangen hatte, war: Wir sehen uns wieder.

Einige Stunden später war es, dass Ihr Mann eingeschlafen war. Wie gut ist es doch, dass Sie bis zum Schluss bei ihm waren, größere Liebe und Fürsorge konnten Sie gar nicht beweisen und ich will es mal so sagen: Für mich ist das christliches Handeln mit Vorbildcharakter. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie im Sinne Jesu gehandelt haben.
Und ich bin davon überzeugt, dass Sie in diesen letzten Stunden, die Ihnen mit Ihrem Mann beschieden wurden, nicht alleine waren. Gott war durch seine Engel in Ihrer Nähe und als Sie mir im Trauergespräch sagten, dass es nach dem Eintritt des Todes ganz still im Sterbezimmer gewesen sei, da wusste ich, dass das gar nicht anders sein konnte. Denn: Die Engel Gottes gehen auf leisen Sohlen, um niemanden zu verschrecken.

Ihr Mann wurde erlöst von seiner Krankheit und wer N.N. in seinen letzten Tagen gesehen und erlebt hat, der weiß, wie sehr ein Mensch weniger wird und abbaut. Erlösung ist sicherlich das angemessene Wort, wenn wir Gottes Handeln an ihn umschreiben wollen. Aber Erlösung kennt nicht nur die Seite des Verstorbenen, dem es jetzt besser geht, sondern Erlösung ist gleichzeitig auch die Zumutung, die Sie, liebe Angehörige erleben: Der Mensch, der zu Ihnen gehört hat, mit dem Sie zusammen gelebt haben, ist nicht mehr da und fehlt Ihnen jetzt und es wird einige Zeit dauern, bis es so etwas wie ein einigermaßen normales Leben ohne N.N. gibt. Sie werden noch oft denken: Wenn dass mein Mann, mein Vater, mein Schwiegervater, Opa usw. das noch hätte erleben können. Das Wesen des Abschieds besteht eben darin, dass alles seine Zeit hat und das gilt eben auch für die Trauer, die Sie im Augenblick empfinden mögen.

N.N. wurde am 12. April 1919 als ältester Sohn von….. geboren. Nach der Schulzeit blieb er auf dem Anwesen der Eltern, denn man konnte ihn als Arbeitskraft gut gebrauchen. 1938 kam er zum Arbeitsdienst nach Eldagsen am Deister. Ein Jahr später wurde er Kriegsteilnehmer und musste am Frankreich- und am Russlandfeldzug teilnehmen. Bei Kriegende kam er in russische Gefangenschaft und hat nach Beendigung derselben bei der Bundesbahn angefangen zu arbeiten. N.N. war sicherlich fleißig und zuverlässig, denn sonst hätte er den Aufstieg vom einfachen Arbeit bis zum Betriebsinspektor nicht geschafft. Am 6. November 1948 haben Sie geheiratet und das bedeutet ja, dass Sie einen Tag vor ihrem 57. Hochzeitstag Abschied genommen haben. Im Februar 1973 sind Sie von Hannover nach Fuhrberg in das eigene Haus gezogen. Als 1984 unser Gemeindehaus gebaut wurde, war es unter anderem N.N., der sich als treu und zuverlässig erwies und mit Begeisterung geholfen hat, dieses Werk mit zu vollenden. N.N. hat Spuren hinterlassen, nicht nur bei Ihnen in seiner Familie, sondern auch in unserer Kirchengemeinde. Das ist gut so.

Liebe Trauergemeinde, ein biblisches Wort hat unseren Verstorbenen bis zum Schluss begleitet. Es ist der 23. Psalm. Warum das? Nun, N.N. sagte: Da steht alles drin, was ein Mensch wissen muss für sich und seinen Glauben. Hier ist er, der 23. Psalm:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, In keinem Psalm ist diese Grundbewegung des Vertrauens so schön in Worte gefasst wie im 23. Psalm. In diesem Psalm geschieht das Einüben in ein Verhältnis zu Gott in geradezu exemplarischer Weise. Es geht darum, dass wir mit Gott auf Du und Du stehen können. Dabei beginnt der Psalm keineswegs mit einer „Du“- Aussage, sondern vielmehr mit lauter Aussagesätzen über Gott in der 3. Person: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“ Mit diesen vollmundigen Worten, die sich nicht vertrauensvoll an Gott wenden, sondern die eher lobende, preisende Aussagen über Gott machen, beginnt der Psalm. Und ich kann mir nicht helfen, aber ich habe den Eindruck, dass der Beter bei diesen Aussagen den Mund ziemlich voll nimmt.

„Mir wird nichts mangeln.“ Nichts! Wirklich nichts! „Auf grüner Aue“ und „zu frischem Wasser“ sieht er sich geführt. Diese Aussagen strotzen von Lebensfülle und Zufriedenheit. Ja, die Seele dieses Beters ist „erquickt“, erfrischt, als gäbe es keine Not, kein Leid, nichts, was Furcht erregen könnten. In der Tat: Der Mensch, der diesen Psalm betet, nimmt den Mund sehr voll. Aber er tut es gerade nicht als frommer Kraftprotz, der einfach alles übersieht und verdrängt, was ihm Furcht einflößen könnte. Er nimmt den Mund voll, weil er ein erfahrener Mensch ist. Ein Mensch, der großartige Erfahrungen mit Gott gemacht hat. Erfahrungen, die ihm die Gewissheit schenken: In aller Not meint es Gott doch gut mit mir. In aller Bedrohung brauche ich mich nicht selbst zu schützen, denn Gott selbst ist mein Schutz, ist mein Hirte. Der Beter dieses Psalms hat Erfahrungen gemacht, die er nicht für sich behalten will. Darum redet er von Gott in der 3. Person. Alle sollen es hören, dass er von Gott redet. Alle sollen von seinen Erfahrungen hören. Damit will er anderen die Augen öffnen für ihre Erfahrungen des Trostes und der Hilfe. Er ruft seine Erfahrungen mit Gott in Erinnerung. Er malt diese Erfahrungen vor Augen mit herrlichen Bildern. Mit diesen Bildern will er seine Erfahrungen vor dem Vergessen retten. Denn er weiß: Vergessen ist der Anfang des Unglaubens. Ist der Anfang der Furcht. Er malt seine Erfahrungen mit Gott in wunderbaren Bildern, um sie aufzubewahren als eiserne Ration für Tage der Not, für finstere Täler der Zukunft, für künftige Bedrohungen durch Feinde.

Erst als der Beter auf seine Lebensnot, auf seine Furcht zu sprechen kommt, wechselt er die Form der Anrede. Er kann nicht bei der Beschreibung Gottes und seiner Gnade stehen bleiben. Jetzt bricht plötzlich das „Du“ aus ihm heraus. Der Lobpreis Gottes wandelt sich zum vertrauensvollen Gebet, das „Du“ sagt. Ein Psalm, der zum „Du“ drängt: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“

Liebe Trauergemeinde, liebe Angehörige, kann Ihnen dieser Psalm helfen mit der Trauer klarzukommen? Ich weiß es nicht, weil ich Ihre Gedanken nicht kenne. Ich weiß aber, dass gerade diese alten und schönen Worte manch einem geholfen haben, als es darum ging durch Zeiten der Not hindurchzukommen. Und sehen Sie: in Zeiten der Not haben viele Menschen das Gefühl, alleine und von allen Menschen verlassen zu sein. Es gibt, so denke ich, kein schlimmeres Gefühl, als alleine zu sein mit dem, was einem bedrängt. Ich sage mir dann, auch wenn alle Menschen weit weg sind und ich mich mit meinen dunklen Gedanken alleine gelassen fühle, ist Gott da. Dann und erst recht dann. Ob N.N. das ähnlich gesehen hat? Genau kann ich es nicht beantworten, schon gar nicht mit ja oder nein, aber ich bin mir sicher, dass ihm dieser Psalm, der seines gleichen sucht, sehr viel bedeutet hat und dass er in den Höhen und Tiefen seines Lebens sich an diesem Wort orientiert hat.
N.N. ist uns lediglich vorausgegangen. Sein Weg in dieser Welt und dieser Zeit ist zuende. Und auch wenn das so ist, bleiben für Sie, liebe Angehörige viele gute Erinnerungen, Gefühle und Bilder.
N.N. ist bei Gott in guten Händen und er ist an dem Ort, an dem es keine Krankheiten, keine Schmerzen und keine Tränen mehr geben wird.

Wir haben diesen Weg noch vor uns. Es ist an der Zeit, dass wir mit dem Glauben an Gott Ernst machen, damit auch wir schon jetzt sagen können: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. Denken Sie bitte einmal darüber nach.

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